Kraftwerk in Marbach Räte irritiert über Vorgehen der EnBW

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Die Arbeiten an der Netzstabilitätsanlage sind in vollem Gange. Foto:  

Zu dem neuen Kraftwerk in Marbach hat der Energiekonzern eine Reihe von Änderungswünschen – und soll nun im Gemeinderat die Hintergründe erläutern.

Marbach - Das Bauprojekt der EnBW am Neckar war nie ganz unumstritten. Zunächst schmeckte Kritikern nicht, dass in der Anlage, die ausschließlich bei Störungen im Netz anspringen soll, fossile Energieträger verfeuert werden. Später wurde moniert, dass für den Betrieb der Gasturbine in dem Kraftwerk Grundwasser angezapft werden muss. Jetzt, da die Arbeiten an dem Projekt längst laufen, gibt es neue Irritationen. Der Marbacher Ausschuss für Umwelt und Technik wunderte sich in seiner jüngsten Sitzung über eine ganze Reihe von nachträglichen Änderungswünschen der EnBW, fühlte sich nicht ausreichend über die Hintergründe informiert – und nahm das Gesuch deshalb von der Tagesordnung. Über die den Bebauungsplan betreffenden Punkte wird nun der Gemeinderat entscheiden. Bei dessen nächster Zusammenkunft am 14. Oktober, so die Forderung der Runde, solle ein Vertreter des Konzerns auch erläutern, warum die Pläne plötzlich modifiziert werden müssen.

Wie den Ausführungen der Bauamtsmitarbeiterin Laura Bader zu entnehmen war, will die EnBW in der Tat noch an einigen Stellschrauben drehen. Laut einem Änderungsantrag vom 30. Juli solle unter anderem der Innendurchmesser des Schornsteins nun statt 7,50 Meter, wie bisher genehmigt, 10,50 Meter betragen. „Das ergibt einen Außendurchmesser von 13 Metern“, sagte Bader. Weiter in die Höhe gehe es indes nicht, hier bleibe es bei 80 Metern. Dafür müsse zusätzlich ein zehn Meter hoher Löschwassertank errichtet werden. „Außerdem entsteht ein neues Pumpenhaus“, erklärte Bader. Ferner änderten sich teilweise auch die Maße und die Lage von Gebäuden und Erschließungsflächen auf dem Gelände.

Rätin sieht gravierende Änderungen

Der Marbacher Ausschuss selbst musste sich mit Anträgen zur Überschreitung der Baugrenze durch zwei Trafogebäude sowie einem Container, der komplett außerhalb des eigentlich zulässigen Bereichs liegen soll, beschäftigen. Insgesamt geht es um eine Fläche von 46 Quadratmetern, die die EnBW zusätzlich außerhalb des Baufensters in Anspruch nehmen will.

„Ich bin baff. Ich frage mich wirklich, was da geplant worden ist“, so Barbara Eßlinger von den Grünen angesichts der Abweichungen in solchen Dimensionen. Die Änderungen seien unterm Strich gravierend, die Erklärungen nicht ausreichend. Die Verbreiterung des Schornsteins wirke sich beispielsweise auch aufs Erscheinungsbild aus. Hendrik Lüdke von Puls konnte ebenfalls nicht nachvollziehen, dass im Nachhinein in so großem Stil nachjustiert werden muss. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sich so verrechnet haben“, meinte er. Jochen Biesinger von der CDU fand es außerdem bedauerlich, dass die EnBW der Stadt den Sachverhalt nicht persönlich erläutert habe. Bauamtsleiter Dieter Wanner bestätigte, dass es im Vorfeld der Sitzung keinen „großartigen Kontakt“ gegeben habe, in dem die Änderungen intensiv erläutert worden wären. Allerdings sei die Kommune auch nicht die Genehmigungsbehörde, sondern das Regierungspräsidium. Man werde im Verfahren nur angehört und zu den gewünschten Befreiungen im Bebauungsplan befragt.

EnBW will den Sachverhalt vor Ort erklären

Gleichwohl werde die ENBW „selbstverständlich“ die Beweggründe für die einzelnen Anpassungen wie gewünscht im Gemeinderat aufdröseln, kündigt Pressesprecherin Dagmar Jordan auf Nachfrage an. Sie macht auch keinen Hehl daraus, dass sich „im Laufe der Bauausführung“ einige Modifizierungen ergeben hätten. Das sei aber nicht unüblich. „Zwischen dem Zeitpunkt der Genehmigungsplanung und der Ausführungsplanung ergeben sich oft noch bauspezifische Anpassungen, die zu solchen Änderungen führen können“, erklärt sie. „Eine Öffentlichkeitsbeteiligung am Verfahren war jedoch nicht notwendig, da die Änderungen nach durchgeführten Vorprüfungen keine nachteiligen Umweltauswirkungen haben“, führt Jordan weiter aus und betont, dass sämtliche Grenzwerte bei den Immissionen, insbesondere im Hinblick auf Luft und Schall, nach wie vor eingehalten würden, alles in allem die Versiegelung von Flächen sogar um circa 350 Quadratmeter verringert werden könne. Zwar benötige man für einzelne Gebäude und technische Anlagen mehr Platz als anfangs angenommen, doch das werde mehr als wettgemacht durch entsprechende Einsparungen bei den Verkehrsflächen.

Konzern versichert: Keine Auswirkung auf Schadstoffemissionen

Was die Vergrößerung des Schornsteins an der Anlage anbelangt, so würden dadurch „die Strömungsgeschwindigkeiten im Abgas“ reduziert. „Damit werden die niedrigen Schall-Immissionswerte eingehalten. Diese Änderung hat jedoch keinerlei Auswirkung auf die Schadstoffemissionen“, versichert Dagmar Jordan.

Sinn und Zweck der Anlage

Energiewende
Das neue Kraftwerk am Neckar soll seinen Teil dazu beitragen, dass die Energiewende gelingen kann. Denn die Anlage wird dann anspringen, wenn es bei der Umstellung auf grüne Technologien wie Windkraft oder Photovoltaik zu Versorgungsengpässen kommen würde und die Netzstabilität nicht mehr gewährleistet wäre. Herz der Konstruktion ist eine Gasturbine, die mit leichtem Heizöl befeuert wird. Besagtes Öl steht in rauen Mengen auf dem Gelände zur Verfügung, sodass man unabhängig ist von etwaigen Lieferengpässen.

Zeitplan
Der offizielle Spatenstich für die neue Anlage war im Oktober 2020. Die Genehmigung hatte die EnBW kurz davor im Juli erhalten. Ziel ist, das Kraftwerk im Oktober nächsten Jahres in Betrieb zu nehmen. Die Gasturbine darf allerdings maximal 1500 Stunden im Jahr laufen.