Bau von Kraftwerk in Marbach Eine Anlage, die im Idealfall niemals läuft

Von Christian Kempf
Die Fassaden der künftigen Wasseraufbereitungsanlage stehen bereits. Foto: Werner Kuhnle

Die EnBW baut in Marbach ein neues Kraftwerk. Obwohl es mehr als 100 Millionen Euro kostet, soll es so selten wie möglich Strom erzeugen.

Marbach - Es ist schon fast ein Paradoxon. Die EnBW lässt im Marbacher Energie- und Technologiepark gerade ein neues Kraftwerk für mehr als 100 Millionen Euro errichten – das im besten Fall niemals laufen wird. Dieser scheinbare Widerspruch liegt in der Aufgabe der Anlage begründet, für die im Oktober vergangenen Jahres der Spatenstich erfolgte: Die Maschinen springen nur in Ausnahmesituationen und im Notfall ein. Und der tritt dann ein, „wenn es zu Störungen oder Ausfällen im Übertragungsnetz kommt“, erklärt Bastian Bluthardt, der sich mit Florian Hennies die Leitung bei dem Großprojekt teilt. Dann wird die Anlage innerhalb von 30 Minuten hochgefahren, um Strom zu produzieren.

Unabhängig von Gas

Damit soll vor allem sichergestellt werden, dass die Energiewende reibungslos über die Bühne gehen kann. Denn bei der anvisierten Umstellung auf Windkraft, Photovoltaik und Co. kann es zu Schwankungen im System kommen und passieren, „dass die Lasten nicht mehr gleichmäßig verteilt werden. Dann geht die Anlage an“, erläutert Florian Hennies. Wie oft das passieren wird, lasse sich nicht beziffern. Es gebe dazu keine Erfahrungswerte. „Genehmigt ist die Anlage für einen Betrieb von bis zu 1500 Stunden pro Jahr. Wir rechnen aber damit, dass es viel weniger sein werden“, sagt der EnBW-Mann. Das dürften auch die Kritiker des Projekts hoffen, die stört, dass in dem neuen Werk mit Öl ein fossiler Energieträger verfeuert wird, um die Gasturbine ins Rollen zu bringen. Bastian Bluthardt kennt diese Einwände natürlich. Es gehe aber darum, im Notfall schnell reagieren zu können. Und das sei durch die Verwendung des Heizöls garantiert. Das flüssige Gold ist zudem in gewaltigen Tanks und damit in rauen Mengen direkt am Standort gelagert. Davon abgesehen mache man sich damit unabhängig vom Gasmarkt und möglichen Lieferengpässen. Für diesen Brennstoff fehle in der Nähe auch ein Vorratsspeicher.

Man spricht Italienisch

Mit ihrem Konzept für das Kraftwerk hatte sich die EnBW an einer Ausschreibung beteiligt und im August 2019 den Zuschlag erhalten. Der Energieriese selbst hat sich anschließend nach einem Generalunternehmen umgeschaut, das die Netzstabilitätsanlage realisiert. Wie man sich denken kann, handelt es sich dabei um eine Aufgabe, die ganz wenige Firmen in Europa schultern können. Die Wahl fiel auf Ansaldo Energia aus Genua. Folglich wird auf der Baustelle vornehmlich Italienisch parliert, Hennies und Bluthardt kommunizieren mit ihren Ansprechpartnern auf Englisch. Aktuell wuseln zwischen 40 und 60 Arbeiter über das Gelände, das sich direkt neben dem bestehenden Kraftwerk befindet. „Im Augenblick sind die Rohbauarbeiten. Das ist noch überschaubar, was den Einsatz von Personal angeht. Aber wenn dann die ganzen maschinen- und anlagentechnischen Gewerke dazukommen, rechnen wir mit 150 Leuten auf der Baustelle“, erklärt Bluthardt.

Fundamente fast fertiggestellt

Allzu lange wird es voraussichtlich nicht mehr dauern, bis auf dem rund 14 000 Quadratmeter großen Gelände eine dreistellige Zahl an Arbeitern hämmern und klopfen wird. Die Fundamente für die Gasturbine, das Maschinenhaus oder das Schaltanlagengebäude sind inzwischen weitgehend fertiggestellt, für die Wasseraufbereitungslage sind sogar schon die Wände errichtet worden. Zuvor war der Boden auf dem Areal verdichtet worden. Die Großkomponenten für das Werk sollen im Juli angeliefert werden, bis dahin muss die Bodenplatte gegossen sein. Überdies geht es darum, den Boden aufzufüllen, und zwar um satte drei Meter. „Damit wird der Hochwasserschutz für die Anlage gewährleistet“, sagt Bastian Bluthardt. Drei Meter sind allerdings ein Klacks im Vergleich zu dem Schornstein, der für die Anlage benötigt wird. Der wird rund 80 Meter in die Höhe ragen. Zum Vergleich: der schon aus der Ferne sichtbare Finger des bestehenden Turms der EnBW in Marbach misst ungefähr das Doppelte.

All die noch fehlenden Arbeitsschritte werden bis spätestens Oktober 2022 abgeschlossen sein, versichert Florian Hennies. Dabei hat die EnBW auch keinen Spielraum. Denn die Vorgaben besagen, dass die Inbetriebnahme der Anlage bis dahin erfolgen muss – auch wenn sie von da an im Idealfall niemals anspringen soll.