Interview zum Aus des Marbacher Autohauses Betz „Wirklich fassen kann ich es bis heute nicht“

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Hinter den Kulissen des Autohauses brodelt es schon seit einiger Zeit. Foto: KS-Images.de

Die Nachricht, dass das Marbacher Autohaus Betz schließen wird und das Gelände an Lidl verkauft worden ist, war für viele ein Schock. Auch für Werkstattleiter Dieter Hebeda. Im Interview erzählt er, wie er die Zeit erlebt hat, und erhebt auch Vorwürfe gegen Geschäftsführer Dieter Horn.

Marbach - Das Autohaus Betz wird schließen, das Gelände wurde bereits an Lidl verkauft – die Nachricht schlug Anfang Februar ein wie eine Bombe. Nicht nur, weil das Autohaus eine rund 70-jährige Unternehmertradition in Marbach aufweist, sondern auch, weil das Gelände mit seiner beachtlichen Grundstücksgröße im Innenstadtbereich liegt und eine mögliche Nutzungsänderung die Entwicklung der Stadt beeinflussen dürfte. Aufgestoßen ist den Mitarbeitern vor allem die Art und Weise, wie der Verkauf ans Licht kam. Denn sie selbst erfuhren erst aus der Presse von den Fakten. Für Dieter Hebeda, Werkstattleiter der Firma Betz, ein Unding. Im Interview erzählt er, wie er die Zeit erlebt hat, und erhebt auch Vorwürfe gegen Geschäftsführer Dieter Horn. Der hüllt sich trotz mehrfacher Anfragen, wie schon in der Vergangenheit, in Schweigen.

Sie waren jetzt 38 Jahre bei der Firma Betz, waren Werkstattleiter seit sechs Jahren . . .

Ja, ich bin ein richtiges Betz-Kind. Den Erich Betz Senior habe ich noch gekannt, unter Erich Betz Junior bin ich 1982 eingestellt worden, und seit 17 oder 18 Jahren arbeite ich jetzt unter Dieter Horn.

Wie waren die vergangenen Wochen?

Schlimm. Das Schlimmste waren wirklich die Facebook-Einträge usw. Diese Kommentare, „Karma is a bitch“ oder so. Das hat schon geschmerzt. Denn man hat seinen Dienst gemacht. Natürlich haben wir auch mal Fehler gemacht. Es menschelt eben. Aber im Großen und Ganzen denke ich, war es eigentlich relativ gut. Auch das Feedback der Kunden war insgesamt meist positiv.

Und das Aus?

Das hat natürlich auch getroffen. Da habe ich wirklich drei Wochen gebraucht, um das zu realisieren. Wirklich fassen kann ich es aber bis heute nicht. Das kann ich wohl erst, wenn endgültig ade gesagt wird.

Das heißt, Sie haben damit vorher auch nicht gerechnet?

Nein, ich habe nicht damit gerechnet. Wir haben 2019 eine Weihnachtsfeier gehabt, da hatten sich im Sommer schon Gerüchte verdichtet und wir sind ins Rätseln geraten, wohin es mit dem Autohaus gehen wird. Wir haben damit gerechnet, dass es 2019 tatsächlich verkauft wird, aber nicht platt gemacht, sondern dass es jemand anderes weiterführt. Die Weihnachtsfeier war im Bootshaus und da wurde Dieter Horn darauf angesprochen. Da hat er gesagt: „Leute, was glaubt denn ihr? Ich würde den Laden niemals verkaufen. Das ist mein Leben, mein Herz.“ Jetzt im Nachhinein sind da einige Sachen, wo er einfach auf gut Schwäbisch nicht Tacheles geschwätzt hat, sondern um den heißen Brei herum. Oder gar nicht. Dass Lidl das Grundstück gekauft hat, hat er auch nicht gesagt. Das haben wir alle erst aus der Presse erfahren. Seine Rede am 1. Februar war sehr emotional geführt. Da hat er gesagt, dass er krankheitsbedingt aufhöre und er könne das nicht verkaufen. Er meinte noch: „Verkaufen Sie mal während der Corona-Zeit so einen Betrieb.“ Es hieß, dass er einen Nachfolger finden wolle, der es weiterführt.

Das war in Ihren Augen also so nicht richtig?

Ja, wie wir später aus der Presse erfahren haben. Zu diesem Zeitpunkt waren wir aber auch noch nicht gekündigt – zumindest nicht schriftlich, sondern nur mündlich. Er hatte nur gesagt: Wir hören zum 31. Mai auf. Am 26. Februar haben wir dann die schriftliche Kündigung bekommen. Da wurde wohl der Druck zu hoch, auch wegen des Kündigungsschutzes. Dieser wird jetzt aber bei einigen dennoch nicht eingehalten.

Inwiefern?

Wir wurden auf den 1. März gekündigt – ich beispielsweise hätte sieben Monate Kündigungsfrist, wie fünf andere auch. Aber dadurch, dass ich jetzt eine neue Stelle habe, ist die Kündigungsschutzklage rum. Darauf spekuliert er natürlich. Also gehe ich jetzt am 31. Mai nach 38 Jahren ohne Abfindung, ohne alles.

Und fangen gleich am 1. Juli wieder was Neues an?

Ja, ich wechsle zu Oppenländer & Stiegler. Die sind auf mich zugekommen. Wir arbeiten schon lange miteinander – das ist ja einfach nur die Straße gegenüber. Wir kennen uns schon lange und haben auch ein gutes Verhältnis. Die Denkweise ist sehr ähnlich. Deshalb habe ich mich auch dafür entschieden. Es hätte eventuell noch eine andere Option gegeben, aber das wäre weiter weg gewesen. Ich wohne in Rielingshausen und kenne auch viele Marbacher Kunden persönlich, da ich zuletzt auch viel vorne im Office-Bereich war aufgrund von Personalkürzungen.

Waren diese Personalkürzungen aus Ihrer Sicht im Nachhinein gesehen schon Vorboten?

Zuerst haben wir gedacht, es läge an Corona. Wir hatten ja auch Kurzarbeit. Aber im Nachhinein kann man das ein oder andere miteinander verknüpfen. Da wurde zum Beispiel gezögert bei der Anschaffung eines neuen AU-Geräts. Dabei ist das eine Verpflichtung. Da haben wir uns schon gewundert. Wir hatten Personalabbau 2019 und 2020 – die Leute sind von sich aus gegangen und es wurde niemand Neues eingestellt. Im Front-Office war die Dame zuletzt ganz alleine. Wir haben gedacht: 2021 wird es wieder nach vorne gehen. Aber dass es so kommt . . . Es gab ja immer eine große Fluktuation beim Personal. Wir haben in der Amtszeit von Dieter Horn über 100 Personen kommen und gehen sehen. Wir haben mal gezählt und sind auf 110 gekommen, da müssten wir jetzt schon wieder deutlich drüber sein. Wenn man da die Amtszeit nimmt, dann sind das pro Jahr fünf Leute. Das muss man auffangen, die Leute einlernen. Das ist eine Herkulesarbeit. Das spricht eigentlich nicht fürs Betriebsklima. Dazu muss ich aber betonen, was jeder von den aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern bestätigen kann: Wir hatten ein super Betriebsklima intern, mit dem Chef aber nicht.

Woran lag das?

Das ging zum Teil um Löhne, um Versprechungen, die gemacht und dann nicht eingehalten wurden.

Wie waren denn die Reaktionen der Kunden auf das Aus?

Da haben viele geschimpft, viele haben auch mit uns mitgefühlt und gesagt, dass sie hoffen, dass jeder Mitarbeiter einen neuen Job bekommt. Aber verstehen konnten es die meisten Kunden nicht. Ich persönlich sehe mich in meinem Job in der Pflicht, den Kunden mobil zu halten, denn wir warten die Autos ja auch. Und der Kunde fühlt sich jetzt komplett alleingelassen. Das ist für mich fatal zu sehen, wenn ein Kunde jetzt dasteht und sich fragt, wo er künftig hingehen soll. Die müssen jetzt nach Großbottwar oder Backnang. Ich frage mich ein wenig, was er Marbach damit angetan hat? Jetzt hat Marbach außer Bühler kein Autohaus mehr. Jetzt wird da wohl ein großes Einkaufszentrum hinkommen und für die Altstadt wird es noch schwerer. Das sind Dinge, die ich nicht ganz verstehe.

Nun haben wir einen anonymen Brief von angeblichen Betz-Mitarbeitern bekommen, die sich massiv beklagen, dass Herr Horn ihnen mitgeteilt hat, dass er den Betrieb aus gesundheitlichen Gründen aufgibt. Und drei Tage später hätten sie aus der Presse erfahren, dass das Gelände an Lidl verkauft sei und darüber schon seit Mitte vergangenen Jahres verhandelt wurde.

Wir haben dann auch recherchiert und aus einer Quelle erfahren, dass bereits 2019 zumindest über den Verkauf verhandelt wurde. Das heißt, dass die Gerüchte von damals wohl zutrafen. Und wenn man sich dann seine Rede bei der Weihnachtsfeier 2019 ins Gedächtnis ruft . . .

In dem Brief heißt es auch, dass Herr Horn sich keiner Schuld bewusst zu sein scheint. Ist das auch Ihr Eindruck?

Ja. Er läuft durch die Firma und gibt Anweisungen, was wegzuräumen oder zu erledigen ist. Und diejenigen, die jetzt schon vorher gegangen sind, weil sie direkt etwas Neues gefunden haben, die sind jetzt die Bösen. Wir sind ja derzeit quasi im Auflösungs-Modus. Wir werden zum Beispiel demnächst die Reifen auslagern, da haben wir rund 500 Sätze an Kundenreifen eingelagert. Das sind auch so Dinge, die jetzt auf die Kunden und die umliegenden Autohäuser einprasseln.

Es gab also auch keine Worte des Bedauerns oder mal Erklärungen in Einzelgesprächen?

Erklärungen gab es nur an diesem einen Abend, an dem er gesagt hat, dass er aus gesundheitlichen Gründen aufhört. Da hat er auch gesagt, dass er Headhunter einschalten will, und gesagt, das alle woanders unterkommen würden. Bis jetzt hat noch kein einziger Headhunter angerufen. Das kostet ja auch Geld. Er hat beim ein oder anderen versucht zu vermitteln, mich zum Beispiel nach Schwäbisch Hall, einen Kollegen nach Filderstadt – wie soll so etwas gehen? Der Kollege hat zwei kleine Kinder und soll jeden Tag nach Filderstadt fahren?

In dem anonymen Schreiben heißt es außerdem noch, dass Herr Horn im November verkündet habe, dass coronabedingt kein Geld da sei, um Weihnachtsgeld zu zahlen. Während der fünfmonatigen Kurzarbeit habe ein Mitarbeiter aber seinen Porsche restaurieren müssen und er habe sich für sein Auto neue Felgen geleistet.

Das kann ich bestätigen. Die Verkündung, dass es kein Weihnachtsgeld gibt, habe ich allerdings nicht direkt mitbekommen, weil ich zu dieser Zeit krank war.

Und dann wurde zum Jahreswechsel der VW-Händlervertrag gekündigt.

Das war auch so ein Ding. Das haben wir aber gar nicht gewusst. Wir sind am 4. Januar in den Betrieb gekommen, und plötzlich kamen die Kollegen nicht mehr in das Händlerportal. Wir dachten zunächst, dass es an einer Umstellung lag oder etwas in der Art. Und am zweiten oder dritten Arbeitstag hat Herr Horn dann gesagt, dass der Händlervertrag gekündigt wurde. Und als unser Neuwagenverkäufer dann fragte, was er jetzt machen solle, da hieß es: „Sie verkaufen jetzt Gebrauchtwagen.“ Wir haben dann lediglich noch über einen anderen Händler vermittelt. Wir haben dann zwar mitbekommen, dass auch andere Häuser ohne Händlervertrag funktionieren – und diese Verträge sind schon ziemliche Knebelverträge. Aber die Art und Weise, wie das kommuniziert wurde, das verstehe ich einfach nicht. Das ist so eine Vogel-Strauß-Mentalität, die er bei allen Problemen gezeigt hat. Da wurde der Kopf in den Sand gesteckt und gewartet, bis der Sturm vorbei ist. Das war auch ein Grund für die große Fluktuation. Nicht jeder hat so eine dicke Haut und hält das über viele Jahre aus.

Für das endgültige Aus waren dann aber keine wirtschaftlichen Gründe verantwortlich?

Nein, das muss ich betonen. Wir haben 2020 trotz Corona und trotz 50 Prozent Kurzarbeit 80 Prozent des Vorjahresergebnisses erzielt. Die Jungs haben da in der Werkstatt viel geleistet. Jetzt wird es allerdings langsam eng, weil viele Kunden jetzt weggehen, und nur vom Reifen wechseln kann man nicht leben. Es kann also sein, dass es am Ende doch noch in die Insolvenz geht.

Es sind noch einige Mitarbeiter da, einige sind aber auch vorzeitig gegangen – wie ist da aktuell der Stand? Wie viele der noch im Betrieb arbeitenden Kollegen haben etwas Neues gefunden?

Viele lassen es nicht raus, ob sie etwas Neues haben. Möglicherweise laufen da auch noch Klagen. Zwei Mitarbeiter haben sicher etwas Neues, den ein oder anderen werde ich auch zu Oppenländer & Stiegler mitnehmen. Schwierig wird es für die Jung-Gesellen, die noch keinen Werdegang haben. Vor zwei Jahren wäre das sicherlich noch einfacher gewesen, da wurde in der gesamten Autobranche Personal gesucht. Aber durch Corona haben viele nicht einmal genug Geschäft für die vorhandenen Mitarbeiter.

Aber Sie persönlich haben jetzt eine ideale Lösung gefunden?

Ja, absolut. Ich wechsle nur einmal über die Straße, mache eigentlich den gleichen Job wie bisher und kann vielleicht weiter die Marbacher Kundschaft betreuen. Natürlich schmerzt die Geschichte mit Betz, aber ich schaue nach vorne und freue mich auf die neue Aufgabe. Vor allem gefällt mir die Firmenphilosophie.

Sie haben jetzt sehr offen über alles gesprochen, auch über das Verhältnis der Mitarbeiter zu Herrn Horn. Haben Sie keine Bedenken, wie er jetzt darauf reagieren wird?

Doch, schon etwas. Aber die Übergangszeit halte ich noch aus. Ich möchte mir zwar keine Feinde machen, aber manche Dinge müssen halt mal gesagt sein. Es war ja über Jahre so, dass niemand was gesagt hat, weil die Reaktion von Dieter Horn entsprechend gewesen wäre. Man ist vielem aus dem Weg gegangen, wenn man nichts gesagt hat. Da war der Herr Betz ganz anders, viel sozialer eingestellt. Da waren wir sehr verwöhnt. Das hat sich mit Herrn Horn geändert.

Was hätten Sie sich denn gewünscht, wie die ganze Geschichte stattdessen hätte ablaufen sollen?

Es ist jetzt natürlich schwer zu sagen, dass er es schon vor einem Jahr hätte ankündigen sollen. Denn dann hätte man wahrscheinlich schon zum Jahreswechsel zumachen müssen, weil viele sich etwas Neues gesucht hätten. Ich hätte mir gewünscht, dass ein Nachfolger gefunden worden wäre, der den Betrieb weiterführt. Es wäre auch eine Möglichkeit gewesen, dass mehrere Mitarbeiter den Betrieb in einem Kollektiv übernehmen. Auf jeden Fall hätte ich mir gewünscht, dass mit offenen Karten gespielt wird, zumindest im Februar. Aber diese Salami-Taktik ist schon enttäuschend. Das Gespräch führte Julia Spors

 

Wie geht es weiter auf dem Areal?
Diese Frage stellen sich aktuell viele. Licht ins Dunkel will Lidl jedoch noch nicht bringen. „Wir können bestätigen, das  genannte Grundstück gekauft zu haben. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir derzeit noch keine Angaben zu unseren weiteren Planungen machen können“, heißt es   von der  Pressestelle von Lidl Deutschland. Betz-Geschäftsführer Dieter Horn  ist telefonisch nicht zu erreichen, lässt aber ausrichten, man könne eine E-Mail schreiben. Eine Stellungnahme zum Gelände, zum weiteren Vorgehen beim Autohaus sowie zu den oben im Interview getätigten Vorwürfen gibt er  auch nach erneutem Nachfragen nicht ab.