Seltener Aquädukt in Gronau Der Verlust eines Kleinods schmerzt

Von Siehe Kommentar
Der Aquädukt in der Nähe von Gronau soll rückgebaut werden, um auch die Betonröhre zu beseitigen. Foto: Oliver von Schaewen

Ein relativ seltener Aquädukt am Zusammenfluss von Kurzach und Bottwar soll einer Ausgleichsmaßnahme für den Bau von zwei Hochwasserrückhaltebecken geopfert werden. Das erregt jetzt Widerspruch.

Oberstenfeld - Die Aufregung raubt Susanne Schneider in manchen Nächten den Schlaf. Die Rentnerin wohnt mit ihrem Mann Heinrich im kleinen Weiler Kurzach am Fuße der Löwensteiner Berge. Als kleines Kind überlebte sie 1944 das furchtbare Bombardement von Heilbronn und wurde aufs Land evakuiert. Seitdem ist sie mit der Umgebung zusammengewachsen – es schmerzt sie daher, dass für den Hochwasserschutz im Bottwartal mit dem Abriss eines alten Aquäduktes im nahen Gronau ein, wie sie findet, unnötiges Opfer gebracht werden soll.

Mehr als 40 Jahre schon sind die Schneiders als Naturschützer für den BUND aktiv. Die Ausgleichsmaßnahmen für den Bau der beiden geplanten Rückhaltebecken im Prevorster und im Kurzacher Tal beschäftigen sie. Der Aquädukt soll fallen, damit das Betonrohr im Bach beseitigt werden kann und etwa Fische laut EU-Gewässerrichtlinie freien Durchlauf in Richtung Quelle erhalten. „Die Benzleswiesen sind ein Naturdenkmal – aber jetzt will man dort aufräumen, weil es zu gefährlich und unordentlich erscheint“, erzählt Susanne Schneider. Kürzlich sei das grüne dreieckige Hinweisschild für ein Naturdenkmal dort vor der Kurve an der Landesstraße einfach entfernt worden.

Das Ehepaar zeigt den Abbau eines Naturdenkmal-Schildes bei der Polizei an

Das Ehepaar erstattete beim Polizeiposten in Großbottwar Anzeige. „Immerhin handelt es sich um ein Verkehrsschild.“ Wer dahinterstecken könnte? Die Schneiders wollen niemanden verdächtigen. Aber das Vorgehen beschäftigt sie: „Auf einem Naturdenkmal kann man doch nicht noch einmal einen Naturausgleich machen“, sagt Susanne Schneider. Und für den Erhalt des Bauwerks habe sich offenbar niemand eingesetzt. Dabei gebe es Feuchtwiesen im Oberlauf der Kurzach auf Oberstenfelder Gemarkung. „Dort haben früher Störche aus dem Bottwartal Frösche gefangen“, weiß Susanne Schneider – und schlägt vor, das Gelände von Fichten zu befreien, um damit der Natur zu helfen und das Bauwerk zu erhalten.

Erst kürzlich hatte der Heimathistoriker Hans-Wolfgang Bock in einem Beitrag die Bedeutung des wassertragenden „Pont du Gard“ in einer Zeitung beschrieben. Wasserbetriebene Getreidemühlen prägten demnach zwischen dem 10. und dem 19. Jahrhundert auch das Bild im oberen Bottwartal. „Die Wasserräder beider Gronauer Mühlen wurden durch Wasserzufluss aus einem links von der Bottwar abgezweigten Mühlenkanal betrieben“, schreibt Bock. Das Wasser, das 350 Meter zur unteren Mühle weiterfloss, stammte nicht nur aus der Bottwar, sondern auch aus der Kurzach. Der Aquädukt sicherte die Weiterleitung, weil es 200 Meter vorher durch ein Wehr aus der Kurzach in ein Rohr abgezweigt wurde.

Das Landesamt für Denkmalpflege hält den Aquädukt nicht für erhaltenswert

Die Abrisspläne bedauert Hans-Wolfgang Bock, zumal sich hinter dem Aquädukt in den 1950er- und 1960er-Jahren das Gronauer Naturfreibad mit zwei Liegewiesen befand. Rückendeckung gibt Bock der Marbacher Reinhard Wolf, für das Landesdenkmalamt seit etwa 20 Jahren für den Erhalt von rund 80 000 Kleindenkmalen im Einsatz. Er habe dem Landesdenkmalamt geschrieben, habe aber keine Antwort erhalten, berichtet der 71-Jährige. Fest steht für ihn: „So etwas gibt es weit und breit kein zweites Mal.“

Das Landesamt für Denkmalpflege denkt darüber anders. „Es handelt sich um ein interessantes Objekt, aber um kein Kulturdenkmal im Sinne des Denkmalschutzgesetzes“, teilt es auf Anfrage mit. Der Aquädukt sei nur sehr eingeschränkt ein aussagekräftiges bauliches Zeugnis der Geschichte. Nur Kenner der Ortsgeschichte könnten seine Funktion nachvollziehen. Der Zustand sei nicht denkmalwert, der Mühlkanal unterbrochen. Das Bauwerk sei nicht selten genug, es gebe an anderer Stelle besser erhaltene Beispiele.

Der Oberstenfelder Bürgermeister bedauert den Verlust des Bauwerks

Den Verlust des heimatgeschichtlichen Zeugnisses bedauert der Oberstenfelder Bürgermeister Markus Kleemann. „Es ist für die Bevölkerung nicht unwichtig.“ Die einstimmigen Entscheidungen im Gemeinderat und Ortschaftsrat sowie im Hochwasser-Zweckverband im Herbst 2019 seien das Ergebnis eines längeren Abwägungsprozesses gewesen. Das beauftragte Büro habe den Ausgleich als gute Lösung empfohlen. „Dem Verlust des Verkehrsschilds gehen wir natürlich nach.“

Zu seiner Einschätzung steht der beauftragte Schorndorfer Landschaftsökologe Jürgen Stotz: „Der Ausgleich in einem geschützten Biotop muss gleichartig sein – das ist rechtlich bindend“, sagt er. Das Anlegen eines großflächigen Wiesenbiotops wäre rechtlich nur ein Ersatz, kein Ausgleich. Die Idee, eine Wiese für Störche anzulegen, könne aber vielleicht später realisiert werden, um Ökopunkte zu sammeln. „Manche Straßenbauträger suchen händeringend nach Projekten.“

Der BUND Heilbronn-Franken hat Einspruch eingelegt

Auf die Arbeit der Gutachter hat sich auch Ralf Zimmermann, Vorsitzender des Hochwasserschutz-Zweckverbandes, verlassen. „Der Vorschlag kam aus Oberstenfeld – die Gutachter haben gesagt, mit der Durchlässigkeit erreichen wir viel Gutes.“ Politisch sei das Thema entschieden.

Wie sich der Einspruch des BUND-Regionalverbands Heilbronn-Franken im Planfeststellungsverfahren auswirkt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Der BUND sieht die Durchlässigkeit nur auf 150 Metern gegeben, weil dann schon das Mühlkanal-Wehr den Weg versperre. Dies hätte man bei der Abwägung berücksichtigen müssen.

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"Echt schade!"