Ludwigsburg Hoffnung inklusive: Kleiner Laden, großer Erfolg

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Hier berät der Chef persönlich: Hergen Blase mit einer Kundin Foto: factum/

Ludwigsburg - Unter den vielen Produkten, die es in Hergen Blases Geschäft gibt, ist eines nicht eigens ausgeschildert – und doch ist es in dem Laden erhältlich. Es handelt sich um ein selten gewordenes Produkt, dessen Volumen sich sogar noch vermehrt, je mehr Kunden bei Hergen Blase einkaufen: die Hoffnung. Und das Beste ist: Sie kostet nichts.

Gut, das mag etwas pathetisch klingen, dennoch: Hergen Blases Laden ist der Unverpackt-Laden in der Ludwigsburger Lindenstraße, der offiziell Ohne PlaPla heißt. Doch wer hier einkauft, kann gar nichts anderes denken als dass dieser Laden nicht nur eine Erfolgsgeschichte werden könnte, sondern bereits eine Hoffnungsgeschichte ist.

Oder wo gibt es das, dass Kunden, die keine Parkplätze finden, weil es fast keine gibt, die an nahezu jeder Theke geduldig sein müssen, und die dann auch noch damit rechnen müssen, dass man ihnen im Gewusel des Geschäfts auf die Füße tritt – dass also solchermaßen geprüfte Kunden trotzdem freundlich bleiben und Sätze sagen wie: „Ludwigsburg hat so einen Laden gebraucht.“ Oder: „Das ist toll hier!“

Natürlich gehört das zum Konzept. Im Unverpackt-Laden füllen die Kunden Pasta, Reis, Gewürze, Essig, Öl, undundund in Portionen, die ihnen taugen, in Gefäße, die sie mitbringen. Kein Verpackungsmüll, keine Plastikware, nachhaltig, so nachhaltig wie es geht. Das dauert. Erst beim Abfüllen, dann beim Wiegen. Und nicht jeder Kunde kapiert das System auf Anhieb. Aber wer in einem Unverpackt-Laden einkauft, geht ohnehin bewusster mit dem um, was vorzugsweise regionale Erzeuger aus den Zutaten der Natur kreieren. Das Walnuss-Knusper-Müsli zum Beispiel, das im OhnePlapla der Renner ist: Die Nüsse dafür röstet die Lieferantin von Hand in einer kleinen Pfanne. Aber das nur am Rande. „Hier findet ein Entschleunigungsprozess statt“, sagt Hergen Blase, der eine objektiv gute Stelle beim Kaufland-Konzern für eine subjektiv bessere auf 140 Quadratmetern über zwei Stockwerke aufgegeben hat. „Ich bin glücklich“, sagt der 50 Jahre alte Jung-Unternehmer und guckt auch so.

Und genau: Wo gibt es denn auch so was, dass der Chef lacht, wenn er sagt, dass die Personalkosten über dem Plan liegen? Angefangen hat Hergen Blase Ende Februar mit sechs Minijobbern und zwei Festangestellten – inzwischen arbeiten im OhnePlaPla zehn Minijobber und neben ihm vier Festangestellte (drei davon in Teilzeit). Dass er trotzdem lacht, liegt daran, dass auch die Umsatzzahlen über dem Plan liegen. Details mag Hergen Blase momentan noch keine nennen, aber „besser als erwartet“, ist unvorstellbar viel mehr, als die Skeptiker, von denen es in Blases Umfeld den ein und anderen gab, erwartet haben.

Andererseits: Selbst Hergen Blase ist ja überwältigt von der Resonanz. An die 100 Kunden, sagt er, kommen pro Tag, ausgenommen samstags. Da strömen mehr, so viel mehr, dass von Entschleunigung nichts mehr zu spüren ist. Die Leute kommen aus nah (dem gesamten Landkreis) und fern (bis aus Schwäbisch Gmünd) und sind zwischen älter und jünger. „Das begeistert mich mich“, sagt Blase, der Vater von drei Kindern ist. Das belege, dass das Thema Verpackungsmüll in der breiten Masse angekommen sei. Sogar der CSU-Minister Gerd Müller fordert inzwischen ja ein Verbot von Plastiktüten. Und nur Kleingeister könnte es also irritieren, dass Blase mit einem einst urgrünen Thema auf der Liste der Freien Wähler für den Ludwigsburger Gemeinderat kandidiert.

Bei der Vorbereitung auf seinen beruflichen Neustart hat Hergen Blase Produkte entdeckt, die selbst ihm, dem Branchenkenner, neu waren. Vegane Torten zum Beispiel, die dazu auch ohne Zucker und ohne Gluten schmecken. Er hat Quark im Glas entdeckt und T-Shirts, die großteils aus Holzfasern bestehen. Kompostierbares Klebeband, Zahnpastacreme zum Abfüllen, Topfkräuter ohne Plastikumhüllung – gibt es. Und, wenn es gut läuft, bald auch Hirse aus Deutschland, statt aus der Ukraine. Außerdem tüftelt Hergen Blase mit Andreas Seybold (Fisch) und Armin Haas (Käse) an einem Mehrwegsystem: Bestimmte Dosen sollen Kunden in allen drei Geschäfte problem- und bedenkenlos befüllen lassen können.

Der Unverpackt-Laden aus der Lindenstraße könnte sich also ganz unspektakulär ausbreiten. Was das bedeutet, ist ja klar: Es gibt Hoffnung für die Hoffnung.

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