Heimspiel-Serie Die Hüterin des Schwäbischen

Von Petra Mostbacher-Dix
Weinempfehlungen oder eine Zeitreise? Helga Becker ist für alle Fälle gewappnet. Foto: Mostbacher-Dix

Helga Becker bringt als Stadtarchivarin von Steinheim – – und als „D’Frau Nägele“ – den Menschen ihre Geschichte und Geschichten näher.

„Brizkiebl oder Lällebäbbel! Ein Holzkübel und jemand, der dumm schwätzt, einen Bäbb, Klebstoff, mit seiner Lälle, der Zunge!“ Helga Becker ist auf der Bühne ein Erlebnis. Aber besonders köstlich ist es, wenn sie bei Kaffee und Kuchen Idiome erklärt. „Schwäbisch hat so schöne Wörter – das darf nicht verloren gehen!“ Becker pflegt diese, nicht nur als Kabarettistin und Mundartkünstlerin, sondern auch als Heimatpflegerin: Vor zwei Jahren wurde sie hauptamtlich Stadtarchivarin von Steinheim – und damit auch „Hausherrin“ des Museums zur Kloster- und Stadtgeschichte.

Aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen

2014 begann Becker, angefragt von ihrem Vorgänger Hans Dietl, sich ehrenamtlich um die Geschichte der Stadt und deren in den 1970er-Jahren eingemeindeten Teilorte Kleinbottwar und Höpfigheim zu kümmern. Dabei kann Becker im Rathaus aus den Vollen schöpfen: „Aus einem Fundus an Urkunden und Verträgen, die bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückreichen, alten Zeitungsausgaben, Büchern zu historischen und aktuellen Themen, Bild- und Tonmaterial . . .“ Quellen, die sie etwa für eine Kolumne im Nachrichtenblatt der Stadt nutzt oder für Beiträge zur Heimatkunde. In der Sammlung archiviert sie zudem wichtige Rathausbeschlüsse und Artikel, initiiert und konzipiert verschiedene Ausstellungen. „Das Wissen der Vergangenheit hilft, aktuelle Entwicklungen zu verstehen.“

Sie nennt als Beispiel das abgebrannte Frauenkloster Mariental in Steinheim, das 1525 das zweitreichste der Region war. Die Funde bilden einen Schwerpunkt der Dauerausstellung im Museum: „Das Kloster war sehr bedeutend für die Blüte der Gegend.“ Früchte getragen hätte auch das Zusammenführen der Ortsteile, so Becker. 1958 in Murr als „Hausgeburt“ das Licht der Welt erblickt, kennt sie noch die Zeiten kommunaler Vorbehalte: „Ein Steinheimer hätte früher nie eine Murrerin geheiratet.“ Sie selbst wohnt mittlerweile seit 22 Jahren in Höpfigheim.

Geschichte, Kultur und Zeichen der Zeiten lebendig und aus Sicht der Menschen zu vermitteln, ist Becker ein Anliegen. Zusammen mit ihrem Mann, Fotograf Richard Becker, hat die Künstlerin, die nach dem Abitur in der Werkstatt ihres Vaters als Drechslerin lernte, außerdem deutsche Drechselkünstler sowie Südtiroler Architektinnen in „Frauen bauen“ porträtiert.

Ihre nächste Mission: Die „Sprachverschluderung“ stoppen

Bei Stadtführungen schlüpft Becker dann in ihre Rolle als „Frau Nägele“: „Wer weiß besser über alles Bescheid als die Putzfrau?“ Und die „Perle des Archivs verzehlt“ nicht nur. Frau Nägele führt auch als Reblaus durch die Weinberge oder als Jägermeisterin in den Fetzenhardt. Ein Riesenerfolg, der zum Soloprogramm auf der Bühne wurde. Da rezitiert Becker in „Frau Nägele macht Blau“ Gedichte und Geschichten von Sebastian Blau alias Josef Eberle, ehedem Herausgeber der Stuttgarter Zeitung. In „Mandolinen und Mondschein“ spürt sie schlagfertig und hochmusikalisch im Petticoat als toupiertes Fräuleinwunder den 1950er und 1960ern nach. Ihr Wissen über gute Tropfen teilt sie in „Durch’s Weinglas betrachtet“ .

Um die durch Corona gebeutelte Kultur aufleben zu lassen, initiierte sie 2020 die Höpfigheimer Schlossfestspiele, die nun mit „Henderschefirsche“ in die dritte Runde gingen. Ihr neuester Clou? In „Do schnallsch ab! Die Welt verblödet . . .“ geht es um sprachliche Absurditäten, erklärt Becker: „Aging Workforce, Prime Time, Brainstorming – diese ‚Sprachverschluderung‘, die uns einlullt, hat mich zunehmend genervt.“