Einwohnerversammlung in Mundelsheim Neuer Gewerbepark – Ja oder Nein?

Von Julia Spors
Großes Interesse: Die Käsberghalle ist gut gefüllt gewesen am Freitagabend. Die Besucher konnten sich ein umfassendes Bild von dem Projekt machen. Foto: avanti/Ralf Poller

Zukunftstechnologien contra Landwirtschaft: Bei einer Einwohnerversammlung in Mundelsheim sind die unterschiedlichen Positionen in Sachen Benzäcker klar geworden. Der Bürgerentscheid dazu findet nun am Sonntag, 29. Mai, statt.

Kommt ein interkommunaler Gewerbe- und Innovationspark Mundelsheim? Das wird in der Gemeinde am 29. Mai per Bürgerentscheid entschieden. Um bestmöglich auf diesen vorbereitet zu sein, hat die Kommune am Freitagabend zur Einwohnerversammlung in die Käsberghalle geladen – und die Bürger strömten herbei, um sich über das Projekt und dessen Folgen zu informieren. Erst an Ständen, später durch Vorträge verschiedener Redner und am Ende durch eine Podiumsdiskussion mit integrierter Fragerunde.

Um was geht es?

Es geht um ein rund 20 Hektar großes Gebiet westlich der A81, das aus Ackerland besteht. Aktuell wird hier Mais als Tierfutter angebaut. Bei dem Areal handelt es sich um eine der letzten größeren zusammenhängenden gewerblich nutzbaren Flächen in der gesamten Region Stuttgart. Das Gebiet Benzäcker soll, so der Wunsch, als Gewerbe- und Innovationspark Mundelsheim realisiert werden. Geplant ist, dort Investitionsprojekte der Transformation wie Digitalisierung, Elektromobilität, künstliche Intelligenz oder Wasserstoffproduktion anzusiedeln.

Die Argumente für den Gewerbepark

Nicht nur die Verwaltung, der Gemeinderat und die Bürgerinitiative „Wir für Mundelsheim“ stehen hinter einem Gewerbepark, sondern auch der Verband Region Stuttgart sowie die Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart. „Die Grundlagen unseres Wohlstands sind in Gefahr. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln, wenn wir morgen noch gute Arbeit haben wollen – und wir müssen uns neu aufstellen“, sagte Matthias Lutz von der Wirtschaftsförderung. Das unterstrich auch Thomas Kiwitt vom Verband Region Stuttgart: „Wir brauchen neue Technologien – an ökologisch und verkehrlich gut geeigneten Standorten.“ Dass der Standort nicht optimal sei, wie es im Laufe des Abends immer wieder hieß, bestätigte er. „Aber den optimalen Standort gibt es nicht. Dieser hier ist ein sehr guter und er kann realisiert werden.“

Er hob wie Bürgermeister Boris Seitz hervor, dass es keine Beeinträchtigung von Wohngebieten gebe und eine Autobahn-Anbindung ohne Ortsdurchfahrt bestünde. „Wenn man mal die grüne Brille absetzt, ist es doch sinnvoll, hier zu bauen anstatt irgendwo im tiefen Hinterland, wo man dann erst durch fünf Ortschaften fahren muss.“ Es sei auch kein Weinbau- und Obstbau tangiert, der das Ortsbild präge. Eine Kleingruppe sei zwar negativ betroffen, aber der Mehrwert für die restliche Bevölkerung werde vermutlich überwiegen. Etwa durch die Gewerbesteuer, mit der man die Infrastruktur im Ort fördern und den Ort voranbringen könne.

Außerdem könnten mehrere tausend Arbeitsplätze entstehen. „Unser Standort spielt in einer Liga mit Bosch in Abstatt oder Thales in Ditzingen“, machte Seitz deutlich und fügte an: „Das ist eine Weichenstellung für die nächsten 50 Jahre.“ Als „einmalige Chance für Mundelsheim“ betitelte Bruno Freihofer von der Bürgerinitiative das Projekt: „Vor 50 Jahren haben wir die Ottmarsheimer Höhe entwickelt. Eine Erfolgsgeschichte. Jetzt, 50 Jahre später, bekommen wir die einmalige Möglichkeit, bei diesem Zweckverband mit dem Mundelsheimer Gewerbepark mit fast 60 Prozent die Führungsrolle einzunehmen.“ Außerdem sei man sich sicher, auf dem Gelände die Firmen ansiedeln zu können, die man sich wünscht.

Die Argumente gegen den Gewerbepark

Allgemein blieben oftmals die Argumente der Gegner des Gewerbeparks. Die Erde sei kein „Luftballon“, den man ewig aufblasen könnte, sagte etwa Sabine Kumkar vom BUND-Bezirksverband Stromberg-Neckartal: „Für bebaute Flächen gibt es keinen Ersatz. Wir haben nur eine Erde und müssen deshalb unsere Denkweise ändern.“ Das sah Gerhard Jüttner, stellvertretender Vorsitzender der Naturfreunde Württemberg, auch so. „Im Koalitionsvertrag der Landesregierung von 2021 steht: ‚Wir wollen den Flächenverbrauch reduzieren.’ Die Realität ist aber, dass in 2020 täglich 5,4 Hektar versiegelt wurden.“ Das sei für Tiere dramatisch, die ihre Lebensräume verlieren würden.

Bernd Moritz von attac Ludwigsburg-Besigheim ging auf die Verkehrsproblematik ein, die entstehen dürfte. „Es wird später viele Pendler geben und das in einer Region, die verkehrstechnisch eh schon überlastet ist“, sagte er. An Synergieeffekte für den Handel oder die Gastronomie glaube er nicht. Er sei zudem schockiert darüber, „dass hier gesagt wird: ’Es ist nur ein Acker.’ Jeder will regionale Lebensmitteln und den Landwirten schlägt man hier die Tür zu.“ Applaus gab es dabei von den Landwirten, die ihre Meinung vor der Versammlung bereits bei einer Fahrt durch den Ort kundgetan hatten.

Die Zufallsbürger und ihre Empfehlung

15 Bürger im Alter zwischen 16 und 86, die zufällig ausgewählt worden sind, haben sich in den vergangenen Wochen eingehend mit dem Gewerbepark auseinandergesetzt und mit Experten gesprochen. In der Einwohnerversammlung stellten sie nun ihre sechs zentralen Aspekte vor und gaben eine Empfehlung ab – auf Grundlage einer am Ende selbst getroffenen anonymen Abstimmung. 13 der 15 Bürger stimmten für die Ansiedlung, zwei dagegen. „Die zwei Nein-Stimmen gab es vor allem aufgrund des Verkehrs und des Klima- und Umweltschutzes“, erklärte Thomas Deibler, einer der Zufallsbürger. Für das Gebiet sprach, dass Wirtschaft und Gemeindefinanzen profitieren und Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.

Fragerunde mit Podiumsdiskussion

Viele Statements, aber kaum Fragen dominierten anfangs die Runde. Anschließend ging es aber doch noch ins Detail. Ob man schon Firmen im Blick habe, wie man mit erneuerbaren Energien plane umzugehen und was mit Ausgleichsflächen für Landwirte sei, wollten die Besucher etwa wissen. Bürgermeister Boris Seitz machte deutlich: Konkrete Planungen bestehen noch keine. Erst gilt es, einen Grundsatzbeschluss zu fassen. Dann könne man gemeinsam weiterdenken.

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