Wolfgang Schorlau über Wolfgang Dauner Mein Freund, der große Grenzgänger

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Wolfgang Dauner (1935–2020), hier in einer Aufnahme von 2013 Foto: Theaterhaus

Freund, Pionier, Grenzgänger, Ikone – in einem Gastbeitrag erinnert sich der Krimi-Bestsellerautor und Dauner-Biograf Wolfgang Schorlau an seinen verstorbenen Weggefährten Wolfgang Dauner.

Stuttgart - Als ich Wolfgang Dauner im vergangenen Sommer das letzte Mal auf einer Bühne sah, spielte er mit einer neu zusammengestellten Band bei den Jazz Open in der Stuttgarter Sparda-Bank. Die Krankheit hatte bereits ihre knotigen Finger nach ihm ausgestreckt, und ich erinnere mich noch an die besorgten Blicke von Randi Bubat, seiner Frau, seinem Ein und Alles, als er mit vorsichtigen Schritten aufs Podium und zum Flügel ging. Doch kaum schlug er die ersten Tasten an, vollzog sich vor unseren Augen eine unglaubliche Verwandlung.

Zunächst Versenkung, dann explodierte aus dieser Konzentration Spielfreude, Kraft und pure Energie, die sich zuerst auf die Band und dann auf uns alle im Zuschauerraum übertrug. Von Minute zu Minute verjüngte sich der Mann am Flügel, spielte nie gehörte Passagen in der bekannten Leichtigkeit, sein Blick suchte und fand den seines Sohns Flo, der an seinem Schlagzeug wirbelte und mit seinem Vater die Musik immer weiter vorantrieb. Ein gerade mal 18-jähriger Saxofonist blies sich die Seele aus dem Leib – und wir, die Zeugen dieses Abends, saßen da, gebannt von der Dynamik auf der Bühne, und wussten, dass wir gerade etwas Besonderes, etwas Unvergessliches erleben, dass wir unsterblicher Musik lauschen.

Nun ist Wolfgang Dauner gegangen, und ich empfinde in diesem Augenblick eine so niederdrückende Trauer, dass ich nicht weiß, wie ich diesen Text zu Ende bringen kann. Bilder von vielen Konzerten ziehen vorbei, Konzerte im Theater- und im Schützenhaus, zu denen ich als junger Mann pilgerte, gemeinsame Auftritte in München, in Karlsruhe, in vielen anderen Städten, bei denen wir „Das brennende Klavier“ vorstellten, seine Biografie. Ich erinnere mich an heitere Nachmittage im Garten, die oft spät endeten, manchmal auch sehr spät.

Vor allem erinnere ich mich an die Arbeit an seiner Biografie. Wir saßen in seinem Studio, und Wolfgang schleppte immer neue Kisten, Schachteln und Ordner mit Dokumenten, Fotos und Briefen herbei, die wir, Wolfgang, Randi und ich, begutachteten und bewerteten, übernahmen oder verwarfen. Die beiden erzählten immer neue Geschichten, und ich kam mit dem Aufschreiben kaum nach. Aus dem Material und den Gesprächen formte sich in meinem Kopf ein Bild. Dieser Freund, dieser freundliche, ungemein witzige, humorvolle und zugewandte Mann, war nicht nur der bedeutendste Musiker, den Stuttgart je hervorgebracht hat. Wolfgang war nicht nur einer der entscheidenden Pioniere des Jazz in Deutschland. Er war nicht nur einer der Väter eines europäischen, eines von seinem amerikanischen Ursprung emanzipierten Jazz.

Ich verstand vielmehr, dass sich Wolfgang Dauners Werk wie ein musikalischer Begleittext zur neueren Geschichte Deutschlands lesen lässt, dass seine Musik, wenn man so will, ein Jazz-Soundtrack der Geschichte der Bundesrepublik ist. Sein Interesse an Kunst, Literatur, Politik, an der Gesellschaft schlechthin brachte ihn immer wieder dazu, die Fragen des menschlichen Zusammenlebens ganz grundsätzlich zu überdenken, und ich meine die Ergebnisse dieser Reflexion in seiner Musik zu hören.

Er erlebte Krieg und Kriegsende in Stuttgart. Er ergriff die neue Freiheit buchstäblich mit beiden Händen, schlich sich als Halbwüchsiger in die Clubs der amerikanischen Armee und spürte, dass diese neue Musik, der Jazz, der Inbegriff der Freiheit und seiner Sehnsucht war. Von dem Augenblick an, als er zum ersten Mal Benny Goodman hörte, wusste er, dass es genau diese Art von Musik war, die er spielen wollte, und er verfolgte dieses Ziel trotz fast unüberwindlicher Hürden mit einer beneidenswerten Hartnäckigkeit und Energie.

In den muffigen fünfziger Jahren, als Jazz für meisten Deutschen verachtete „Negermusik“ war, spielte er sie in den verrauchten Clubs der Altstadt. Er bereitete die Rebellion von 1968 mit vor, indem er musikalische und künstlerische Grenzen, nein, nicht überschritt, sondern niederriss, wo er sie sah oder auch nur vermutete. Mit Albert Mangelsdorff war er die musikalische deutsche Ikone dieser Zeit. Sein ganzes Leben kämpfte er gegen die dämliche Unterscheidung von E- und U-Musik, von der selbst heute noch manche Dummköpfe glauben, es gäbe sie wirklich. Er widerlegte diesen Unsinn, indem er sich leichtfüßig, elegant und gekonnt zwischen Jazz und Klassik, zwischen Rock und Filmmusik bewegte.

Er sprengte bestehende Rahmen und setzte zugleich neue Maßstäbe. Er verband europäische Klassik mit Jazz. Er schrieb die „Urschrei“-Oper. Meine Lieblingspassage daraus lautet: „Musik ist das Schönste / wir spielten erst für den Klerus / dann für die Fürsten / dann für das Bürgertum / dann für die Arbeiterklasse /jetzt für den Rechnungshof.“

Und jetzt, lieber Wolfgang? Für wen und wo spielst du jetzt?

Natürlich, ich weiß, es gibt kein Jenseits. Doch wenn wir kurz, wirklich nur für einen Augenblick denken, es wäre anders und es gäbe doch eines, dann stelle ich es mir so vor: Wolfgang Dauner sitzt auf einem Gartenstuhl, und als er mich kommen sieht, schaut er mit gespieltem Ärger auf seine Armbanduhr. „Hi, du hast dir aber viel Zeit gelassen“, sagt er und lacht dieses verschmitzte Lachen, das ich so an ihm mag. Ein himmlisches Wesen bringt uns eine Flasche Wein und zwei Gläser.

Wir trinken auf die neue Zeit, und ich erkundige mich, wie es hier so läuft. Dann setzt er sich an den großen Bösendorfer-Flügel, der es, weiß der Teufel wie, auch hierher geschafft hat. Er schlägt die ersten Töne an, und als ich sein berühmtes „Drachenburg für R“ erkenne, setze ich mich. Ich hebe den Kopf. Höre ihm zu. Wie schon so oft. Und bin im Himmel.