Oberstenfeld/Kornwestheim Buchdoktoren entstauben Archivschätze

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Edeltraud Koch reinigt wichtige historische Dokumente. Foto: Oliver Bürkle

Oberstenfeld/Kornwestheim - Konzentriert blättert Edeltraud Koch eine Seite weiter. Ihre Hände stecken in Latexhandschuhen, sie trägt einen Mundschutz und vor ihr liegt ein altes Buch. „Es hat Schimmel“, erklärt die Mitarbeiterin der Kornwestheimer Firma Schempp, die sich auf den Erhalt von Archivalien spezialisiert hat.

Mit einem breitfächrigen Ziegenhaarpinsel wischt Edeltraud Koch an einer Reinluftwerkbank die schädlichen Sporen ab, die gleich abgesaugt werden. Aber nicht nur Schimmel, auch Fliegendreck und andere Schmutzspuren müssen weg. So entfernt die Schempp-Mitarbeiterin kleinste schädliche Partikel, ohne selbst in Gefahr zu geraten, sie einatmen zu müssen.

Die Gesundheit geht vor bei der Firma, die mit 20  Arbeitskräften die Archive zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen betreut und zurzeit auch die Bestände der Gemeinde Oberstenfeld aus deren Archiv in Gronau bearbeitet. „Wir werden auch die Buchdoktoren genannt, es ist handwerkliches Geschick nötig – und es gibt Studiengänge in Stuttgart, München, Köln und Hildesheim“, erzählt der Geschäftsführer Norbert Schempp. Er bespricht mit dem Kreisarchivar Wolfram Berner und dem für die Gemeinde tätigen Archivar Christian Hofmann den Stand der Arbeiten..

Nicht nur um den Zustand der Dokumente gehe es, sondern auch um den von Menschen. Denn schließlich sollen die Mitarbeiter und Nutzer in Archiven vor Schimmelsporen geschützt werden, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. „Wir arbeiten zu 90 Prozent mit öffentlichen Einrichtungen zusammen“, erklärt Norbert Schempp. Weil in Oberstenfeld die Archive jahrzehntelang ein Schattendasein fristeten, nahm sich der neue Bürgermeister Markus Kleemann der Aufgabe an und beauftragte die Archivare, reinen Tisch zu machen.

An der Werkbank von Edeltraud Koch greift Norbert Schempp zu einem Latexschwamm. „Solche Schwämme haben einen Vorteil: Sie haben keine Weichmacher“, erklärt der 53-Jährige. Was das für ein Dokument aus Papier heißt, zeigt der Unternehmer wenig später, als er ein Schriftstück aus dem Oberstenfelder Bestand zeigt. Eine Seite ist am Rand mit Tesa-Streifen verklebt. „Es gab eine Zeit, da fanden das die Leute ganz toll, es ist ja auch einfach in der Anwendung“, erklärt Schempp. Doch das schwer flüchtige Öl, der Weichmacher des Klebstoffs, ziehe ins Papier und mache es im Laufe der Zeit brüchig. Chemische Reaktionen am Papier möglichst zu verhindern oder deren Folgen zu reparieren, das ist die Welt des Kornwestheimers – und das schon seit 30 Jahren, davon 25  Jahre am Standort.

Oft muss schnell gehandelt werden. Wichtige Archivalien kamen etwa, als Braunsbach bei Schwäbisch Hall im Mai 2016 von einem Unwetter heimgesucht wurde. „Da sah es aus wie im Krieg“, erinnert sich Norbert Schempp. Weil das Wasser auch wichtige Dokumente überflutete, mussten sie erst einmal im Kühlhaus eingefroren werden. Das Wasser wurde dann in der Gefriertrocknung herausgepresst. „Das geschieht mit Unterdruck: Das Wasser wird gasförmig, ohne dass es kochen muss, da wir bei Minusgraden die flüssige Phase überspringen.“

Aber auch Brände oder größere Katastrophen wie der Einsturz des Kölner Stadtarchivs rufen den Bestandserhalter Schempp auf den Plan. Im Gronauer Archiv war es die Lagerung in Keller und Dachboden mit starken Temperaturschwankungen, die sich schädlich auswirkte. „Schimmelpilzsporen befinden sich überall ständig in der Luft und siedeln sich an, wenn die Bedingungen günstig sind“, sagt Schempp.

Inzwischen sitzt der Firmenchef mit seinen Kunden Wolfram Berner und Christian Hofmann im Büro. Vor ihnen liegt ein „toller Zufallsfund“, wie es Berner erklärt, der mit Hofmann die Sanierung der Oberstenfelder Archive – eine lange aufgeschobene Pflichtaufgabe – übernommen hat. Der historische Atlas aus dem Jahr 1791 sei deshalb ungewöhnlich, weil er alle Straßen mit Hausnummern zeige. „Da war Gronau seiner Zeit voraus – so etwas gab es eigentlich erst im 19. Jahrhundert“, schwärmt Berner, der auch davon berichtet, dass in vielen Archiven des Landkreises Ludwigsburg herangewehter Saharastaub nachzuweisen ist. Für ihn sei es ein Privileg, den bundesweit operierenden Unternehmer vor der eigenen Haustüre zu haben. So habe man auch das schwere Unwetter an der Glems mit Archivschäden in Ditzingen im Jahr 2010 bewältigen können.

Bekannt ist Schempp auch für seine weltweit gehandelten Archivboxen. Bis nach Südkorea exportieren die Kornwestheimer. „Sie legen immer großen Wert auf den Stempel mit der Aufschrift ,made in Germany‘“, erzählt Norbert Schempp, der das auf das Ansehen deutscher Wertarbeit in Asien zurückführt. Die Kartonagen fertige man in allen Größen an. Bei den Dienstleistungen bleibe die Reinigung der Archivalien das Kerngeschäft. Reparaturen sind im zweiten Schritt auch möglich.

Und apropos: Die Gemeinde Oberstenfeld suche für die Reparatur des Gronauer Atlanten von 1791 noch einen Sponsor, der dessen Reparatur für rund 3200  Euro finanziere, berichtet Christian Hofmann. Ihm war es gelungen, für das gesamte Archivgut einen Zuschuss von rund 6000 Euro von der Koordinierungsstelle für die Erhaltung schriftlichen Kulturguts (KEK) in Berlin zu gewinnen. Das findet Norbert Schempp nicht selbstverständlich: „Er hat die richtigen Argumente gefunden.“ Etwa die Lage an den Schnittstellen zu mehreren Oberämtern. Für Hofmann ein Erfolgserlebnis. Er beginnt in diesem Herbst ein Studium zum Diplom-Archivar.