Marbach Von verstopften Straßen und vielen Fahrrädern

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Der Verkehrsminister von Baden-Württemberg, Winfried Hermann, Foto: Werner Kuhnle

Marbach - Verkehrswende, der Nahverkehr im Ballungsraum und der Güterverkehr der Zukunft. Zwei Tage lang haben sich 100 Interessierte beim dritten Forum Zeitgeschehen der Schiller-Volkshochschule unter anderem mit diesen Fragen beschäftigt. Sieben Referenten sprachen in etwa einstündigen Vorträgen zum Thema „Mobilität – was bewegt uns in Zukunft?“. Dass die Menschen nicht weitermachen können wie bisher, sprachen alle Referenten mehr oder weniger eindringlich an.

Für Heiner Monheim, der von Hans Martin Gündner aus dem Planungsteam als „Fahrradpapst“ vorgestellt wurde, bringt das Auto viele Nachteile mit sich: Die Abgase sind schädlich, es verstopft die Innenstädte, die Parkplätze blockieren Flächen, die anders genutzt werden könnten. „Das Auto hat eine miserable Flächeneffizienz“, erklärt der Professor für angewandte Geografie, Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier, „160 000 000 leere Autositze werden täglich durch Deutschland chauffiert“. Umso mehr ärgert ihn, dass die Deutschen beim Stichwort „Verkehr“ immer nur an Autos dächten. Der öffentliche Nahverkehr, Radfahrer und Fußgänger kämen in vielen Diskussionen zu kurz. Auch sieht er die Bahn teilweise zu Unrecht in ein schlechtes Licht gerückt: „Wir lesen ständig über Defizite des Bahnverkehrs, aber nie zum Beispiel über Defizite des Autoverkehrs und der Landesstraßen.“

Dass Motoren, die mit Benzin oder Diesel angetrieben werden, Schadstoffe ausstoßen, erklären auch Michael Auerbach und Gregor Rottenkolber, Professoren für Fahrzeugtechnik an der Hochschule Esslingen. Bei ihrem Vortrag bekommen die Zuhörer den Eindruck, dass man als Autofahrer zumindest im Moment wenig richtig machen kann. „Wir können nicht ewig mit fossilen Brennstoffen fahren, das ist klar“, erklärt Gregor Rottenkolber, „aber wir müssen uns auch gut überlegen, woher wir den Strom für die Elektroautos nehmen.“ Mit dem Ausstieg aus Atom- und Kohlekraft werde das nicht gerade einfacher. Eine hundertprozentige Elektrifizierung des Verkehrs ist für ihn folglich für die nächsten Dekaden undenkbar. Was laut Michael Auerbach auch noch Probleme macht: Die meisten Batterien würden nach Ende ihrer Leben verheizt statt recycelt.

Der Minister für Verkehr im Land Baden-Württemberg, Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen), sieht in Deutschland eine große Fixiertheit auf das Auto. Das hält er für problematisch: „Früher hätte sich niemand denken können, dass man einmal nicht mehr mobil ist, wenn man kein Auto hat!“ 60 Prozent des Individualverkehrs seien motorisiert, doch „eigentlich sind wir Geher und Läufer. Heute sehen wir uns oft als transportierte Wesen und nicht als Wesen, die sich selbst fortbewegen können.“ Um die Erderwärmung zu stoppen, braucht Deutschland seiner Meinung nach drei Wenden: im Verkehr, in der Mobilität und in der Energieversorgung des Verkehrs. Dazu habe sich das Land das Ziel gesetzt, bis 2030 den Kohlenstoffdioxidausstoß des Verkehrs um 40 Prozent zu reduzieren und die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs zu verdoppeln. Zudem soll jedes dritte Auto klimaneutral fahren und jeder zweite Weg selbstaktiv zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden. Der Kfz-Verkehr in den Städten soll um etwa ein Drittel abnehmen.

Wie auch Heiner Monheim und später der VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger moniert Winfried Hermann, dass der Infrastrukturplan des Bundes sich zu sehr auf den Autoverkehr konzentriere. Um den Güterverkehr auf der Schiene zu steigern, braucht Deutschland nach Aussage Winfried Hermanns ein 20-jähriges Modernisierungsprogramm für die Bahn. Winfried Hermann, Thomas Hachenberger und Heiner Monheim machen in ihren Vorträgen jeweils auch die starke Zergliederung der Landschaft für den dichten Autoverkehr verantwortlich. Will man, dass die Menschen öfter die öffentlichen Verkehrsmittel oder das Rad nehmen oder gar zu Fuß gehen, müssen nach ihrer Meinung Arbeit und Freizeit wieder mehr zusammenrücken. Das heißt, Geschäfte, Wohngebiete und Krankenhäuser dürfen nicht kilometerweit auseinanderliegen.

Ein oft genannter Lösungsansatz ist während der zwei Seminartage der sogenannte multimodale Verkehr. Darunter versteht man die Nutzung von verschiedenen Verkehrsmitteln. Um das attraktiv zu machen, müssen laut Winfried Hermann die einzelnen Verkehrsmittel und deren Abfahrtszeiten besser aufeinander abgestimmt sein. Apps sollen dabei helfen, das passende Verkehrsmittel zu finden. Ein Ziel, das auch Thomas Hachenberger in seinem Vortrag anspricht. Der VVS arbeite laufend an der Abstimmung, aus diesem Grund würden zum Beispiel auch die Umstiegszeiten auf den Bus 457 am Marbacher Bahnhof ab August etwas länger. Bis 2021 sollen im gesamten Netz die S-Bahnen im 15-minütigen Takt fahren. „Mit dem neuen VVS-Tarif, der ab April gilt, sind wir unter den Metropolen in Deutschland preislich spitze“, freut sich Thomas Hachenberger und erwartet dadurch einen Schub an neuen Fahrgästen. Winfried Hermann nennt den neuen Tarif gar „historisch“.

Da für die Deutschen anders als früher noch nicht das Leben mit der Rente endet, wie der Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung, Eike Wenzel, in seinem Vortrag über Trends in Deutschland berichtet, sind sich Thomas Hachenberger und Heiner Monheim einig, dass für diese Zielgruppe viel getan werden muss. In diesem Sinne berichtet Thomas Hachenberger von Schulungen für Senioren und einem kostenfreien Senioren-Jahresticket in Kooperation mit dem Landkreis Ludwigsburg.

Winfried Hermann und Thomas Hachenberger bringen zudem selbstfahrende Busse und alternative Fahrzeugantriebe wie Elektromotoren für den ÖPNV ins Gespräch. In Schorndorf testet der VVS in einem Reallabor Bedarfsverkehre, deren Verkehrsmittel nur fahren, wenn sie benötigt werden, wie Hachenberger beschreibt.

Dass auch der Onlinehandel und die damit zusammenhängende Paketeflut für den erhöhten Verkehr verantwortlich ist, spricht Steffen Bilger (CDU) an. Drohnen könnten in Zukunft Pakete und Medikamente zu den Menschen bringen. „Es ist schwierig, noch mehr Verkehr auf die Schiene zu verlegen“, sagt der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium zu der Zukunft des Bahnverkehrs und widerspricht damit Monheims und Hermanns Thesen. Die Zukunft der Mobilität sieht er unter anderem in mehr autonomen Fahrzeugen. Von Fahrverboten wie in Stuttgart hält er nichts. An Beispielen aus anderen Städten und Ländern fehlt es an den Seminartagen nicht: Thomas Hachenberger spricht von der Luftseilbahn in Koblenz, Winfried Hermann von Oslo, wo drei von vier neu angemeldeten Autos elektrisch angetrieben würden und Eike Wenzel von Kopenhagen, wo es mehr Fahrräder als Autos gebe. Heiner Monheim beschreibt einen „Mikro-ÖPNV“ aus Vorarlberg und Südtirol. Die kleinen Busse hätten einen Aktionsradius von weniger als zehn Kilometern.

Bei so vielen Vorschlägen stößt es manchen im Publikum sauer auf, dass nicht mal zehn Stadträte (von denen zwei ohnehin im Planungsteam sind) teilnehmen. „Das sollte eine Pflichtveranstaltung für Lokalpolitiker sein“, beschwert sich eine Besucherin in der Kaffeepause bei ihrem Begleiter. Auch darüber, dass der Bürgermeister Jan Trost das Forum gleich nach seiner kurzen Begrüßung verlassen hat, ärgert sich ein Besucher lautstark. Bei den Referenten hören sich wenige noch die Vorträge ihrer Kollegen an. Auch die Auswahl der Referenten (alle männlich) ist ein Thema. Winfried Hermann kritisiert, dass keine Frau unter ihnen ist. „Wir haben alles versucht“, entgegnet Gisela Hack-Molitor aus dem Planungsteam, „die drei Frauen, die Expertinnen auf dem Gebiet sind, waren alle schon anderweitig beschäftigt.“