Marbach Schicht um Schicht zum Alltag von einst

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Das Grabungsteam will die Funde für kommende Generationen sichern. Foto: Werner Kuhnle

Marbach - Ob in brütender Hitze oder bei ekligem Nieselregen: Das Team von Archäo BW durchkämmt bei Wind und Wetter seit gut drei Wochen das Erdreich neben und hinter dem Pfundhaus. Was die Fachleute bei ihren Grabungen freilegen und herausziehen, dokumentieren sie und werten sie wissenschaftlich aus, erklärt Dorothee Brenner vom Landesamt für Denkmalpflege. So werden die Überbleibsel aus der Marbacher Geschichte für die nachfolgenden Generationen gesichert. Dazu besteht an dieser Stelle auch letztmals die Gelegenheit. Denn mit der anvisierten Umgestaltung des Pfundhauses zu einem zweiten Verwaltungssitz werden die Spuren aus der Vergangenheit mit einem Schlag weggewischt. „Mit dem neuen Keller wird alles zerstört“, konstatiert Dorothee Brenner.

Die Gebietsreferentin Archäologie für Mittelalter und Neuzeit macht zudem darauf aufmerksam, dass die aktuellen Arbeiten nicht aus heiterem Himmel kamen – und tritt damit dem Eindruck entgegen, der beim einen oder anderen Rat und Bürger entstanden war. „Die archäologische Maßnahme ist Teil der Baugenehmigung. Es war immer klar, dass wir hier tätig werden müssen“, sagt Dorothee Brenner. Insofern hört sie es auch nicht gerne, wenn man davon spricht, dass die Grabungen einen Baustopp ausgelöst hätten. Denn die Arbeiten von Archäo BW seien gewissermaßen Teil des Gesamtprojekts. Die Fachfrau vom Denkmalamt erinnert in dem Zusammenhang auch daran, dass man sich mitten in der Marktstraße befinde. „Die Straße heißt nicht umsonst so“, sagt sie. Heute wie in früheren Zeiten sei dieser Bereich ein Treffpunkt gewesen, eine zentrale Lebensader der Stadt. „Da ist immer damit zu rechnen, dass sich Denkmal-Substanz im Boden befindet. Erst recht in einer Stadt wie Marbach, die im 13. Jahrhundert gegründet wurde“, erklärt Dorothee Brenner. Ein weiteres Indiz für archäologische Funde beim Pfundhaus sei der Umstand gewesen, dass im Gebäude gleich nebenan vor Jahren ein Goldschatz aus dem 14. Jahrhundert gehoben wurde.

Ganz so spektakulär sind die Artefakte nicht, die Grabungsleiterin Susanne Barthel und ihre Mannschaft bislang zu Tage gefördert haben. Aber durchaus interessant. Unter anderem gab der Boden etwa ein Dutzend Münzen frei, die aus dem 18. Jahrhundert stammen. Die Geldstücke seien teils aus den 1730er-Jahren, eine lasse sich aufs Jahr 1758 datieren, sagt die Grabungsleiterin Susanne Barthel. Ebenfalls im 18. Jahrhundert wurden die Keramikteile hergestellt, die die Archäologen entdeckt haben. Dorothee Brenner präsentiert zudem eine Nadel und eine Spinnwirtel, „mit der man früher Wolle von Hand gesponnen hat“. Auf dem Tischchen in dem Bauwagen, auf dem die Fundstücke fein säuberlich aufgereiht sind, liegt darüber hinaus ein kleiner Fischknochen. Laien mögen sich nun vielleicht wundern, warum selbst Speisereste gesichert werden. Für die Archäologen sind aber auch solche Details aufschlussreich, erzählen sie doch etwas über den Alltag der Menschen vor Hunderten von Jahren. Und nach allem, was sie bisher gesehen hat, kann Dorothee Brenner schon einmal feststellen, „dass hier sicher keine armen Leute gelebt haben“.

Bis die Expertin vom Denkmalamt ein abschließendes Fazit ziehen kann, wird aber einige Zeit ins Land gehen. Sie schätzt, dass die Grabungen noch vier bis fünf Wochen dauern werden. „Ganz genau kann man das aber nie sagen. Das hängt davon ab, was gefunden wird“, betont Brenner. Das Team von Archäo BW arbeitet sich Schicht um Schicht nach unten vor, hat sich mittlerweile zu den Mauerresten der abgerissenen Gebäude vorgetastet. „Die Keller, die noch da sind, gehen unter das Fundament vom Pfundhaus. Das ist schon ungewöhnlich“, sagt Dorothee Brenner. Man darf vor allem gespannt sein, worauf die Fachleute an den tiefsten Punkten ihrer Grabung stoßen. Denn dort dürften sie auf Relikte aus der Zeit vor dem großen Stadtbrand von 1693 treffen. Schließlich war es gang und gäbe, dass die Bürger nach der Feuersbrunst ihre neuen Häuser einfach über den Resten der alten errichteten, wie Brenner erläutert.

So erklärt sich auch, warum Mitte Mai auf dem Gelände in einem etwa zwei Meter tiefen Aushub Scherben aus dem 13. Jahrhundert entdeckt wurden – mit denen zugleich die Annahme der Fachleute, dass im Erdreich historische Überbleibsel schlummern müssten, untermauert war. Und das machte wiederum die Grabungen im großen Stil unumgänglich. „Das sind die gesetzlichen Vorgaben. Erst dann kann eine Baufreigabe, also der Rote Punkt, gegeben werden“, betont Brenner.