Marbach Nächstenliebe ist kein Kuschelkurs

Von Frank Wittmer
Adi Gieseler, Dörte Bester und Achim Seiter (von links) hatten humorvolle und tiefsinnige 90 Minuten. Foto: Frank Wittmer

Dörte Bester von der Karlshöhe war zu Gast bei „Fische im Tee“. Dabei erfuhren die Zuhörer, dass auch die Freizeit geplant werden muss.

Marbach - Die erste Frau an der Seite von Adrian Gieseler und Achim Seiter war von der Anfrage von „Fische im Tee“ überrascht. „Ich habe mich informiert, ob das was Seriöses ist“, so Dörte Bester, Pfarrerin und seit 2016 Theologischer Vorstand und Direktorin der Karlshöhe Ludwigsburg. „Und ich habe festgestellt, dass die beiden witzig und humorvoll sind.“ Es sei das erste Mal gewesen, freute sich die promovierte Theologin am Ende der fast 90-minütigen Rede-und-Antwort-Veranstaltung, dass sie als Person im Mittelpunkt gestanden habe. Ihre fachliche Meinung war ebenso gefragt wie ganz menschliche Dinge.

So erfuhren die rund 25 Zuhörer am Montagabend im Café Provinz, dass Dörte Bester nicht ohne Wasserflasche und Bibel verreisen würde. „Wie wichtig ist die Bibel in Ihrem Leben, wenn nur noch Wasser wichtiger ist?“, fragte Seiter gleich nach. „Das ist das Buch, das mir viele Jahre reichen würde.“

Theologie habe sie studiert, weil sie „immer mehr Fragen als Antworten“ gehabt habe. Und das sei heute immer noch so. Die Frage „Gibt es Gott?“ ist wichtig in ihrem Leben, sonst wäre sie Ärztin geworden. „Fragen erlaubt Denken“, so die Theologin. Mittlerweile sei die Gewissheit gewachsen, aber dass Denken und Nachfragen erlaubt sei, bringe den Glauben voran. Sie wolle keine Floskeln predigen, sondern wirklich etwas sagen.

Daher sei es ihr wichtig, die Menschen anzuschauen und wahrzunehmen. „Ich habe festgestellt, dass man sich beim Predigen eher Menschen suchen sollte, die einem freundlich anschauen.“ Sie gehe immer gut vorbereitet auf die Kanzel. „Das war wirklich erschreckend, wie gut sie vorbereitet war“, warf Adi Gieseler im Café Provinz ein. „Sie wusste mehr über uns als wir über sie.“

Gieseler vermutete, dass „mein Tag weniger Stunden hat als Ihrer“. Sie schlafe auch gerne acht Stunden und mache ihren Beruf „mit Leib und Seele“, so Dörte Bester. „Aber das Alltagsgeschäft muss man nicht am Sonntag nach der Kirche erledigen, das kann auch bis Montag warten. Man muss lernen, mit seiner Zeit verantwortlich umzugehen.“

Auch das Familienleben wird geplant. „Sonst findet es nicht statt.“ Nur so sei es möglich, von Ludwigsburg an die Nordsee zu radeln oder zwölf Tage am Stück zu wandern. Menschen so viel Hilfe wie möglich zu geben, sei die Aufgabe der Karlshöhe, aber auch, dass die 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die eigenen Grenzen erkennen. „Nächstenliebe ist kein Kuschelkurs, es kann anstrengend sein.“

„Sind sie da nicht auch manchmal am Verzweifeln?“, fragte Gieseler nach. „Gottes Geist gibt uns Hoffnung, die weiter reicht als unsere Möglichkeiten“, zitierte Bester das Motto der Karlshöhe.

Zum Schluss waren noch die Fragen aus dem Publikum dran: „Ich spiele gerne Theater“, gab Dörte Bester als „besondere Gabe“ an. Zur Menschwerdung Gottes sagte sie: „Für mich ist es wichtig, dass Gott uns nahe gekommen ist und unsere Höhen und Tiefen ausgehalten hat.“

Als „Gruß“ vom letzten Gast, Bürgermeister Jan Trost, gab es faire Schillerschokolade. Sie werde sich bemühen, Honig und Marmelade von den Bienen und 800 Obstbäumen auf der Karlshöhe zu schicken, versprach Dörte Bester.