Marbach Mediziner will Stadträte wachrütteln

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Die neue 5G-Technik soll die Dinge und damit die ganze Welt vernetzen. Foto: dpa

Marbach - Die Städte Brüssel und Genf haben die Notbremse gezogen. Die belgische Umweltministerin Céline Fremault stoppte im Frühjahr den Aufbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes 5G. Ein Pilotprojekt sei nicht mit den bisherigen Strahlenschutznormen vereinbar und die Brüsseler seien keine „Versuchskaninchen“ begründete die Politikerin ihr Vorgehen. Auch in Deutschland regt sich immer mehr Widerstand gegen das superschnelle Netz. Anfang April unterzeichneten mehr als 50 000 Bürger eine Petition an den Bundestag. Der Deutsche Bundestag möge beschließen, Verfahren zur Vergabe von 5G-Mobilfunklizenzen auszusetzen und die Einführung des 5G-Mobilfunkstandards zu unterbinden solange wissenschaftlich begründete Zweifel über die Unbedenklichkeit dieser Technologie bestünden, so der Text der Petition.

Auch in baden-württembergischen Kommunen macht sich Widerstand breit. Ende Mai fand das erste 5G-Netzwerktreffen Region Stuttgart mit rund 90 Teilnehmern statt. Eingeladen hatten der BUND Stuttgart, Attac Schorndorf, das Klima- und Umweltbündnis Stuttgart und die Mobilfunkinitiative Stuttgart. In Freiburg wollen Mobilfunk-Skeptiker eine Einwohnerversammlung erwirken, eine Online-Petition sammelt Stimmen für eine 5G-freie Stadt.

Davon ist man in Marbach noch ein gutes Stück entfernt. Und doch regt sich auch in der Schillerstadt Widerstand. Dr.  Christoph Stolzenburg, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Marbach, hat seine Bedenken in einem Brief an die Stadträte und an Bürgermeister Jan Trost formuliert. Den Verwaltungschef hatte der Mediziner am Rande des Jubiläumskonzertes des Elternforums in der Stadthalle auf das Thema angesprochen, mit dem er sich selbst seit etwa drei Jahren sehr intensiv auseinandersetzt. Als Mediziner, als Papa und Opa und als Mitglied eines Arbeitskreises, der sich regelmäßig im Landtag trifft und in dem Spezialisten aus ganz Deutschland Fragen nach den Auswirkungen elektromagnetischer Wellen zu beantworten versuchen.

Viele Menschen sind sich nicht bewusst, was der Ausbau von 5G bedeutet, ist sich Dr. Christoph Stolzenburg sicher. „Es ist wie bei Schneewittchen: Die neue 5G-Funktechnik wird uns überall angepriesen wie der duftende, glänzende Apfel. Aber wissen wir, was geschieht, wenn wir hineinbeißen?“

Die Pläne, in den nächsten Jahren weltweit, auch über dem Pazifik, der Antarktis, ein elektronisches Netzwerk aufzubauen, sei nicht mehr rückholbar, betont Stolzenburg. „20 000 Satelliten sollen in den Weltraum geschossen werden; 600 000 neue Mobilfunkanlagen sollen in Deutschland errichtet werden; in den Kommunen und an Landstraßen soll alle 100 bis 200 Meter ein 5G-Kleinzellen-Sender stehen – für die smart city, das smart home, das selbstfahrende Auto und so weiter.“ Niemand werde der elektromagnetischen Strahlung ausweichen können. „Die 5G-Netze sind darauf ausgelegt, einmal bis zu einer Million Geräte pro Quadratkilometer bedienen zu können.“

Dabei habe schon die Einführung der Smartphones der Generation 4G unvorhergesehene Probleme für die Entwicklung und Gesundheit insbesondere von Kindern und Jugendlichen mit sich gebracht. „Das ist immerhin inzwischen ins Bewusstsein vieler Eltern und Lehrer gesickert.“ Viele Heranwachsende verbringen im Schnitt sieben Stunden am Smartphone, berichtet der Mediziner von Gesprächen aus seiner Praxis. „Das ist mehr Zeit als in der Schule.“ Diese eindimensionale Sicht der Dinge bedeute beispielsweise den Verzicht aufs Schmecken, Tasten und Riechen und habe eine psychologische Wirkung auf das Gehirn, verweist Stolzenburg auf den bekannten Hirnforscher und Kollegen Manfred Spitzer.

Weitgehend unbekannt sei aber die biologische und psychische Wirkung der elektromagnetischen Felder. Schon bei der heute gebräuchlichen Smartphone-Frequenz und erst recht beim 5G-Mobil-funk. „Es sind durch diese Technik gravierende Auswirkungen auf unser soziales Leben und die Gesundheit besonders der künftigen Generationen zu erwarten“, ist sich der Mediziner aber sicher. Denn schon die 4G-Technik gefährde die Gesundheit, sagt Stolzenburg und führt 130  Arbeiten an, die beispielsweise alle auf Schäden an Spermien hinweisen würden. „Die sagen nicht, dass Männer unfruchtbar werden, wenn sie ihr Handy ständig in der Hosentasche haben, aber sie sagen es gibt Schäden an den Spermien. Auch Hirntumore entstehen bei Langzeitnutzung des Smartphones am Ohr.“ Elektromagnetische Felder seien maßgeblich verantwortlich für verschiedenste Beeinträchtigungen des Menschen, für die Schädigung der DNA, der Zellen und Organsysteme bei einer großen Vielzahl von Pflanzen und Tieren, und für die heute wichtigsten Zivilisationskrankheiten: Krebs, Herzerkrankungen und Diabetes. Dafür gebe es mehr als 10  000 durch Fachleute gegengeprüfte Studien.

Er sei kein Schwarzmaler, betont der Marbacher. Und er wisse auch, dass Kommunalpolitik wenig Einflussmöglichkeiten habe. Es gehe ihm ums Informieren. „Ich halte es für wichtig, dass wir alle uns mit diesem Thema beschäftigen und uns der Problematik bewusst werden – natürlich auch die Verantwortungsträger in unserer Stadt.“

Bis Ende Juli
sind noch keine Anfragen für Aufrüstung von Mobilfunkantennen bei der Stadt Marbach eingegangen, informiert der Bürgermeister Jan Trost auf Nachfrage. „Nachdem die Städte Rom und Florenz die Einführung von 5G nach unserer Information so lange zurück gestellt haben, bis sicher geklärt ist, ob die Strahlung gesundheitlich unschädlich ist, werden wir die Sachlage klären, welche rechtlichen Möglichkeiten in Deutschland hier bestehen, ob einzelne Kommunen per Gemeinderatsbeschluss ähnliche Möglichkeiten haben wie italienische Kommunen.“