Kirchberg Diskussion um Nein zu Türkisch an Schule

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In Kirchberg wird es an der Schule keinen Türkischunterricht geben. Foto: dpa/Oliver Berg

Kirchberg - Derya Aydin ist enttäuscht: „Meine Tochter besucht die zweite Klasse in Kirchberg, und ich hätte sie gerne für den türkischen muttersprachlichen Zusatzunterricht angemeldet.“ Der Gemeinderat jedoch hatte es in seiner jüngsten Sitzung mehrheitlich abgelehnt, an der Grundschule Räume für den Zusatzunterricht zur Verfügung zu stellen, weil der vom türkischen Generalkonsulat getragen wird. Die Mittdreißigerin möchte aber deshalb „nicht ein Riesenfass aufmachen und möglichst viele Institutionen mobilisieren“, sondern einfach erklären, was sie und andere Eltern sich von solch einem Unterricht erhofft haben.

Die Gymnasiallehrerin bezeichnet sich und ihre Familie als „offen und liberal mit türkischen Wurzeln“. Sie betont, dass sowohl sie als auch ihr Mann in Kirchberg voll integriert und in verschiedenen Organisationen aktiv seien – sie selber im Elternbeirat und bei den Turnern, ihr Mann im Fußballverein. Dennoch sei es ihr wichtig, dass ihre Kinder die türkische Sprache und Kultur besser und gründlicher lernen, als sie das zu Hause vermitteln könne. „Es geht auch um die persönliche Identität – wie sehe ich mich in der Gesellschaft?“, erklärt sie. Und sie betont, dass Menschen, die beide kulturellen Hintergründe kennen, als Brückenbauer fungieren und Vorurteile überwinden könnten. Die Befürchtung des Gemeinderats, dass dadurch dem Gedankengut des türkischen Staatschefs Erdogan Tür und Tor geöffnet und schon Kinder davon geprägt werden könnten, teilt sie nicht: „Würde ich den Eindruck bekommen, dass da irgendeine Beeinflussung stattfinden soll, würde ich mein Kind sofort wieder abmelden.“

Derya Aydin geht wie andere Kirchberger Eltern mit türkischen Wurzeln davon aus, dass die Lehrpläne mit dem Kultusministerium abgestimmt sind. Dies ist allerdings nur bedingt der Fall. „Diese Kurse werden im Rahmen des Möglichen von der Schulverwaltung unterstützt, unterliegen aber nicht deren Aufsicht. Eine enge Zusammenarbeit der deutschen Schulbehörden und Schulen mit den Vertretungen und Lehrkräften der Herkunftsländer ist anzustreben“, heißt es in der entsprechenden Verwaltungsvorschrift.

Hubert Haaga, Leiter des Staatlichen Schulamts in Ludwigsburg, erklärt dazu: „Das Schulamt hat im vergangenen Schuljahr zwei Besprechungen mit Vertreterinnen und Vertretern der Konsulate durchgeführt.“ Dabei sei es um allgemeinen Austausch, die Klärung von anstehenden Fragen sowie die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit von Konsulaten und Schulverwaltung sowie Schulen und muttersprachlichen Lehrkräften gegangen, so Haaga weiter. In Zukunft solle es jährlich eine solche Besprechung mit den Konsulaten geben.

Sabine Hagenmüller-Gehring, die Leiterin des Staatlichen Schulamts Backnang, sagt: „Wir haben da inhaltlich keinen Einfluss und sind nur gehalten, bei der Organisation zu unterstützen.“ Dennoch sieht sie „wenig Anlass zu Misstrauen“ und betont: „Es ist ein Zugewinn. Wenn jemand seine Muttersprache gut kann, kann er auch besser Deutsch lernen.“ Den beiden Amtsleitern ist auch nicht bekannt, dass in ihren Bezirken je ein solcher muttersprachlicher Zusatzunterricht abgelehnt worden wäre.

Der Bildungsattaché des türkischen Generalkonsulats, Ümit Kapti, beteuerte gegenüber dieser Zeitung, der Unterricht habe nichts mit der türkischen Regierung zu tun, die Lehrer kämen aus unterschiedlichen Glaubensrichtungen und würden nur „nach ihren Erfolgen ausgewählt. Die Schule ist von Atatürk geprägt.“

Wer allerdings ein wenig recherchiert, dem kommen an dieser Aussage Zweifel. Denn in der Türkei wurden in den vergangenen Jahren, so berichten Insider, Zehntausende Lehrkräfte suspendiert und durch Erdogan-Getreue ersetzt, selbst der historische Atatürk spielt im Unterricht kaum noch eine Rolle. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass die Lehrer, die für den Zusatzunterricht an deutschen Schulen direkt von Ankara ausgewählt, entsandt und bezahlt werden, nicht ebenfalls linientreu sind. Etliche, auch türkischstämmige, Politiker und Wissenschaftler sowie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnen jedenfalls seit Jahren vor einer Indoktrination durch den Konsulatsunterricht. Dies umso mehr, als auch die Lehrpläne für den muttersprachlichen Unterricht in der Türkei entwickelt werden. Ümit Kapti, der selber erst seit knapp zwei Jahren im Amt ist, meinte zum ein Jahr alten Lehrplan, der auch dem Kirchberger Gemeinderat vorgelegt wurde: „Das sind Anweisungen, an die man sich halten kann, aber nicht muss. Man kann auch aktuellere Themen wählen – Familie, Freunde, Toleranz, Nächstenliebe. Die sollen wissen, dass die hier in Deutschland sind.“ Dass eine Abschiedsfeier für Wehrpflichtige besprochen werde, wie es im Lehrplan steht, finde er persönlich auch nicht gut, erklärte er.

Und die verwendeten Lehrbücher? Die stehen ebenfalls seit längerem in der Kritik. So hat eine Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien ergeben, dass sie die Türkei unkritisch verklären und eine nationalistische Weltsicht transportieren.

Reaktionen auf den Beschluss in Kirchberg  sowie Zahlen und Fakten

Stimmenzur Entscheidung des Gemeinderats: Bürgermeister Frank Hornek: „Der Gemeinderatsbeschluss hat mich nicht überrascht. Die Entscheidung hat sich schon abgezeichnet, als die Räte mir mitgeteilt haben, dass sie darüber öffentlich diskutieren und abstimmen möchten.“ Schulleiter Alfred Stephan: „Ich war schon überrascht über die Vehemenz, mit der das abgelehnt wurde. Mich persönlich betrifft das nicht, deshalb habe ich auch weder dafür noch dagegen gesprochen. Von meiner Seite aus hätte ich aber keine Bedenken.“ Gemeinderat  Christoph Berroth: „Uns war es wichtig, darüber sachlich und öffentlich zu diskutieren, und zwar aus der Mitte heraus, nicht aus der extrem linken oder extrem rechten Ecke. Für mich ist das die ehrliche Variante, sachlich sauber und ohne Hetzerei. Dafür spricht auch, dass innerhalb der Fraktionen Leute sitzen, die politisch grün, rot oder schwarz orientiert sind. Wir haben uns auch zuvor übers Internet informiert und mit Lehrern anderer Schulen gesprochen. Ich selber hätte mit jeder Entscheidung leben können. Aber ich sehe im Geschäft auch, wie es ist, wenn die Integration nicht gut läuft und Parallelgesellschaften entstehen, die unsere Gesetze und Frauenrechte missachten, für die wir lange gekämpft haben. Wer sich integriert, muss deshalb aber nicht seine eigenen Wurzeln verleugnen.“
Zahl der Städte mit Konsulatsunterricht im Kreis Ludwigsburg: Griechisch: 2; Italienisch: 7; Kroatisch: 4; Portugiesisch: 2; Serbisch: 2; Spanisch: 2; Türkisch: 31; Ungarisch: 1 (Schuljahr 2018/2019).  Genaue Zahlen für den Rems-Murr-Kreis liegen aktuell nicht vor.  Muttersprachlicher Zusatzunterricht in den Bundesländern: Nicht alle Bundesländer bieten herkunftssprachlichen Unterricht an. In Sachsen-Anhalt und in Thüringen gibt es weder Konsulatsunterricht noch muttersprachlichen Unterricht in staatlicher Hand. In Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Sachsen, dem Saarland und Mecklenburg-Vorpommern gibt es  nur  staatlichen Unterricht und keinen Konsulatsunterricht (mehr). Ausschließlich Konsulatsunterricht gibt es in Baden-Württemberg, Bayern und Schleswig-Holstein.