Interview mit Bayreuths „Ring“-Regisseur Valentin Schwarz Demokratie üben mit Richard Wagner

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Valentin Schwarz nutzt den Leerlauf produktiv. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Valentin Schwarz’ Interpretation vom „Ring des Nibelungen“ bei den Festspielen in Bayreuth fällt wegen der Corona-Pandemie aus. Stattdessen kommt er im Juli mit einem „Bühnenfreifestspiel“ über Richard Wagner an die Staatsoper Stuttgart.

Bayreuth/Stuttgart - Eigentlich befände er sich jetzt in der heißen Probenphase zum neuen Bayreuther „Ring“. Doch Corona-bedingt nimmt Valentin Schwarz nun ein Projekt mit dem Staatsopernchor Stuttgart in Angriff: ein Bühnenfreifestspiel im Stuttgarter Stadtraum. Dabei geht es auch um: Richard Wagner.

Herr Schwarz, haben Sie den Schock der Festspielabsage 2020 mittlerweile verdaut?

Meine Situation unterscheidet sich ja nicht von der Vielzahl der freischaffenden Künstler, die jetzt darben, eine künstlerische Notbremsung erlitten und de facto von einem Berufsverbot betroffen sind. Deshalb ist es total wichtig, gerade was die darstellenden Künste wie Oper und Theater betrifft, jetzt Präsenz zu zeigen, statt in Untätigkeit zu verharren oder mit mehr oder weniger gelungenen Streams ins Digitale auszuwandern. Die Künstler haben immense Lust aufs Publikum, und wir müssen diese Lust sichtbar machen.

Werden Sie in diesem Sommer in Bayreuth zu sehen sein?

Wir haben laufend Besprechungen, auch weil die voraussichtliche Verschiebung des „Rings“ auf 2022 dispositionell nicht ganz anspruchslos ist. Im engen Austausch mit den Festspielen sind wir aber zuversichtlich, dass unser „Ring“ 2022 stattfinden kann.

Ihre Vorbereitungszeit auf diesen „Ring“ war ja vergleichsweise knapp bemessen. Lässt sich nun die gewonnene Zeit nutzen, um Feinheiten nachzujustieren?

Es wäre für mich zynisch zu sagen, dass die jetzige Situation ein Gewinn ist. Denn die Ausstattung für den „Ring“ existiert bereits, wurde mit großem Aufwand gebaut, das Konzept ist fertig und wartet jetzt nur auf den Kontakt mit den Künstlern. Natürlich prägt die jetzige Krise auch unsere künstlerischen Persönlichkeiten. Für ein so universelles Werk wie dem „Ring“, das ein ganzes Kaleidoskop von Themen und Emotionen abhandelt, wäre es aber überstürzt, wollte man jetzt auf Biegen und Brechen seine Corona-Erfahrungen darin einpflegen.

Dass aber eine Corona-Maske noch bei den Kostümen aufgenommen wird, ist nicht ausgeschlossen?

Ich hoffe ja nicht, aber über die gesundheitspolitischen Bestimmungen in zwei Jahren können wir nur spekulieren. Zum jetzigen Zeitpunkt finde ich gut, dass unser Konzept unter Dach und Fach ist und erst einmal nicht angerührt wird.

Derzeit planen Sie mit dem Chor der Staatsoper Stuttgart ein Projekt unter der Rubrik „Bühnenfreifestspiel“. Da schwingt ganz schön viel Wagner mit.

An der Stuttgarter Oper werden gerade viele Formate entwickelt, die trotz der Vorgaben Kunstgenuss ermöglichen. Was mir als Künstler und Opernzuschauer besonders abgeht, sind zwei Phänomene: zum einen der spezifische Klang und die Wirkung großer Chöre, die uns in vielen Werken ergreifen. Dieses Ereignis dürfen wir im Moment überhaupt nicht erleben. Das Zweite: Ein Opernabend besteht ja nicht allein im Erleben des Geschehens auf der Bühne, sondern schließt auch die Pausengespräche ein, wo verschiedene Meinungen auch aneinandergeraten. Anhand von Kunst übt man somit demokratische Umgangsformen, indem man sich austauscht, ohne dass man sich wegen unterschiedlicher Ansichten gleich die Köpfe einschlägt. Und deshalb wollen wir uns für dieses Demo(kratie)-Projekt mit dem Staatsopernchor direkt in die Innenstadt reinbewegen: Wir befragen dabei Wagner, der ja, neben vielem anderen, auch ein Revolutionär war und im Zuge des Dresdner Maiauf-stands 1849 sehr empathische Schriften zum Freiheitsbegriff verfasst hat. Die wollen wir aufnehmen, zur Diskussion stellen und mit den Vorstellungen von heute kontrastieren. Und auch das Bewusstsein wecken: Wofür lohnt es sich, auf die Straße zu gehen?

Wird der Staatsopernchor singend über die Königsstraße pilgern?

Wagners Chöre sind dabei eingebunden in eine Kunstaktion, in der wir gemeinsam mit dem Schauspiel Stuttgart und dem Publikum demokratische Formen ausprobieren. Wir werden uns von der Innenstadt bis zum Opernhaus bewegen, wo wir mit einer Kundgebung enden, und das Opernhaus als Begegnungsraum auch in Zeiten der Krise etablieren.

Auf dem Eckensee vor dem Opernhaus ist ja bisweilen ein Schwan zu sehen. Da wäre die Verbindung zu „Lohengrin“ schnell hergestellt.

Die Stuttgarter Oper wurde ja auch einst „Winter-Bayreuth“ genannt. Insofern fand ich es passend, hier mit einem gewissen Augenzwinkern Wagner reinzuholen.