Kreis Ludwigsburg Die Retterinnen in der Not

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Die kleine Emilia in guten Händen: Hebamme Irmfriede Pilz-Buob Foto: factum/Simon Granville

30 Anrufe, nur Absagen: Werdende Mütter auf Hebammensuche kennen diese frustrierenden Bittgänge. Ein Glück, dass es in Ludwigsburg die ambulante Hebammensprechstunde gibt. Sie ist für alle da, die leer ausgingen – und hat schon manches Unheil verhindert.

Ludwigsburg - Keine drei Wochen ist Konstantin auf der Welt. In sie hineinzuwachsen, ist kein Kinderspiel für ihn. Im Windelbereich plagt ihn eine Pilzinfektion, und sein Nabel ist noch nicht verheilt. Hebamme Irmfriede Pilz-Buob inspiziert sein Bäuchlein und reinigt es mit versierten Handgriffen. „Der Nabel kann noch ein bisschen bluten und schmieren. Halten Sie ihn sauber und trocken“, schärft sie der Mutter ein – und beruhigt sie im gleichen Atemzug. Ob Infektion, ob schlecht heilender Bauchnabel: „Nicht ungewöhnlich, keine Sorge“, versichert sie.

Konstantins Untersuchung geht nicht gerade im Kuschel-Ambiente vor sich: Der Mehrzweckraum im evangelischen Kinder- und Familienzentrum Hoheneck besteht aus einem großem Tisch, auf dem eine Babywaage steht. An die kahle Wand geschmiegt: eine Liege mit Paravent als Blickschutz. Neben dem Fenster ein Wickeltisch mit Radiator, damit die Säuglinge nicht frieren. Doch der schmucklose Raum und sein Innenleben sind für Hunderte Familien im Landkreis ein großes Glück. Hier, bei der Hebammensprechstunde, finden frischgebackene Eltern dienstag- und donnerstagvormittags Hilfe, die wegen des massiven Mangels an Geburtshelferinnen keine häusliche Betreuung gefunden haben.

Eine Strapaze für Mutter und Kind

Dafür nehmen sie oft weite Anfahrten in Kauf – eine Strapaze für Mutter und Kind, vor allem direkt nach der Geburt, einer Zeit, die nicht umsonst Wochenbett heißt. Eigentlich kommen die Hebammen in dieser Phase zu den frisch Entbundenen nach Hause. Doch Frauen, denen Fäden von genähten Geburtsverletzungen gezogen werden müssen, die wegen Brustentzündung oder Milchstau verzagen oder unsicher sind, ob sich ihr Baby gut entwickelt, sind von tiefstem Herzen dankbar für das Angebot. Mühsal hin oder her.

Für 369 Familien war die Sprechstunde im Jahr 2018 ein Rettungsanker. „Und dieses Jahr waren es allein schon bis August 333“, sagt Irmfriede Pilz-Buob. Die 56-Jährige, die normalerweise in der Ludwigsburger Hebammenpraxis arbeitet, rief diese ambulante Angebot mit einer Handvoll engagierter Kolleginnen 2017 ins Leben. Sie wechseln sich an den Vormittagen in Hoheneck ab, den Raum bekommen sie mietfrei von der Stadt, die das Angebot sehr schätzt. „Wir sind auch so gut ausgelastet“, stellt sie klar – sie alle packen die Arbeit auf ihre normale Hebammen-Tätigkeit obendrauf. „Aber wir haben uns gesagt, das schaffen wir zusätzlich.“ Die Geburtshelferinnen konnten nicht mehr mit ansehen, dass viele verzweifelte Frauen ohne Hebamme dastanden. „Und das in dem Landkreis, der die höchste Zuzugsrate in Baden-Württemberg hat und die höchste Kinderzahl pro Frau“, sagt die engagierte Mittfünfzigerin ungehalten.

„Wer den Kinderschutz ernst nimmt, muss eine gute Basis schaffen“

Konstantins Mutter hatte 30 Hebammen angeschrieben und nur Absagen kassiert. „Ich finde es schlimm, dass man die Hebamme schon bei der Familienplanung suchen muss“, meint sie. Sie begann mit der Suche, als sie sicher war, schwanger zu sein. „Da war es schon zu spät.“ Auch Janett Ellinghaus aus Korntal-Münchingen, Mutter der zehnwöchigen Emilia Joelle, war nach ihrem Kaiserschnitt erleichtert, nicht ohne Hilfe dazustehen. „Ich hatte mich im fünften Monat nach einer Hebamme umgeschaut. Aussichtslos“, erzählt sie. Jetzt war sie schon mehrfach in Hoheneck. Emilia ist aus dem Gröbsten heraus, sie hat sich gut entwickelt, und als Irmfriede Pilz-Buob sie mit einem warmherzigen „Jetzt zeig dich mal – Schnäbele, Ohren, Speckröllchen, ja wunderbar!“ anspricht, breitet sich ein zahnloses Strahlen über das rosige Gesichtchen aus.

Irmfriede Pilz-Buob und ihre Kolleginnen müssten sich die Zusatzarbeit nicht aufhalsen. Sie tun es aus Verantwortungsbewusstsein. „Die Grundversorgung am Anfang ist elementar wichtig“, sagt die Fachfrau. „Wer es mit dem Kinderschutz ernst nimmt, muss eine gute Basis schaffen.“ Auch, weil sonst gerade Menschen in sozial schwacher Position noch stärker durch alle Raster fallen würden.

Von der Sprechstunde direkt in die Klinik

Und manchmal gibt es auch akuten Handlungsbedarf. Etwa, wenn sie bei einem Säugling eine starke Gelbsucht feststellt, bei einer Mutter gar einen Abszess im Bauch oder eine entzündete Gebärmutter. Dann saust zur Not auch mal direkt von der Hebammensprechstunde aus ein Rettungswagen in die Klinik. Aber auch ohne dramatische Wendungen gibt es von der Wundversorgung über Stillberatung und Rückbildungsübungen bis hin zur Tipps zur Alltagsgestaltung mit Babys, zur Beikost-Einführung oder zu Beruhigungsstrategien alle Hände voll zu tun.

Gerne würden die Hebammen das Angebot erweitern und auf die ganze Woche ausdehnen – zentral, um auch für nicht-motorisierte Frauen gut erreichbar zu sein. Im neu entstehenden Ärztehaus am Bahnhof wäre das möglich. Doch um die Miete zu finanzieren, müssten Landkreis und Stadt in das Vorhaben einsteigen.

Noch keine politischen Weichenstellungen

Die Stadt Ludwigsburg begrüßt, dass die örtlichen Hebammen sich um eine große Praxis bemühen. Der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried findet den Standort ideal, weil er für Frauen und Familien aus dem gesamten Landkreis gut erreichbar wäre, und hält eine Anschubfinanzierung von Stadt und Kreis für denkbar. „Es wäre empfehlenswert, wenn sich die kommunale Gesundheitskonferenz des Kreises mit solch konkreten Maßnahmen befasste“, sagt er. Von politischen Gremien gibt es allerdings noch keine Weichenstellungen. „Die Konzeption müsste dem Kreistag vorgestellt werden, und dieser müsste Gelder bewilligen. Das geht frühestens zum Haushalt 2020, eher zum Haushalt 2021“, teilt die Pressestelle des Landratsamtes mit.