Für acht Grammys nominiert: Rapperin Lizzo im Interview „Der Traum des dicken Mädchens“

Von
„Ich finde mich schön. Ich bin eine klassische Erscheinung. Ja, ich gehe sogar noch weiter und sage: Ich bin eine Ikone“, sagt Lizzo selbstbewusst über sich. Foto:  

Die Rapperin Lizzo ist für acht Grammys nominiert. Ein Gespräch über Body Positivity, Feminismus und Missy Elliott

Los Angeles - An der Rapperin, Sängerin und Aktivistin Melissa Jefferson alias Lizzo kam man 2019 nicht vorbei. Mit ihrem dritten Album „Cuz I love you“ gibt die 31-Jährige aus Detroit, die inzwischen in Los Angeles lebt, ein fulminantes Statement ab für Selbstliebe und Individualität. Ein Interview.

Lizzo, wie mutig hat es sich angefühlt, vollkommen nackt auf dem Cover Ihres Albums „Cuz I love you“ zu posieren?

Mutig? Pah. Das war nicht mutig, sondern für mich total normal. Ich liebe es, nackt zu sein. Nacktheit ist der beste Stylingtipp überhaupt. Wenn es nach mir ginge, würde ich mich noch viel häufiger in der Öffentlichkeit ausziehen.

Sehen Sie sich gerne nackt an?

Hey, mein Körper ist cool, oder finden Sie nicht? Ich finde mich schön. Ich bin eine klassische Erscheinung. Ja, ich gehe sogar noch weiter und sage: Ich bin eine Ikone.

Waren Sie immer so selbstbewusst?

Ach Gott, nein, ganz bestimmt nicht. In der Schule wurde ich als fettärschiges Mädchen beschimpft und von den anderen gemobbt. Für ein Kind ist das schlimm. Ich war noch zu jung und zu ängstlich, um mich wirklich zu wehren und zu behaupten. Aber nach und nach stiegen in mir die Lust und der überlebenswichtige Wunsch, mich zu mögen. Mich gern zu haben, verstehen Sie? Ich war es so unendlich leid, mich selber doof zu finden oder meinen Körper zu hassen. Meine Songs spiegeln diese Geschichte und meine Entwicklung wider. Meine Musik ist das Manifest meiner Stärke.

Stimmt es, dass Sie Ihre Karriere vor zwei Jahren beinahe hingeschmissen hätten, weil Ihr Song „Truth hurts“ kein Erfolg wurde?

Ja, das ist wahr. Für mich war „Truth hurts“ die stärkste Nummer, die ich bis dahin geschrieben hatte. Aber es sah so aus, als wäre ich so gut wie alleine mit der Ansicht, dass der Song ein Hit ist. Ich war total am Boden, wollte wirklich aufgeben. Doch dann drehte sich alles. „Truth hurts“ landete in der Netflix-Komödie „Someone great“, mehr und mehr Menschen interessierten sich für mich und mein Album, ich wurde auf Festivals wie das Coachella eingeladen und auf die coole Met-Gala in New York. Tja, mein Lieber. Und jetzt sitzen wir hier.

Sie haben als Teenager schon mit dem Rappen begonnen und waren Mitglied in mehreren Mädchenbands. Fanden Sie sich selbst immer cool?

Nein, ich fand mich damals kein bisschen cool. Ich spielte die Flöte im Kindertheater! Muss ich noch mehr erzählen? Ich hatte wahrlich kein großes Ego. Ich soll ein Star werden? Das konnte ich mir lange nicht vorstellen.

Missy Elliott ist Ihr Vorbild, und jetzt rappen Sie mit Missy zusammen auf dem Stück „Tempo“.

Voll das Klischee, oder? Der Traum des dicken Mädchens wird wahr. Missy war eine Sternschnuppe für uns alle. Sie hat uns gezeigt, dass es möglich ist, für eine schwarze Frau im Rap etwas zu bewegen. Das war noch lange vor Nicky Minaj oder Cardi B. Ich weiß auch nicht, wie es mir gelungen ist, sie für mein Album zu bekommen. Wir sind bei derselben Plattenfirma. Wir waren zur gleichen Zeit in Atlanta, sie hatte Lust, mit mir ins Studio zu gehen, fertig. Das war einer der glücklichsten Tage meines Lebens.

Wie erklären Sie sich eigentlich Ihren Erfolg?

Ich bin und war mein ganzes Leben lang ein Individuum. Der Trend zum individuellen Ausdruck, zur individuellen Schönheit kommt mir entgegen. Ich bin dick, schwarz und eine Frau. Das sind keine K.-o.-Kriterien mehr für eine Popkarriere. Ich sage Ihnen jetzt: Wir schwarzen Frauen übernehmen. Lange genug sind wir gegängelt, bevormundet und nicht ernst genommen worden.

Sind Sie eine Aktivistin für Themen wie Gleichberechtigung und Body-Positivity?

Ja, ich bin ganz klar auf einer Mission. Eine faire, nicht diskriminierende Gesellschaft ist ebenso wichtig wie das Recht zu atmen. Ich arbeite in einem Umfeld, in dem dicke schwarze Frauen kaum sichtbar sind. Aber ich mache den Mund auf und stelle fest, dass wir mehr und mehr akzeptiert werden. Ich bin als schwarze Frau geboren, und ich bin eine verdammt stolze schwarze Frau. Ich erkämpfe mir einen Platz in der Welt, in der uns lange kein Platz eingeräumt wurde.