Steinheim-Höpfigheim Vom Suchen und Hoffen zwischen Bücherregalen

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Bücher bergen Geheimnisse . . . Foto: Michael Raubold Photographie

Steinheim-Höpfigheim - Kein bisschen stickig, muffig oder staubig ist es hier, obwohl sich in den Regalen unzählige alte Bücher aneinanderreihen. Sicher wären die Verfasser aus damaliger Zeit sehr zufrieden, wie ordentlich ihre in Schönschrift verfassten Schriftsätze hier verwahrt werden, hier im Höpfigheimer Archiv. Zwei Räume sind dafür über dem Gemeinschaftsraum der Feuerwehr, gegenüber des Höpfigheimer Schlosses, eingerichtet. Und auch der Ausstellungsraum direkt über dem Höpfigheimer Törle beherbergt weitere alte Schätze. Bürgerbücher stehen hier im Archiv, Steuerbücher oder auch Kirchenbücher. Andere Bände enthalten Gerichts- oder Gemeinderatsprotokolle. Die Seiten sind leicht vergilbt, ihr Rand und der Einband sichtlich angenagt vom Zahn der Zeit – doch alle Einträge sind gut lesbar, wenn man die alte, schwungvolle Handschrift entziffern kann.

„Erst ab dem Jahr 1693 fängt hier alles an“, sagt Jürgen Bez. Gemeinsam mit Jürgen Nafzger hat er ganz wunderbar vorbereitet, wie sich die Geschichte einer Familie sichtbar machen lässt, die im Jahr 1770 in Höpfigheim sesshaft wird. Kleine Zettel dienen als Lesezeichen und zeigen, wo der nächste Eintrag darauf wartet, die Geschichte von Familie Bechtle weiter zu erzählen. „Hier ist Querdenken angesagt,“ berichten die beiden Männer und die jahrelange Erfahrung im Umgang mit den Schriftstücken im Archiv ist ihnen deutlich anzumerken.

Vorsichtig schlägt Jürgen Bez das alte Bürgerbuch auf und zeigt auf den entsprechenden Eintrag unter dem Namen: Georg Leonhard Bechtle, damals „Bechtlin“. Aus Murrhardt kam er im Jahr 1770 nach Höpfigheim, wo zu dieser Zeit rund 500 Menschen lebten. Weiter ist dort zu lesen, dass er ehelicher Sohn eines Murrhardter Bürgers war, und außerdem „leibeigenschaftslos“. Er war zuvor in der dortigen Kellerei als Küfer angestellt und wurde schließlich von Höpfigheim zum Bürger angenommen. Gleich anschließend lässt sich lesen, dass auch seine Frau Anna Maria, die Tochter des Bauern Georg Kübler „zur Bürgerin angenommen“ wurde. Bezahlt hat Georg Bechtle für den Erwerb des Höpfigheimer Bürgerrechts sechs Gulden, für das seiner Frau drei Gulden. „Einträge in dieses Bürgerbuch sagen aus, was über die Lebensverhältnisse der neuen Höpfigheimer Bürger bekannt war“, sagt Jürgen Nafzger. Wichtig sei auch gewesen, dass die neuen Bürger nicht arm waren, denn sonst hätte die Gemeinschaft für sie aufkommen müssen.

„Jetzt muss man querdenken, denn was wir hier haben, sind reine Verwaltungsakten“, sagt Jürgen Bez. Wo könnte weiter etwas Interessantes über diese Familie stehen? „Suchen und Hoffen“, sei da ihre Prämisse. Und es gilt auch, die wunderschöne geschwungene alte Kurrentschrift zu entziffern. Im Fall des Georg Leonhard Bechtle haben die Nachforschungen in Gerichtsprotokollen und in Steuerbüchern weiter ergeben, dass er insgesamt 700 Gulden Vermögen in den Ort mitbrachte, dass er ein Zeugnis hatte und weil der Höpfigheimer Küfer gestorben war, in Höpfigheim 43 Jahre lang als „Herrenküfer“ gearbeitet hat, also als Küfer am Höpfigheimer Schloss. Am 22. März 1813 ist er gestorben, das zeigt das Buch „Inventuren und Teilungen“ auf, in dem aufgelistet ist, wie das Erbe geregelt wurde – von der „Hälfte einer Behausung“, auch einem Keller und einem Weingarten, bis hin zu einzelnen Bettlaken, auch den geflickten. Bechtle war zweimal verheiratet und hatte insgesamt zwölf Kinder.

Kommen Anfragen von Familien, die in Höpfigheim auf der Suche nach ihren Vorfahren sind, machen sich Bez und Nafzger gemeinsam ans Werk: „Wer Interesse hat, kann sich gerne an den Verein wenden“, sagen die beiden. Dann beginnen sie, die Bücher im Archiv zu sichten. Um auch Aufzeichnungen über Geburten, Hochzeiten, Konfirmationen oder auch Sterbefälle zu finden, sind Kirchenbücher wichtig, die früher beim jeweiligen Pfarrer aufbewahrt wurden und mittlerweile im Landeskirchenregister in Stuttgart-Vaihingen stehen.

Jürgen Bez und Jürgen Nafzger kennen sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit im Ort. Jürgen Bez wohnt mittlerweile in Ingersheim, doch die beiden treffen sich immer noch regelmäßig – sei es zum Laufen oder ihrem gemeinsamen Interesse, der Erforschung von Familienstammbäumen. Begonnen hat das Interesse mit Ahnenforschung für die Familie Nafzger, das im Jahr 2012 in einem großen Familientreffen in Höpfigheim mündete, zu dem rund 100 Familienangehörige anreisten, auch aus dem Ausland. Gemeinsam mit dem Verein zur Erhaltung des Höpfigheimer Schlössles und zur Pflege der Ortsgeschichte kümmern sie sich um das Archiv, was zuvor der ehemalige Ortsvorsteher Gustav-Adolf Thumm übernommen hatte. 30 oder 40 Stammbäume haben sie bereits erstellt, so schätzen sie. Doch Jürgen Bez und Jürgen Nafzger, die ansonsten ganz normalen Berufen nachgehen, kümmern sich nicht nur um das Höpfigheimer Archiv, sie sind auch in Pleidelsheim offiziell als Archiv-Mitarbeiter bestellt.

Die Familie Bechtle etwa, so viel steht fest, ist im Jahr 1832 ausgewandert – nach Bessarabien, die Ernte sei schlecht ausgefallen, und das Thema Religion habe ebenfalls eine Rolle gespielt, weiß Bez. „Viele Leute haben sich damals aufgemacht in dieses Land.“ Johann Bechtle ist jedenfalls derjenige, der schließlich im Jahr 1945 nach Höpfigheim zurückkehrt, mit vier Kindern. Und so geht die Geschichte der Familie im Ort weiter seinen Gang. Am Schluss können Jürgen Bez und Jürgen Nafzger eine Papierrolle von unglaublichen fünf Metern Breite mit dem Stammbaum der Familie Bechtle präsentieren: Insgesamt 218 Personen befinden sich darauf .

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