Steinheim Der singende Zahnarzt vom Hägnachhof

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Mit schwerem Gerät rückt Ralf Niehues dem Übeltäter zu Leibe, der dem armen Charly schon seit Tagen Beschwerden bereitet. Foto: Werner Kuhnle

Steinheim - Beim Pferdezahnarzt ist die Besitzerin aufgeregter als der Patient. „Ich kann das gar nicht mit ansehen“, meint Cindy Assenheimer. Mit ihrem Shetlandpony Charly und dem Westernreitpferd Spooky ist sie am Morgen schon eine ordentliche Strecke gefahren, um den rund 25 Jahre alten Pferde-Opa und seinen großen Kumpel zum Zahnarzt zu bringen.

Ralf Niehues ist kein gewöhnlicher Zahnarzt: Seine Patienten haben vier Hufe und Fell. Und mit bis zu 44 Zähnen ist bei Pferden auch ordentlich was zu tun. Mit einer Strophe aus dem Irland-Klassiker „Wild Rover“ beruhigt der singende Tierarzt Pferd und Besitzerin. Statt Whiskey und Bier gibt’s die Spritze mit dem Sedativum. Nach einer Weile, die Behandlung hat schon begonnen, spritzt Niehues nochmal etwas von dem Beruhigungsmittel. „Der fühlt sich jetzt, als hätte er eine Flasche Wein intus.“ Mal ein guter Tipp für den nächsten Zahnarztbesuch.

Charly ist selig im Reich der Träume und merkt nicht viel von der Behandlung. Mit dem selbst gebastelten Maulgatter bleibt der Kiefer offen und die verfärbten Zähne werden sichtbar. Meistens im Weg ist die Zunge mit kräftigem Zungenwulst. „Das riecht nicht gut, ich schätze, da ist ein Zahn entzündet“, hat der versierte Tierarzt gleich eine Vermutung, warum Charly seit einiger Zeit nicht mehr richtig frisst.

Beim Pferd, erklärt der Zahnarzt zwischendurch, werden die sechs Backenzähne je Kiefer und Seite nach und nach abgenutzt. „Die sind nach etwa acht Jahren mit rund fünf bis sechs Zentimetern Länge ausgewachsen. Danach wachsen die nicht mehr, sondern schieben sich immer ein Stückchen aus dem Kiefer raus.“ Dabei können – auch durch falsches Futter – scharfe Kanten an den Zähnen entstehen. Bei einer normalen Zahnpflege raspelt Niehues die Zähne ab, so dass wieder eine glatte Kaufläche entsteht.

Problematisch wird es meist nach 20 Jahren, wenn die Backenzähne schon stark abgenutzt sind. „Wenn ein Pferd einen kaputten Zahn hat und nicht mehr richtig fressen will, erkennt man das daran, dass es Heuwickel kaut und die wieder ausspuckt.“

Amanda Faas, die eigentlich Krankenschwester von Beruf ist, assistiert bei der Pferde-OP: „Ich arbeite gern mit Tieren.“ Natürlich ist sie auch sensibel für die Leiden der Vierbeiner. „Die übernehmen viel für ihre Menschen.“ Von Ponys bis zum Turnierpferd behandelt Niehues mit seiner mobilen Praxis Pferde im Umkreis von etwa einer Autostunde von Heilbronn bis nach Schwäbisch Gmünd, von Mühlacker bis hinter Stuttgart.

Seine Praxis hat Ralf Niehues im Hägnachhof. In dem Pensionsstall von Yvonne Sijan und Thomas Glück leben rund 40 Tiere, hauptsächlich Isländer. Der Streit, ob das nun Ponys oder Pferde sind, ist sicher so alt wie die Rasse selbst. „Von der Größe her ein Pony, von der Kraft her ein Pferd“, sagt Yvonne Sijan. Der Hof heißt „Freyfaxi“, was auf Isländisch „Wilde Mähne“ heißt. Die Hofhunde Ra, wie der ägyptische Sonnengott, und Luna – wie Mond – beschnuppern jeden Besucher aufmerksam. Mit ein paar Leckerlis macht man sich die wilden Fellbüschel schnell zu Freunden. Auch Niehues Tochter Sina schaut herein. „Ich mag Pferde sehr gern. Tierärztin würde mir schon auch gefallen, aber eher für kleinere Tiere“, sagt die Elftklässlerin, die als Jahresarbeit in der Waldorfschule ein wunderbares Pferdemosaik an der Wand gestaltet hat.

Derweil geht die Arbeit des Pferdedentalpraktikers weiter. Die Wolfszahnexktraktionszange, Handraspel, Zungenspatel, Sonden und Scaler liegen bereit. Charly, der schon zum Pferdemetzger sollte und jetzt mit Cindy Assenheimer als Kinderpony seine Runden ziehen darf, steht in der Ecke und lässt die Behandlung fast schon gelassen über sich ergehen. Die Raspel mit Diamantaufsatz entfernt erst mal die Grate auf den Mahlzähnen, dann kommt der Zahnstein auf den Schneidezähnen dran.

Schnell ist der Übeltäter ausgemacht, warum Charly nicht mehr so recht Appetit auf sein Heu hat. Der erste Backenzahn rechts unten ist entzündet. „Der muss gezogen werden“, urteilt Niehues. Mit Hammer und Meißel geht es dem wehen Zahn an den Kragen. „Das kann bei einem großen Pferd bis zu zwei Stunden dauern.“

Die vorher noch recht lockere Stimmung ist schlagartig um einige Grad gesunken. „Das tut schon weh?“, fragt die Besitzerin besorgt, die nicht nur wegen der frischen Temperaturen fröstelt. „Ja, das tut’s!“ Niehues ist ehrlicher als mancher Menschenzahnarzt. „Da wackelt das ganze Pony“, findet Tochter Sina. Aber es hilft nichts: Der Zahn muss raus. Ein beherzter Ruck mit der großen Zange, und der Übeltäter kann kein Unheil mehr anrichten. „Den hebe ich auf“, sagt die Besitzerin, „den kann ich den Kindern zeigen, die auf Charly reiten dürfen.“

Der wird nach einiger Schonung und der Behandlung mit Jod und Antibiotika bald wieder ganz normal fressen können. Nach Abklingen der Narkose, solange kommt der große Spooky dran, ist auch die Heimfahrt im Transporter kein Problem mehr. Der Ausflug auf den Hägnachhof hat sich gelohnt, sonst wären Charlys Tage womöglich bald gezählt gewesen. Ralf Niehues macht schon mit dem nächsten Pferd weiter. Routine gibt es in dem Job kaum. Für eine normale Behandlung rechnet der Pferdezahnarzt 40 Minuten. „Ich mache bis zu zehn Pferde am Tag. Das ist viel Arbeit. Dafür gönne ich mir auch einen langen Urlaub.“

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