Pleidelsheim „Viele sagen: Lieber sterben als zurück“

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Nach tagelangem Treiben im Mittelmeer bekommen diese Flüchtlinge Trinkwasser gereicht – die Sea-Eye-Crew hatte nicht viele Gelegenheiten zu helfen. Foto: Sea-Eye

Pleidelsheim - Immer noch fühlt sich Daniel Haas „etwas müde“. Die anstrengenden jeweils vierstündigen Wachen auf dem Kommandostand der Sea-Eye und nervenraubende Begleitumstände des ehrenamtlichen Einsatzes stecken dem 29-Jährigen in den Knochen. Seit Montagabend ist er zurück. „Ich bin gleich möglichst normal meiner Arbeit nachgegangen“, erzählt der Mediendesigner. Die Bilder seines insgesamt zweiwöchigen Einsatzes auf dem Rettungsschiff beschäftigen ihn indes.

Haas hat sich berühren lassen vom Schicksal der Menschen, die sich in die Hände von Schlepperbanden begeben haben, aber mit ihrem Leben einen zu hohen Preis für eine bessere Existenz in Europa bezahlen müssten, würden sie nicht aus Seenot gerettet. Die Träume zerplatzen auch deshalb, weil die politischen Kräfte sich einig sind, dass der Fluchtweg Mittelmeer versperrt gehört. Mögliche Asylbewerber sollen von der libyschen Küstenwache in das nordafrikanische Land zurückgebracht werden. Dort aber spielten sich, so Haas, schreckliche Szenen ab, wie er vor Ort gehört habe. „Die Regierung hat keine Kontrolle über die Lager: Da werden Männer kurzerhand erschossen, viele Frauen in einen engen Gemeinschaftsraum nur mit einer Plastiktüte als Toilette eingesperrt und bei Bedarf vergewaltigt – viele sagen: lieber sterbe ich auf dem Meer, als dass ich auch nur einen Tag zurückkehre.“

Es ist nicht so, als ob Daniel Haas erst an seinem Einsatzort von den Gräueln gehört hat – aber die Nähe zum Geschehen habe ihn bestärkt, auf die Missstände aufmerksam zu machen. Die Sea-Eye selbst konnte tagelang nicht auslaufen, weil die libysche Küstenwache das Schiff Open Arms einer spanischen Hilfsorganisation mit Warnschüssen an der Weiterfahrt in ihre selbst ausgerufene See- und Rettungszone hinderte. „Rettungseinsätze auf See zu verhindern, ist ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht“, sagt Haas, der in Pleidelsheim den SPD-Ortsverein leitet und bei den Sozialdemokraten im Kreis Ludwigsburg stellvertretender Vorsitzender ist.

Kritik von deutschen Zeitgenossen, wonach er mit seinem Einsatz indirekt Schlepperbanden unterstütze, hält Haas entgegen, „dass es mir einzig darum geht, Menschenleben zu retten und nicht darum, möglichst viele Flüchtlinge hierherzuholen, damit sie verteilt werden“. Die Einsätze der Sea-Eye und anderer Organisationen erfolgten in enger Abstimmung mit der Seenotrettungsleitstelle MRCC in Rom. „Es geht auf dem Meer um Menschen“, betont Haas, der nicht nachvollziehen kann, weshalb von europäischer Seite aus nicht mehr für die Seenotrettung unternommen wird. Auch sollte die internationale Staatengemeinschaft die Kontrolle über die Flüchtlingslager in Libyen übernehmen, damit dort Hunger, Willkür und Gewalt ein Ende finden.

Trotz der möglichen Gefahren durch die libysche Küstenwache entschied sich die achtköpfige Crew dann doch, zumindest eine Woche lang auf hoher See nach Flüchtlingen zu suchen. Allerdings hielt sich die Sea-Eye aus der faktischen Sperrzone heraus, die sich bis auf 70 Seemeilen vor dem libyschen Festland erstreckte.

Zu einer Rettung kam es nur einmal, als die Sea-Eye auf ein relativ stabiles Holzboot mit 16 Männern traf. „Es war eher unwahrscheinlich, denn die meisten Boote schaffen es nicht so weit“, erzählt Daniel Haas. Angst habe er nicht davor gehabt, von panischen Flüchtlingen aus dem eigenen Boot gedrängt zu werden. „Wir haben uns mit einem Beiboot angenähert und klare Anweisungen gegeben, damit es funktioniert“, erzählt Daniel Haas. Da die Sea-Eye selbst keine Menschen aufnehmen darf, gebe man die Position weiter. So könne die Seenotrettung in Rom Schiffe an den Ort lotsen. Alles in allem ist der Pleidelsheimer mit der Reise zufrieden: „Unsere Crew hat toll zusammengearbeitet – es war nicht einfach, weil man auf einem engen Schiff auch ins Grübeln kommt, aber wir haben aufeinander aufgepasst, uns dank unseres Kapitäns mit der Arbeit an Bord abgelenkt und auch viel miteinander gelacht.“

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