Murr/Leichtathletik Mit Mamas Niere auf der Tartanbahn

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Susanne Funk (links) hat ihrer Tochter eine Niere gespendet. Foto: avanti

Murr - Wer Alexandra Funk auf dem Murrer Sportplatz trainieren sieht, dem wird auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches auffallen. Und auch auf den zweiten und dritten Blick sieht man nur eine sportliche 20-Jährige, die dort ihre Bahnen zieht, springt oder den Speer wirft. Die Besonderheit an Alexandra Funk ist von außen nicht erkennbar, sie steckt in ihrem Körper: Sie hat drei Nieren. Allerdings funktionieren zwei davon nicht – ihre eigenen. Die dritte, die sie seit knapp zwei Jahren hat, stammt von Mutter Susanne. Alexandra Funk hat eine Nierentransplantation hinter sich und will in diesem Sommer an den Deutschen und den Weltmeisterschaften der Transplantierten in Leipzig und Malaga teilnehmen.

Sport getrieben hat Alexandra Funk schon immer. Und da ihr Vater Uwe Abteilungsleiter der Murrer Leichtathleten ist, war es naheliegend, dass auch sie auf der Tartanbahn landete. „Ich bin immer dabeigeblieben, habe auch an Kreismeisterschaften und anderen Wettkämpfen teilgenommen“, erzählt sie. Doch irgendwann merkte sie, dass es einfach nicht mehr richtig ging. Sie war ständig müde, ist immer hinterhergelaufen, konnte keine Ausdauer aufbauen. „Mein Hämoglobin-Wert, der ja für den Sauerstofftransport im Blut zuständig ist, war schon immer recht niedrig. Lange hat man gedacht, das käme durch das Alter, hätte mit Eisenmangel zu tun. Doch als ich dann zu einer anderen Ärztin gewechselt bin, meinte die, dass man mal den Nierenwert bestimmen könnte. Der war dann schon so schlecht, dass es bereits zu spät war.“ Wobei vermutlich auch dann nichts mehr zu machen gewesen wäre, wenn die Erkrankung früher entdeckt worden wäre. „Dann hätte man es vielleicht noch mit Hilfe von Medikamenten hinauszögern können, aber mehr auch nicht.“

Die Diagnose kam vor zwei Jahren, Alexandra Funk hatte gerade ihre schriftlichen Abiturprüfungen hinter sich. „Ich habe noch die mündlichen Prüfungen absolviert, und dann war es zum Glück bestanden.“ Das noch größere Glück war aber, dass Mutter Susanne als Spenderin geeignet war und die Transplantation dadurch sehr schnell vorgenommen werden konnte. Am 11. August 2015 war die Operation. „Mein Wert war zu diesem Zeitpunkt schon so hoch, dass ich sonst an die Dialyse gemusst hätte. Und auf einer Spenderniere wartet man etwa sieben Jahre, wenn sich kein Spender in der Familie findet.“ Sowohl Mutter Susanne als auch Vater Uwe erklärten sich natürlich sofort bereit. Doch da Susanne Funk die gleiche Blutgruppe hat wie ihre Tochter, war die Entscheidung nicht schwer. „Es musste ja schnell gehen. Und bei unterschiedlichen Blutgruppen muss man vorher eine Plasma-Therapie machen“, erklärt Alexandra. Dennoch ging die Transplantation natürlich nicht mal eben so über die Bühne. „Meine Mutter wurde vorher noch mehr auf den Kopf gestellt als ich. Denn wenn da irgendeine Kleinigkeit ist, dann geht es nicht. Ich hatte also wirklich Glück, dass sie nichts hatte.“ Dass von der Diagnose im Mai bis zur Operation im August nur drei Monate vergingen, „das war vielleicht auch ganz gut, da konnte man sich nicht so viele Gedanken drüber machen“, sagt die20-Jährige lachend.

Doch nun ist es beileibe nicht so, dass nach einem solchen Eingriff das Leben gleich wieder normal weitergeht – im Gegenteil: „Ich war schon aus der Bahn geworfen. Ich muss nach wie vor Medikamente nehmen, damit die Niere nicht abgestoßen wird. Und die Medikamente einzustellen, ist am Anfang schon recht schwer. Es dauert auch etwas, bis die Niere dann mal richtig läuft – das erste Jahr war schon schwierig.“ Alexandra und Susanne Funk waren dann gemeinsam in der Reha. Zwar sagt Susanne Funk: „Man kann auch mit nur einer Niere sehr gut leben.“ Aber von null auf hundert ging es nach dem Eingriff auch für sie natürlich nicht.

An Sport war für Alexandra Funk nur langsam wieder zu denken. „Ich habe in der Reha angefangen, mich ab und zu auf den Ergometer zu setzen, und wir haben uns dann fürzu Hause einen gekauft. Ich durfte ja wegen der Ansteckungsgefahr auch nicht so viel unter Leute.“ Erst im Sommer 2016 begann sie wieder richtig. „Das war echt schwer, am Anfang hat alles wehgetan“, erinnert sich Alexandra Funk, die aber inzwischen wieder voll im Leben steht. „Es war immer klar, dass ich wieder Sport treiben will. Und das hilft mir auch psychisch.“

Im Herbst hat sie nun in Offenburg begonnen, Biomechanik zu studieren. Dort trainiert sie auch und bereitet sich nun auf ihre ersten Wettkämpfe bei Transplantierten-Meisterschaften vor. „In Offenburg könnte ich sogar fünfmal pro Woche trainieren, aber meist sind es drei Tage.“ Vor allem im Speerwerfen habe sie sich verbessert, weil dort die ehemaligen Weltklasse-Athleten Christina und Boris Obergföll als Trainer arbeiten.

Was das Training gebracht hat, soll sich bei den Deutschen Meisterschaften vom 18. bis 21. Mai in Leipzig zeigen. In insgesamt fünf Disziplinen wird Alexandra Funk an den Start gehen. „Das ist das Maximum, mehr darf man nicht. Aber das möchte ich schon ausreizen. Und wenn möglich auch eine Medaille holen. Wobei ich nicht weiß, wie stark die Konkurrenz ist.“ Und Ende Juni geht es nach Malaga zu den Weltmeisterschaften. „Das ist natürlich etwas Besonderes. Aber es geht dabei nicht in allererster Linie ums Gewinnen. Man lernt dort Menschen kennen, die ebenfalls transplantiert sind, was im Alltag ja nicht so oft vorkommt.“ Zudem sollen diese Meisterschaften auch die Öffentlichkeit für das Thema Organspende sensibilisieren. „Es haben nach wie vor viel zu wenig Menschen einen Spenderausweis“, sagt Vater Uwe Funk, auf den das Thema auch noch zukommen könnte. „Denn man rechnet, dass so eine Spenderniere nur bis zu 15 Jahre funktioniert.“ Doch damit beschäftigt sich Alexandra Funk derzeit noch nicht. „Ich will jetzt erstmal mein Leben so genießen, wie es im Moment ist. Denn es könnte auch ganz anders sein.“

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