Marbach Erinnerungen der Generationen

Von
Ellen Strittmatter, die Kuratorin Foto: Cornelia Ohst

Marbach - In welcher Formenvielfalt innere Ordnungen von Familien sichtbar werden, zeigt die aktuelle Wechselausausstellung „Die Familie. Ein Archiv“ im Literaturmuseum der Moderne. Mit rund 300  Exponaten nimmt sie facettenreich Dichter-, Künstler- und Gelehrtenfamilien in den Blick. Die Kuratorin Ellen Strittmatter erläutert im Gespräch mit unserer Zeitung, welche Inhalte und Besonderheiten zu dem Thema Familie in der Marbacher Ausstellung zu finden sind.

Frau Strittmatter, wie kam es eigentlich zu dem Ausstellungs-Thema Familie?
Die Sichtung unserer Bestände hat gezeigt, dass wir im Besitz enormer Mengen an Familienbildern und literarischer Zeugnisse zum Thema sind. Nicht nur die Fotos, auch Stammbäume oder Erinnerungsstücke, die von Generation zu Generation weitervererbt wurden, bilden ein ausgezeichnetes Material für die Ausstellung. Außerdem zeigen wir in unterschiedlichen Dimensionen das Verhältnis von Familie und Literatur.
Wie weit zurück gehen diese?
Sehr weit zurück. Wir haben sogar das Stammbuch der Familie Goethe hier, eine Art Freundschafts- oder Poesiealbum, worin Goethes Sohn August die Stimmen von bedeutenden Gelehrten seiner Zeit versammeln sollte, was für ihn sicherlich eine große Ehre und Bürde zugleich war. Aber wir zeigen auch Exponate der Gegenwart wie die über mehrere Jahre hinweg entstandenen Porträts der Familie Enzensberger, die sich bei jeder neuen Zusammenkunft vor der Kamera von Stefan Moses mit dem Familienfoto der vorausgegangenen Sitzung ablichten ließen.
Familie scheint momentan gesellschaftlich gar nicht mehr den Stellenwert zu haben. Ist die Ausstellung eine Art Gegenpol dazu?
Wir fassen das Familienthema recht weit. Hier spielt nicht allein die Blutsverwandtschaft eine Rolle, ein wichtiges und großes Thema in der Ausstellung ist auch die geistige Familie oder die erfundene, die Familie in der Literatur.
Die erfundene Familie? Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür?
Die Literatur hat ja eigentlich nur mit erfundenen Familien zu tun, jeder Familienroman ist zunächst einmal fiktiv. Ein schönes Beispiel für das Wechselverhältnis von Literatur und Leben sind die Schlüssellisten zu Thomas Manns „Buddenbrooks“-Roman. Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung wollten ihn die Leser entschlüsseln und reale Personen des öffentlichen Lebens darin entdecken, allen voran die Familie Mann selbst. So kursierten unzählige Schlüssellisten in Lübeck, von denen wir zwei zeigen können.
Wie ist die gesamte Ausstellung aufgeteilt?
Es sind fünf Räume, die thematisch gegliedert sind: der erste trägt den Titel „Die Familie. Als letzter Wille“, wo es im Wesentlichen darum geht, die Familie als Ort der Dauer und des Fortwirkens von individuellem Leben, Denken und Schaffen zu betrachten. Nirgends zeigt sich dies deutlicher, als in den Dokumenten, die über die Lebenszeit hinausreichen: den Testamenten, Vermächtnissen und Erinnerungsstücken. Sie sind der Beginn des Archivs. Zu ihnen zählen etwa die testamentarischen Verfügungen Kafkas. Dass es sie gibt, ist Max Brod zu verdanken, der sich über Kafkas Willen, alles restlos und ungelesen zu verbrennen, hinwegsetzte.
Und was gibt es im zweiten Ausstellungsraum zu sehen?
Im Kapitel „Die Familie. Als Vorstellung und Aufstellung“ zeigen wir den großen Kosmos der Bilder. Darunter finden sich auch Stammbäume, die oft bildlicher Natur sind. Die Familienalben und -fotografien geben Einblicke in die vielen Versuche von Dichter- und Gelehrtenfamilien so etwas wie Gelehrsamkeit ins Bild zu bringen – oder auch Wahlverwandtschaften herzustellen. Immer wieder trifft man in diesem Ausstellungsraum auch auf Versuche der Selbst-Adelung; so hat etwa Rilke in seinem Stammbaum alle adeligen Einheiraten eingetragen.
Konnte er sie schließlich nachweisen?
Nein, das gelang ihm damit nicht. Mechthilde Lichnowsky übrigens versuchte eine verwandtschaftliche Verbindungslinie zu Geoffrey Chaucer zu ziehen und Mörike wollte den Familienursprung bei Martin Luther sehen. Vor vielen Familienfotos kann man sich fragen: „Wer gibt den Ton im Bild an, wer steht an welcher Stelle und in wessen Nähe? Welche familiären Binde- und Fliehkräfte hat die Kamera eingefangen?“ Da gibt es Familien wie die Zuckmayers oder Döblins, die sich eng umschlungen ablichten lassen und solche, wo ein Familienmitglied fernab der anderen Familienmitglieder steht, wie etwa bei Hermann Hesse.
Bleiben jetzt noch drei weitere Räume. Was ist dort zu finden?
„Die Familie. Als Roman“ ist der Raum der Literatur. Im Vordergrund stehen dort die Entstehungsgeschichten der Poesie aus dem Kreis der Familie. Wir wollen die große schöpferische Kraft zeigen, die das Familiäre freisetzen kann, das ganze poetische und bildkünstlerische Potenzial. Und zugleich zeigen wir die Wechselwirkungen zwischen realem Leben und Literatur, die Schreibanlässe, die in der eigenen Familie liegen können, wie etwa die Geburt des ersten Kindes. Handke hat beispielsweise in die gleichen Notizbücher geschrieben wie seine Tochter. Sie haben sich beide so gegenseitig inspiriert.
Wofür schlägt ihr Kuratorinnenherz denn ganz besonders?
Ich kann mich kaum entscheiden. Das breite Spektrum der gezeigten Fotografien erfreut mich genauso wie die literarischen Funde. Im vierten Raum „Die Familie. Als Lebenswelt“ gibt es übrigens noch einmal Bilder. Rund 400 Fotografien erzählen von der Familie Viktor von Weizsäckers. Motive, die wir aus mehr als 2000 Bildern des Familienarchivs ausgewählt haben.
Und last but not least; was erlebt der Besucher im letzten Raum?
Vier Ohrensessel und 100 Familienromane aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten, in denen man nach Lust und Laune blättern und dabei viel über Familienromane erfahren kann.
Mit welchem Argument würden Sie die Besucher motivieren wollen, sich die Familien-Ausstellung persönlich anzusehen?
Man erfährt viel von den Dichtern und ihren realen und fiktiven Familien. Von Autoren, die für oder gegen die Familie schreiben, die Wunsch- oder Traumfamilien entwerfen und verwerfen. Wir haben hier tolle Stücke zusammengetragen, die man bisher noch nirgendwo gesehen hat. Das allein macht den Besuch lohnenswert. Und man kann außergewöhnliche Exponate entdecken: Das Fotoalbum der Familie Jünger, das mehr Möbelstück denn Album ist. Oder den Jaguar-Schlüssel von Volker Schlöndorff, den er von Max Frisch zum Dank für die Verfilmung von Homo Faber überreicht bekam, samt Fotos der Schlüsselübergabe.
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