Die Freitagsreportage Die Romantikerin unterm Posthorn

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Für eine herzliche Umarmung muss bei Ruth Walther immer Zeit bleiben – die Postbotin gehörte früher in vielen Familien „richtig dazu“. Foto: Michael Raubold Photographie

Marbach - Marbach - Ruth Walther gehört zu einer aussterbenden Art. 1986 wurde sie nach ihrer Ausbildung Beamtin, als „eine der letzten ihres Jahrgangs“, erzählt sie, grinst verschmitzt. „Die haben damals alle mit gutem Notenschnitt dazu verdonnert.“ Die Deutsche Bundespost, bei der die junge Frau damals so erfolgreich ihre Ausbildung abschloss, gibt es nicht mehr. 1994 wurde der Staatsbetrieb der Bundesrepublik privatisiert. Auch im Gebäude Hauffstraße/Hermann-Hesse-Straße in Marbach ist das große Schild mit dem schwarzen Posthorn längst abgeschraubt, wo sich einst die Schiebetüren zum Postschalter öffneten. Doch im Innern summt und brummt die Sortierarbeit um 8 Uhr an diesem Morgen wie in einem Bienenstock.

Der Lastenaufzug spuckt nacheinander mannshohe Wagen mit aufeineinander gestapelten gelben Kisten voller Post aus. Kaum rollt der Wagen in den Raum, umringen Männer und Frauen in ihren schwarz-gelben Dienstpullis den Wagen, bilden eine Traube, schnappen sich routiniert Kistchen um Kistchen. Teils wird die Post in Waiblingen automatisch vorsortiert, die Briefe stehen dann aufrecht in der korrekten Reihenfolge – so, wie später Straßen und Briefkästen auf der der Zustelltour aufeinander folgen – in ihren großen gelben Kisten. Den Rest sortieren die Postboten nach alter Väter Sitte mit der Hand. Menschen in schwarz-gelb vor Regalen stecken und verteilen Umschläge und Päckchen, die etwa so groß sind wie DIN A6. Für jede Straße und fast jede Hausnummer Marbachs ist in den Regalen ein Fach.

Draußen hängt noch Nebel über den Dächern an diesem Novembermorgen. Gesprächsfetzen dringen in der Sortierhalle ans Ohr: „I weiß net, wo die herkommet, I han alle zug’stellt“, sagt eine Frau. Ein Telefon schellt. Die „Großpost“ ab DIN-A4-Größe wandert in Regal-Fächer aus Holz. Dahinter sind Hände zu sehen, die von der anderen Seite Umschläge einsortieren. Ruth Walther arbeitet wegen ihrem fünfjährigen Sohn Hannes nur 16 Stunden in Teilzeit, ist auch keine Stammzustellerin, sondern wechselt die Bezirke. Inzwischen hat sie die Post für die Marbacher Innenstadt sortiert und in ihren Wagen geräumt. Der fasst allerdings nur einen ganz kleinen Teil. Der Rest liegt über ihren Bezirk verteilt an „Ablagestellen“. Vor ihrer Tour schicken die Postler den größten Teil ihrer Ladung voraus. Kollegen mit Lieferbussen verstauen alles sicher an so genannten Ablagestellen, an Verteilerkästen erinnernde, abschließbare Schränke auf der Straße, aber auch etwa in Gebäuden wie der Polizeiwache. Als sie den gelben Wagen auf der Hermann-Hesse-Straße bergab schiebt, sagt die 47-Jährige: „Hier draußen bewahr ich mir meine Austrägerinnen-Romantik. Was da drinnen los ist“ – sie deutet auf das Post-Gebäude – „da wird es schon stressiger.“

Seit ihrer Ausbildung hat sich vieles verändert, sinniert Ruth Walther. Die Geschäfte in der Innenstadt werden weniger. „Geradezu ein Schock“ war es für sie , als Elektro Frey schloss. „I’ find es ein bissle schade.“ Die Menge an Handgeschriebenem nimmt aber nicht nur wegen Geschäftsaufgaben ab, E-Mail und What’s App lassen grüßen. Stattdessen kommen Stapel von grell bedrucktem Papier – Werbeprospekte. „Doch bei Wind und Wetter will nicht jeder verteilen. Die in Gronau lebende Frau erinnert sich, wie sie einmal bei einem Spaziergang ein Bündel von Prospekten in einem Teich liegen sah, weggeschmissen von Austrägern wohl. Das ist bei der Post eher auszuschließen. Doch liegen die Stapel so eben bleischwer in Ruth Walthers Wagen.

Der fällt schon mal um, weil die Bremsen nachgeben“, sagt sie in badischem Singsang. „Es isch ganz klar ein Knochajob.“ Den Zungenschlag ordnen die meisten dem Unterland zu. Geboren und aufgewachsen ist die 47-Jährige jedoch bei Heidelberg, kam mit zehn nach Großbottwar. Neben Prospekten kommen immer mehr Päckchen und Pakete in der Hermann-Hesse-Straße an mit Aufdrucken wie „Amazon“ oder „Zalando“. Befördert werden die in so genannten „Verbundbezirken“ wie in Rielingshausen, Siegelhausen oder Eichgraben. Hier kommen Pakete und Briefe zusammen im „Streetscooter“. So heißen die neuen Post-Elektrobusse. Der Zusteller ist zugleich Paketboten. „Hallo, Herr Sievers“, grüßt Ruth Walther einen Mann, dann umarmt sie knapp vor dem Torturm Johanna Sievers, eine alte Bekannte aus ihrem Stammbezirk. „Damals hasch bei vielen richtig zur Familie gehört“ , erinnert sie sich, „Marbach isch trotz allem a Dorf“. Sievers sagt fröhlich:: „Sie ist die beste Briefträgerin von Marbach.“ Doch Ruth Walther muss schon weiter. Für Romantik ist wieder ein andermal Zeit.

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