Blickwinkel Kopfkino

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Endlich wieder Brezeln mit ä! Zurück in der Heimat Heimat
zu sein, ist schön, aber auch ganz schön anstrengend. Foto: privat

Blickwinkel - Ich bin zurück in Marbach. Zurück aus dem hessischen Exil, wo ich bei manchem Apfelwein doch öfter als Schwabe geoutet wurde, als mir lieb war. Was ist schwäbisch an mir? Auf jeden Fall das „e“, das bei der Bestellung als „ä“ ganz tief in den Gaumen rutschte, als ich in Frankfurt endlich einen Bäcker fand mit einigermaßen gescheiten Brezeln, pardon Bräzeln. Danach versuchte ich krampfhaft, ein hochdeutsches „e“ über die Lippen zu bringen. Vorbei, in Marbach gibt es endlich wieder Bräzeln! Zurückzukommen fühlt sich auf jeden Fall warm an in der Magengegend. Meine Eltern zogen 1980 nach Rielingshausen, da war ich vier. Abgemeldet auf dem Marbacher Rathaus habe ich mich im Jahr 2000. Seither ist die Welt eine andere geworden. Nur mein Kopf kommt nicht nach, verstrickt sich gedanklich zwischen Gestern und Heute. Da war doch der Radladen Rothfuß hier in der Marbacher Güntterstraße, was ist mit dem Kaufhaus Groß passiert? An allen Ecken und Enden erlebe ich: Kopfkino, 30 Jahre im Zeitraffer, mindestens. Ein Kreisel an der Schweißbrücke? Hier schepperte eine Frau aus Kirchberg kommend in den grünen Opel Rekord, in dem ich, so etwa 1985, auf der Rückbank von Rielingshausen her kommend saß. Wäre mit Kreisel nicht passiert! Wie mir der Schrecken in alle Glieder fuhr, habe ich nicht vergessen.

Im Schlosskeller sehe ich meine Nichte Theater spielen in der „Schachnovelle“, freue mich sehr. Jetzt wird es wieder warm im Magen, liegt vielleicht auch am Glas Riesling aus dem Bottwartal. Die Jahre haben dem Schlosskeller nichts anhaben können, dafür beeindrucken mich die Aufführung und die Schauspieler mehr als alles, was ich je in Marbach auf der Bühne gesehen habe. Sicher tu’ ich früheren Aufführungen unrecht. War ich damals überhaupt je im Theater? Eher selten. Als ich einen Freund aus Wiesbaden auf die Schillerhöhe führe, ist das Kopfkino wieder da. Im Literaturarchiv hörte ich Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger als Sechstklässler aus dem „Gurkenkönig“ lesen. Später im Deutsch-Leistungskurs bei Rudi Kienzle trafen wir Ruth Klüger, Holocaustüberlebende, Germanistin. Französisches Boccia spielten wir als Oberstufenschüler unterm Schillerdenkmal. Und plötzlich springt mir, zu Füßen Schillers, dieser Gedenkstein der Sudetendeutschen ins Auge. Ist mir früher nie aufgefallen. Wieder fühle ich mich angesprochen. Mein Vater kam aus dem heute tschechischen Brünn nach dem Krieg ins Schwabenland, heiratete eine Kornwestheimerin. „Erst der Prozess der europäischen Einigung bannte die Schatten der Vergangenheit“, schließt der Erklärtext. Die Rückkehr: Ruhe lässt sie mir selten. Aber es ist ein Glück hier zu sein,

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