Affalterbach Auf der Bühne bricht das Familienchaos aus

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Die Gruppe Vorsicht bissig! widmet sich im nächsten Stück drei Frauen zwischen dreißig und Mitte vierzig. Foto: Archiv (privat)

Affalterbach - Familie kann in der heutigen, öfter auch chaotischen Zeit Halt geben. Oder mit dazu beitragen, dass Chaos ausbricht. Das wird auch in dem Theaterstück deutlich, an dem das Affalterbacher Ensemble „Vorsicht bissig!“ gerade arbeitet. Vordergründig geht es in „Chaos“ des finnischen Autors Mika Myllyaho um drei Frauen zwischen dreißig und Mitte vierzig, von denen jede auf ihr persönliches Chaos zusteuert, bis sie schließlich ausrastet. Doch im Laufe der einzelnen Szenen wird klar, dass eine wesentliche Ursache auch mehr oder weniger missglückte Beziehungen sind – zur Mutter, zum Vater, zum Partner – und manchmal auch die Überlastung berufstätiger Mütter, die in der Familie keine Unterstützung finden.

Da ist Sofia: Lehrerin, Mutter von zwei Kindern, deren Leben plötzlich aus den Fugen geraten ist, wie sie zu Beginn an die Zuschauer gewandt erzählt. Ihre Mutter wurde plötzlich krank und starb, man setzte ihr eine neue Schulleiterin vor die Nase, das Auto ging kaputt, ihr Mann musste wegen Schimmel im Haus alle Zwischenwände einreißen, die Kinder waren dauernd krank – „an Schlaf war selten zu denken“, fasst sie zusammen. Anders, aber auch nicht besser, ist die Situation bei ihren beiden besten Freundinnen, den Schwestern Julia und Emma. Julia ist ledig, von Beruf Therapeutin und fängt ein Verhältnis mit einem verheirateten Patienten an, der zudem zwei Kinder hat. Emma schließlich ist Journalistin, hat eine kleine Tochter, und in ihrer Ehe kriselt es. Nicht zuletzt deshalb, weil ihr Mann Karriere macht und erwartet, dass sie sich ungeachtet ihres eigenen Berufs um das Kind kümmert.

Nach und nach formen sich die einzelnen Episoden, die teils gespielt, teils erzählt werden, zu einem Gesamtbild. Julia und Emma, die Schwestern, sie vertrauen einander, riskieren der anderen zuliebe sogar die eigene Karriere, hacken aber auch immer wieder auf den Fehlern der anderen herum, auch wenn diese schon in der Kinderzeit liegen. Sofias Problem dagegen ist ihre mittlerweile verstorbene Mutter, die sich noch immer „wie ein Berg“ vor ihr auftürmt, obwohl sie beruflich – wenn auch weniger erfolgreich – in ihre Fußstapfen getreten ist. Emmas Ehe zerbricht, sie kämpft vergeblich um das Sorgerecht für ihre Tochter.

Julia wiederum sinniert, wie es wäre, wenn sie zu ihrem verheirateten Geliebten ziehen würde – „ich hätte plötzlich eine Kühlschrankkombination, zwei Kinder, einen Kanarienvogel, ein Meerschweinchen und eine Waschküche. Ohne neun Monate Wartezeit.“

An dieser Aufzählung erkennt man schon: „Chaos“ ist kein bierernstes Stück, sondern eher eine schwarze Komödie. Zudem eine, die mit sparsamsten Mitteln auskommt. Alle Nebenrollen werden ebenso wie die drei Hauptrollen von den jungen Schauspielerinnen des Ensembles – Tamara Schuch als Julia, Mona Wiesinger als Emma und Sue Zinth als Sofia – gespielt, kleine Verwandlungen in eine andere Person finden vor den Augen der Zuschauer statt. Und weil so wenig fest vorgegeben und oft auch nur in einer beiläufigen Erzählung angedeutet wird, bleibt dem Publikum genügend Gelegenheit, sich seine eigenen Gedanken zu machen – und vielleicht auch sich selbst oder die eigene Familie zumindest zum Teil in den Akteuren wiederzufinden.

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