Zum Tod von Ronnie Spector Keine Angst, scharf zu sein

Von Thomas Klingenmaier
Ronnie Spector hat mit den Ronettes einst die junge Popmusik verändert. Foto: AFP/Michael Loccisano

Ronnie Spector hat mit den Ronettes und „Be my Baby“ für Girl Groups den Sex zurückerobert. Nun ist sie im Alter von 78 Jahren gestorben.

Stuttgart - Es war eine bloße Verwechslung, die den Pop weiterbrachte. Eines Abends rannte der Manager von Joey Dee’s Peppermint Lounge in New York vor die Tür, um nach den verspäteten Tänzerinnen des Abends zu suchen. Draußen standen drei schwarze Mädels mit hochtoupierten Haaren, die er umgehend auf die Bühne scheuchte. Ja, Nedra Talley, Estelle Bennett und deren Schwester Ronnie waren eine tanzende Girl Group, aber nicht die erwartete. Sie nannten sich brav The Darlings und bereiteten sich unter der Aufsicht von Großmutter Bennett auf eine Karriere auf dem Feld jungfräulicher Romantik vor. Doch nun waren sie ohne Aufsicht und fetzten herunter, was ihnen selbst gefiel, eine Variante von Ray Charles’ „What’d I say“, mit Ronnies Ausnahmestimme und selbst entworfener Choreografie. Die Gäste tobten, die Darlings wurden für regelmäßige Auftritte geheuert, Plattenaufnahmen folgten.

Als der Produzent Phil Spector das nun bereits The Ronettes genannte Trio 1963 unter seine Fittiche nahm, wurden Hits wie „Be my Baby“ und „Baby I love you“ nicht nur die brillantesten Beispiele des legendären Klangdichtekonzepts von Spector, der Wall of Sound. Hier wurden die sexuellen Machtverhältnisse im Pop neu definiert. Die Ronettes gurrten nicht naiv, sie forderten heraus. Die Einladung zur Sinneslust war im Rhythm & Blues Alltag, den Girl Groups hatte man sie für den weißen Markt weggefiltert. Mit den Ronettes, die mit den Beatles und den Rolling Stones tourten, war sie wieder da. „Wir hatten keine Angst, scharf zu sein“, beschrieb das Ronnie.

1966 heiratete Phil Spector die Sängerin und nahm die Ronettes ziemlich gründlich vom Markt. Ronnie Spector, die am Mittwoch im Alter von 78 Jahren gestorben ist, hat über ihre Ehehölle, über die Gewalttätigkeiten und die Finanztricks von Phil Spector 1990 in ihrer Autobiografie berichtet. Da versuchte ein Kontrollfreak, den Geist weiblicher Stärke im Pop zurück in die Flasche zu bekommen. Nach ihrer Scheidung 1974 hat Ronnie Spector weiter Musik gemacht. Junge Sängerinnen nahmen sie als Vorbild, sie legte gute Alben vor, aber die Mehrheit der Musikliebhaber verband mit ihr „Be my Baby“, laut Brian Wilson von den Beach Boys ja der „Gipfel der Perfektion im Pop“. Aber Ronnie Spector hat uns, bitte irgendwann mal Zeit nehmen zum Entdecken, viel mehr hinterlassen.

Ein paar Songs für die Ewigkeit

Von „Be my Baby“ findet man im Netz viele Varianten, aber die klassische Phil-Spector-Studioversion von 1963 hat Popgeschichte geschrieben. Der Text steckt noch voller Klischees. Aber wie Ronnie das singt, wie sie „kiss“ phrasiert, macht klar: Es geht um mehr als ein bisschen Turteln. Und das Schlagzeug hämmert die weißen Jungs buchstäblich aus ihren Kinderzimmern hinaus: Aufgewacht, jetzt beginnt ein anderes Zeitalter! Für diesen Auftritt im Fernsehen hier hat man die Single als Playback verwendet und die Ronettes ein bisschen züchtiger eingekleidet. Wobei sich damals mancher Mann ja noch über Hosen an Frauen aufregte.

Auch von „Baby I love you“ sollte man die Studiovariante mal hören. Spector hat den Sound noch dichter hinbekommen als bei „Be my Baby“, für die Hintergrundstimmen hat er 1963 unter anderem Darlene Loves Begleitsängerinnen sowie Cher ins Studio geholt. Wieder gibt es keinen Originalitätspreis für die Lyrics, aber das Stück rollt über die Zuhörer hinweg wie Artillerie. Die Jungs werden buchstäblich aus ihren Verstecken gescheucht und auch aus dem nächsten Unterschlupf gejagt: Verstecken gilt nicht, von jetzt an wollen auch die Mädchen was. „Walking in the Rain“ stammt ursprünglich aus dem November 1964. Ronnie Spector hatte es bis zum Ende im Programm. Wie bei vielen Sängerinnen geben die Altersmacken der Stimme naiven Liedern neue Würde: Lebenserfahrung schwingt mit, Verwundung und Trotz. Wenn eine ältere Frau singt, eines Tages werde sie schon noch den Richtigen treffen, ist das auf ganz eigene Weise bittersüß.

1976 hat Bruce Springsteen, ein großer Fan von ihr, für einen Gig in New York Ronnie Spector als Background-Sängerin geheuert. Springsteens Gitarrist Steve Van Zandt hat in der Folge die Single „Say Goodbye to Hollywood“ produziert. Der von Billy Joel geschriebene Song ist ein Mix aus Girl-Group-Schmelz und 70er-Power-Pop, ging aber an den Charts vorbei.

In den 70er und 80er Jahren hat Ronnie Spector gute Arbeit geleistet. Aber sie hat keinen Produzenten gefunden, der einen wirklich einen markanten, persönlichen Sound für sie entwickeln und das Altvertraute in die Zukunft holen konnte. Das Tina-Turner-Phänomen blieb aus. Aber viele ihrer Versuche, zu punkten, sind heute nostalgisch rührend, wie das Musikvideo „Who can sleep“ von 1987. Es fehlte damals nur der Hollywood-Film, der dieses Lied via Soundtrack zum Hit gemacht hätte.