Zum Tod von Karl Huober Abschied von einem Weltverbesserer

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Karl Huober und eine Brezel, durch die drei Mal die Sonne scheint. Foto: Werner Kuhnle/Archiv

Philosoph, Redakteur, Volkswirt: Karl Huober hatte viele Talente – am bekanntesten wurde er als Bäcker der Huober Brezel.

Ludwigsburg - Auf den Mann, der am Freitag auf dem Ostfriedhof in Ludwigsburg zu Grabe getragen worden ist, passen viele Beschreibungen: Visionär ist eine davon, Wahrheitssucher eine andere. Auch einen Kämpfer, Menschenfreund und Weltverbesserer kann man Karl Huober mit guten Gründen nennen. Und Karl Huober war auch: Philosoph, Volkswirt, Pädagoge. Den Karl Huober, den die meisten Menschen in Nah und Fern – bewusst oder unbewusst – kannten, ist jedoch der Unternehmer Karl Huober.

Der Chef jener Firma, die die knusprigen Brezeln produziert, die in keiner Kneipe, keinem Supermarkt, und bei keinem Fußballabend fehlen können. Huober Brezel heißt die Firma aus Erdmannhausen, auch bekannt als die Marke, durch die drei Mal die Sonne scheint. Am Donnerstag vor einer Woche ist Karl Huober gestorben. Mit 70 Jahren, nach langer schwerer Krankheit.

Der Sohn rettet die Fabrik der Eltern

Die Geschichte der Firma, die für immer mit Karl Huober verbunden bleiben wird, beginnt im Jahr 1950. Damals gründen Karl Huobers Eltern in Erdmannhausen die „Erste Württembergische Brezelfabrik“. Die Geschäfte laufen bestens, das Unternehmen blüht auf. Doch Sohn Karl zieht es fort aus der schwäbischen Provinz – erst nach Tübingen, dann nach Berlin.

Er studiert Volkswirtschaft und Philosophie. Parallel dazu eröffnet er einen Buchladen für Geisteswissenschaft und soziale Frage. Außerdem gründet er mit Freunden die linksalternative Tageszeitung taz, wo Huober 18 Monate als Kulturredakteur arbeitet. 1980, der Brezelfabrik in Erdmannhausen droht die Insolvenz, bittet ihn der Vater um Hilfe. Karl Huober kehrt zurück nach Erdmannhausen, aber seinen kritischen Geist bringt er mit.

Ohne Erfolg wäre der Chef wohl belächelt worden

Was ist Geld? Wo bleibt der Mensch in einer Welt der zwanghaften Rationalisierung und Umsatzdiktats? Was ist der Sinn der Arbeit? – Das sind Fragen, die Huober beschäftigen. Er will es nicht als gegeben hinnehmen müssen, dass die Lebensaufgabe des Menschen eingezwängt ist zwischen Geldverdienen und Konsum. Und er sagt Sätze, die für einen herkömmlichen Unternehmer ausgesprochen ungewöhnlich klingen. Zum Beispiel diesen: „Zuerst müssen wir unser Geistesleben vom Obrigkeitsdenken und Besitztrieb befreien. Dann können sich der Staat und die Wirtschaft weiter entwickeln.“ Oder diesen: „Wenn ein Mensch ein ehrliches Interesse an dem Produkt hat, das er herstellt, entwickelt er sich bei der Arbeit weiter.“

Hätte Karl Huober mit seiner Philosophie keinen Erfolg gehabt, er wäre wohl als linker Spinner belächelt worden, oder gar nicht beachtet. Aber das Schöne ist ja: Karl Huober hatte großen Erfolg.

Der Ideologe, der zum Unternehmer wurde, verkauft in Erdmannhausen „mehr schlecht als recht“ erst einmal die Waren weiter, um die Produktion am Laufen zu halten. Nebenbei jedoch tüftelt er an der Zukunft. Oder wie er das formulierte: Er ließ Samen, die sich im Verborgenen der Firma bilden wollten, bis zur Keimfähigkeit ausreifen.

Lernen auf Land

Konkret bedeutet das: Karl Huober reduziert das Sortiment auf das Wesentliche, exportiert nach Australien, Amerika und das europäische Ausland – und beginnt mit der Herstellung einer Gebäcklinie aus biologisch-dynamisch angebautem Getreide. Nun hat auch der Naturkosthandel Interesse, und Reformhäuser nehmen das Gebäck aus Erdmannhausen ins Sortiment, und Schritt für Schritt wird Huober Brezel zu einem der führenden Salz-Laugen-Gebäckhersteller in Deutschland. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 150 Mitarbeiter, produziert täglich rund 20 Tonnen Brezeln, Stangengebäck und Kräcker und erwirtschaftet einen Umsatz zwischen 50 und 100 Millionen Euro. In dieser Größenordnung stuft die Firmendatenbank Wer zu Wem die geschichtsträchtige GmbH & Co. ein.

Wer erahnen möchte, wie erfüllt Karl Huober von dem war, was er als seine Aufgabe gefunden hatte, stelle sich einen Acker des Riedhofs in Erdmannhausen vor. Auf dem Hof, der zur Huober-Firmengemeinschaft gehört, sollen Besucher den bewussten Umgang mit der Erde lernen. Im vergangenen Oktober fand dort wie jedes Jahr die Aktion Zukunft säen statt: Bürger, Mitarbeiter, Lehrlinge säen von Hand Dinkel aus – und erfahren dabei viel über die Zusammenhänge zwischen Natur, Landwirtschaft und Leben.

Wachstum bedeutet für Huober nicht unbedingt Geld

Karl Huober ist in jenem Oktober 2018 schon krank – trotzdem ist auch er bei der Aktion auf dem Riedhof dabei, um mit den Kindern zu sprechen. Heutzutage, sagte er, gehe es stets um die billigste Produktionsweise. Doch stattdessen sollte man fragen, wie man richtig produziert. „Man kann Lebensmittel nicht wie in einer Fabrik herstellen. Es bedarf auch der Wärme durch den Menschen.“

Die Wärme in Karl Huober führt nicht nur dazu, dass er ein Brezelmuseum gründet. Sie bringt auch mit sich, dass in seinem Produktionsgebäude nicht alle Arbeiten, die von Maschinen erledigt werden könnten, tatsächlich von Maschinen erledigt werden. Und dass kein Mitarbeiter am Band länger als drei Stunden derselben Tätigkeit nachgehen muss. Das Unternehmertum, wie Karl Huober es versteht, führt dazu, dass er die marode Feinkostmarke Bio Gourmet von Rapunzel übernimmt und wieder auf Kurs bringt. Dass er die Donath-Mühle in Bad Wörishofen vor dem Aus rettet – und damit auch viele biologisch wirtschaftende Landwirte. Und dass er eine Firma namens Erdmannhauser gründet, die mit den Produkten bio-dynamischer Landwirte ebensolche Lebensmittel produziert.

Ein Sucher, der gefunden hat

„Wir haben uns behauptet, weil wir uns vom beherrschenden System nicht ganz vereinnahmen ließen“, hat Huober vor vier Jahren in einem Interview gesagt. Dass zwei seiner drei Söhne in die Firma eingestiegen sind, dürfte nicht nur ihn gefreut haben, der – das sei noch erwähnt – die Waldorfkindergärten in Erdmannhausen und Marbach mitgegründet hat.

In der Aussegnungshalle des Ostfriedhofs ist unter anderem ein Foto aufgestellt, das Karl Huober zeigt, als er schon älter war. Es ist ein schönes Bild. Es zeigt einen Mann, der gütig und glücklich wirkt. Sein Weggefährte Klaus Leiser, der die Trauerrede hält, erinnert daran, dass Karl Huober immer wieder sagte, er wolle in seinem Leben „wirken“. Dem Blick auf dem Foto nach zu urteilen, so Leiser, hat er das geschafft. „Karl Huober hat das gefunden, was er suchte.“

Und dies, das ist gewiss, nicht nur zu seinem eigenen Glück.