ZDF-Spielfilm über NS-Wannseekonferenz Wie organisiert man einen Völkermord?

Von Tim Schleider
Versammlung des Grauens: Die Beratung über die Vernichtung der europäischen Juden beginnt. Foto: ZDF/Julia Terjung

Sie haben den Holocaust nicht beschlossen. Sie haben ihn in die Tat umgesetzt: Am 20. Januar 1942 berieten Spitzenkräfte aus Ministerien, Ämtern und SS über die „Endlösung der Judenfrage“. Das ZDF erzählt die Geschichte in einem herausragenden Spielfilm.

Stuttgart - Wie ermordet man elf Millionen Menschen? Wie wird man ihrer habhaft? Was wird aus den Wohnungen und dem Besitz, den sie zurücklassen? Wie transportiert man sie von zu Hause weg? Wo transportiert man sie hin? Wer stellt den Fahrplan der Züge zusammen? Wie bewacht man die elf Millionen Menschen während des Transports? Muss man sie während der Fahrt verpflegen? Wer nimmt sie am Ziel in Empfang? Was sagt man ihnen, wenn sie die Züge verlassen haben? Und vor allem: Wie bringt man sie schließlich um? Wohin mit den Leichen?

Welch ein Fragenkatalog des Grauens! Am späten Vormittag des 20. Januar 1942 versammeln sich in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin 15 Führungskräfte aus Politik, Ministerien und den Streitkräften, um all diese Fragen zu beraten und zu beantworten. Sie selbst haben die sogenannte – Achtung, Nazijargon! – „Endlösung der Judenfrage“ nicht beschlossen; das hatte letztlich der „Führer“ Adolf Hitler bereits vor vielen Jahren in seinem Buch „Mein Kampf“ vorgezeichnet. Die 15 hier versammelten NS-Spitzenmanager sind vielmehr dafür da, um die infernalische Vision eines Völkermords in die Praxis umzusetzen.

Es bleibt genug Zeit für einen Imbiss

Anfangs sind manche von ihnen noch ein wenig erschrocken angesichts der riesigen Zahl, um die es geht. Adolf Eichmann, der Leiter der Abteilung Judenangelegenheiten im Reichssicherheitshauptamt, hat penibel eine Tabelle aufgestellt: Welche Länder hat Deutschland schon besetzt, welche Staaten sind mit Hitler verbündet, wie viele Juden leben dort. So kommt man auf elf Millionen. Oh je, seufzt da einer spontan, ist das wirklich zu schaffen?

Die Herrenrunde braucht gerade mal anderthalb Stunden für diese Aufgabe, und es ist sogar noch Zeit für einen Imbiss und ein wenig frische Luft auf der Terrasse. Und wenn nur ein einziger Grund zählen dürfte, den ZDF-Spielfilm „Die Wannseekonferenz“ unbedingt zum Anschauen zu empfehlen, dann ist es dieses Erlebnis: Wie abgrundtief zynisch und menschenverachtend, aber eben effektiv Fachwissen, Pflichtgefühl und Akkuratesse der deutschen Verwaltung sein können – sie wächst offenbar gerade dann an ihren Aufgaben, wenn diese aus dem dunkelsten Reich des Bösen stammen.

Nur eine Frau in der Runde: die Protokollantin

Der Produzent Oliver Berben, der Regisseur Matti Geschonneck und der Autor Magnus Vattrodt erzählen in diesem Film eigentlich nichts weiter als den Ablauf dieser Arbeitssitzung. Und während sonst die Stärke einer historischen Erzählung ja gerade ist, dass sie durch Verdichtung und Zuspitzung dem Zuschauer mehr über die Geschichte zu berichten vermag, als es die bloßen Fakten und Quellen könnten, wird dieser ZDF-Film zum Meisterstück, weil er den Fakten und Quellen eigentlich nichts hinzufügt, weil er sich konzentriert und fokussiert auf den Kern: die Konferenz als Konferenz, für die Nachwelt festgehalten im Protokoll der einzig anwesenden Frau an diesem Tag, Ingeburg Werlemann, Eichmanns Sekretärin.

15 herausragende Schauspieler haben es auf sich genommen, die Nazibürokraten aus Justiz- und Innenministerium, aus Parteizentrale und Reichskanzlei, aus SS-Ober- und -Mittelbau zu spielen – und es ist beängstigend, wie genau sie den Ton von Engagement, Eitelkeit und Eifrigkeit, aber auch von Neid und lauernder Konkurrenz untereinander treffen. Dabei steht im Zentrum Philipp Hochmair, der dem Vorsitzenden Reinhard Heydrich das Format eines eloquent-charmanten Teufels verleiht – man ahnt, was sich der 48-jährige Theaterschauspieler während der Dreharbeiten auch ganz persönlich abverlangt hat.

Eichmann hat alles vorbereitet

Ganz anders zeigt sich der ebenso hochkarätige Godehard Giese als Wilhelm Stuckart, Staatssekretär im Innenministerium. Wenn er nicht müde wird, penibel auf die Unterschiede zwischen „Voll-, Halb- und Vierteljuden“ hinzuweisen, träumt der Zuschauer einen flüchtigen Moment lang, hier wolle jemand juristische Feinheiten nutzen, um wenigstens noch einige Seelen vor der Vernichtung retten zu können.

Doch schnell wird klar, es ist alles viel schlichter gestrickt: Stuckart hat einst all diese absurden Regeln in Paragrafen gegossen, und er besteht einfach darauf, dass sie gebührende Beachtung finden. Damit er selbst Beachtung findet.

Grauenhafter Höhepunkt des nach außen völlig unspektakulären Geschehens ist aber die letzte Viertelstunde der Konferenz, in der Adolf Eichmann – die Herren sind schon beim Kaffee – schildert, auf welche ganz neue, aber effektive Weise man schließlich in den Vernichtungslagern das Heer der Verschleppten umbringen und beseitigen will, mittels Vergasung und Verbrennung. Der Schauspieler Johannes Allmayer verleiht dem Kurzreferat Eichmanns eine quälend nüchterne Emsigkeit. Da will jemand einfach nur zeigen, wie perfekt er alles vorbereitet hat. Und der Lohn Heydrichs ist ihm gewiss: „Gute Arbeit, Eichmann!“

Der Blick auf die Täter ist wichtig

„Die Wannseekonferenz“ ist kein schöner Film. Aber es gibt an diesem Montagabend keinen wichtigeren im deutschen Fernsehen – und keinen besseren. Regisseur Matti Geschonneck zeigt, dass der genaue Blick auf die Täter für den Zuschauer mindestens so quälend sein kann wie die Geschichten der Opfer. Man muss sich beiden Perspektiven stellen.

Die Wannseekonferenz. Montag, ZDF, 20.15 Uhr

Programmschwerpunkt

Opfer
Gleich im Anschluss an den Spielfilm um 22 Uhr ergänzt das Zweite das Thema mit einer Doku, in der unter anderem die Holocaustüberlebende Margot Friedländer zu Wort kommt. Die Berlinerin wurde am 5. November 2021 hundert Jahre alt und ist noch immer als Zeitzeugin bei vielen Veranstaltungen aktiv.

Täter
Am Dienstag, 25. Januar, zeigt das ZDF um 20.15 die Dokumentation „Ganz normale Männer“ über die „Todeskommandos“ der Sicherheitspolizei, die in Osteuropa direkt hinter der Front Massenexekutionen durchführten – Gräueltaten, die erst Mitte der 1990er Jahre systematisch durch den US-Historiker Daniel Goldhagen aufgedeckt wurden. Sein Buch „Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ löste damals in der Öffentlichkeit heftigen Widerspruch aus. Inzwischen gelten seine Ergebnisse als weitgehend bestätigt.