Wissenschaftler aus dem Bottwartal Ein Oberstenfelder erklimmt den Physik-Olymp

Von Cornelia Ohst
Jann van der Meer schätzt zum Nachdenken Spaziergänge in der Natur. Foto:  

Hochbegabter junger Mann: Der im Bottwartal (Kreis Ludwigsburg) aufgewachsene Wissenschaftler Jann van der Meer setzt mit seinen Forschungsarbeiten bedeutende Impulse.

Groß, schlank und mit wachen, dunklen Augen, die an das asiatische Erbe seiner Mutter erinnern, sitzt Jann van der Meer beim Interview. Allein die Hände verraten die Aufregung des 24-Jährigen. Doch die ist schnell vergessen, denn der Doktorand, den Prof. Udo Seifert an der Universität in Stuttgart vor einem Jahr wissenschaftlich unter die Fittiche genommen hat, ist ein Meister der Kommunikation. Die Ausdrucksweise schnörkellos und frei von Plattitüden, dabei von kreativen Bildern durchsetzt. Yann van der Meer ist hochbegabt.

Wissenschaftler ohne Terminkalender

Für viele hochbegabte Kinder, deren Potenzial nicht rechtzeitig erkannt wird, kann dies eine belastende Hypothek sein. Nicht so bei Jann: Zwar sei er „lange Zeit einzelgängerisch und sozial wenig versiert“ gewesen, erzählt der Bottwartäler, doch seine Kindheit sei relativ problemlos verlaufen. „Die Tatsache, dass ich zwei Jahre jünger als meine Klassenkameraden war, hatte in diesem Alter wohl große Auswirkungen“, sagt er über sein vieles Alleinsein – das ihn aber nicht belaste. Es brauche eine gewisse Langeweile, also viel freie Zeit, um eine bestimmte Form von Kreativität auszubilden, die beim Vernetzen von Wissen und Weiterdenken nützlich sei, berichtet der junge Wissenschaftler, der ganz ohne Terminkalender auskommt.

Bedeutend ist: Das Kapital, das in ihm schlummert, durfte sich frei entfalten. So wie auch sein sprachliches Vermögen. Denn Jann wurde schon als Kind von drei Sprachen beeinflusst: Kantonesisch (der Sprache der Mutter) sowie Deutsch und Englisch. Letztere ist die Basis, auf der sich die Eltern – der Vater ist Deutschholländer – verständigen.

Mit fünf Jahren wird der Oberstenfelder eingeschult, mit acht wechselt er auf das Beilsteiner Herzog-Christoph-Gymnasium; mit 16 schließlich beginnt er an der Stuttgarter Universität Physik zu studieren. Vielleicht ist daran auch eine Reise nach China schuld: Dorthin nämlich begibt er sich im Alter von 13 Jahren für zwei Wochen als Austauschschüler – und bekommt von einem Mädchen Stephen Hawkings „Kurze Geschichte der Zeit“ geschenkt.

Der Physik emotional nahe

Jann beginnt fortan, in die komplexe Welt von Physik und Mathematik einzutauchen. In der Oberstufe hat ihn dann die Begeisterung für die Physik komplett gepackt. Als Abiturient liebäugelt van der Meer noch mit dem Studium der medizinischen Informatik, wählt dann jedoch die Physik, weil er sich ihr „emotional näher fühlt und den Pragmatismus schätzt, der in ihr steckt“. Später nimmt er noch das Fach Mathematik hinzu und geht als Austauschstudent für ein Semester nach Hongkong, wo er auch die Familie seiner Mutter intensiver kennenlernt.

Ein Doppelstudium dieser Art ist ungewöhnlich. Der 24-Jährige ist sich dessen bewusst, und doch schließt er beide Masterstudien als Jahrgangsbester jeweils mit der Note 1,0 ab. Für Mathe bekommt er den Bosch-Preis, für Physik im Jahr vorher den Absolventenpreis für den besten Physikstudienabschluss.

Doch nicht immer ist alles nur einfach. Auch nicht für den Hochbegabten. „Ein Physikstudium stellt für manch einen die größte intellektuelle Herausforderung im Leben dar“, sagt van der Meer. In den ersten Semestern habe er von morgens bis abends gelernt. Geholfen haben ihm „Selbstdisziplin und eine Portion Sturheit“. Gerade den Erfolg könne man nicht einfach nur mit Begabung abstempeln, findet der 24-Jährige. „Begabung ist keine Ausrede, um weniger zu machen, sondern ein Ansporn für mehr!“ Seine Fakultät bezeichnet van der Meer überdies als „ Sammelbecken für die etwas sonderbaren Gestalten“ – wobei die meisten dieser Gestalten „extrem nett“ seien.

An der Hochschule extrovertierter geworden

Die Arbeit im Hochschulbetrieb hat ihn, der an seinen freien Tagen immer noch gern die Familie im Bottwartal besucht, extrovertierter werden lassen. An der Fakultät hat er gelernt, mit anderen intensiv zusammenzuarbeiten. Schließlich bringe die beste Idee nichts, wenn sie für sich alleine stehe und nicht entwickelt werde. „Durch meinen mathematisch geprägten Hintergrund habe ich manchmal eine andere Perspektive als meine Kollegen, was durchaus zu fruchtbaren Gesprächen und Ergebnissen geführt hat und hoffentlich auch noch führen wird.“

Nach den beiden Masterarbeiten entschied sich Jann für eine akademische Laufbahn am II. Institut für theoretische Physik, im Bereich der stochastischen Thermodynamik. Inzwischen vertritt der 24-jährige Doktorand nicht nur seinen Professor bei dessen Vorlesungen, Jann hat auch als Autor zweier Forschungsarbeiten die Fachwelt auf sich aufmerksam gemacht: eine Arbeit erschien sogar im Fachjournal „Physical Review X“.

Wenn er den Doktortitel in der Tasche hat, will Jann van der Meer als Postdoc in die Ferne schweifen und sich an Universitäten wie Cambridge oder auch in Japan bewerben. Es besteht kaum ein Zweifel, dass er auch das schaffen wird.