Weinfest in Beilstein Weinmacher werden zu Festmachern

Von
Die Gäste genießen die Rückkehr eines Stücks Normalität. Foto: Avanti/Ralf Poller

Für das abgesagte Weinbergfest in Beilstein haben die sechs heimischen Weingüter kurzerhand eine eigene Veranstaltung organisiert.

Beilstein - Wer in diesen Tagen ein Fest organisiert, braucht ein dickes Fell und gute Nerven. Die Beilsteiner Weinmacher haben diesen Mut bewiesen. Weil Stadtverwaltung und Gemeinderat das weit über die Region hinaus bekannte Weinbergfest abgesagt haben, sind die im Ort ansässigen oder dort anbauenden Weinbaubetriebe in die Bresche gesprungen.

Wenn dann die neue Bürgermeisterin Barbara Schönfeld davon spricht, „seitens der Stadt habe man gerne im Rahmen unserer Möglichkeiten unterstützt“, entsteht leicht der Eindruck, das Risiko überlasse man gerne anderen nach dem Motto „Hannemann, geh Du voran.“

Gute Gespräche bei einem guten Glas Wein

Ob Weinbergfest oder Weinmacher-Fest, ob von Gemeinde oder von den Weinmachern organisiert: Den Gästen ist das am vergangenen Wochenende egal gewesen. Sie sind froh und genießen den Abstand zu jeder Art von Politik. Lieber ist ihnen wieder Musik live mit vielen anderen Menschen, guten Gesprächen und bei einem guten Tropfen Wein im Glas.

Apropos Musik: es ist wohl selten, dass eine Weinprinzessin wie Claudia I. aus Beilstein ihre Rede hält und sich dann flugs im Prinzessinnengewand auf die Bühne schwingt und singt. Vermutlich darf sie sich trotz ihres jungen Alters als dienstälteste Weinprinzessin Beilsteins feiern lassen. Ihre Amtszeit ist coronabedingt um ein Jahr verlängert.

Musiker verzichten auf ihre Gage zugunsten von Flutopfern

Doch die lange Pause während der Pandemie hat ihren Preis, für Zuschauer wie für die Künstler. „Ich dachte vorher noch, ich möchte gleich wieder heim gehen“, umschreibt ihre Bandkollegin Carina von Evermind die Nervosität vor dem ersten Song. Immerhin ist das der erste Auftritt der Band seit September vergangenen Jahres. Unter diesen Umständen ist es umso bemerkenswerter, wenn die Band ihre Gage an die Hochwasseropfer in der Weinregion Ahr spendet, wie ihre Bandkollegin Ramona schildert. Diese Solidarität ist beeindruckend, denn gerade Musiker haben ja mit am meisten unter der Pandemie gelitten.

Bei der offiziellen Begrüßung am Samstagabend um 18 Uhr stellen zwar alle Weinmacher ihre diesjährigen Weinempfehlungen vor. Alle aber rühmen die besondere und vertrauensvolle Zusammenarbeit unter den doch im Grunde konkurrierenden lokalen Weingütern. „Es hat hammergut geklappt“, umschreibt das Marcel Wiedenmann pragmatisch kurz. Und bedankt sich noch flugs beim Bauhofteam um Christian Aufrecht herum, das ihnen manche Tür geöffnet habe mit ihrer pragmatischen Hilfe. Der Bauhof hat tatkräftig mit Tischgarnituren und der Straßensperrung unterstützt.

Gäste tanzen fröhlich zu Live-Musik

Und jetzt habe das zweijährige pandemiebedingte Warten ein Ende. „Wir freuen uns, dass wir wieder feiern dürfen. Ihr hoffentlich auch!“ und spricht damit Veranstaltern wie Gästen aus dem Herzen. Selbst die Band spende ihre Gage an die Flutopfer im Ahrgebiet. „Eine geniale Idee“ findet Wiedenmann und der Applaus zeigt, dass er mit dieser Meinung nicht allein ist.

Die Band heizt die Stimmung an. Iza Mikaberidze und Kettevani Pholadashuli sind mit die ersten, die beschwingt und fröhlich zur Musik tanzen. Die beiden Georgierinnen, die aus Stuttgart nach Beilstein gekommen sind, fühlen sich frei. Es sei ihr erstes Fest seit zwei Jahren, umschreiben sie ihre Freude. Immerhin kommen sie in ihrer Heimat aus einer vergleichbaren Weinregion.

Die Örtlichkeit bietet einen tollen Ausblick auf Beilstein

Roswitha Schmidt aus Bissingen ist mit Heidi und Sabine aus Großbottwar gekommen. Sie seien die Groupies von Sängerin Ramona. Seit langem haben sie nicht mehr gemeinsam so viel Freude gehabt, freuen sich alle drei über die nun wieder möglich gewordenen persönlichen Begegnungen. Ähnlich glücklich ist Lisa Heinrich aus Marbach über diese neue Freiheit zum Feiern und der Rückkehr eines Stücks längst verloren geglaubter Lebensqualität.

Anders als das Weinbergfest findet diesmal alles auf dem Festgelände des Weingut Krohmer im westlichen Gemeindegebiet statt. Das hat durchaus Vorteile: statt in den Weinbergen, sitzt man vor den Weinbergen und hat grandiosen Ausblick auf die pittoreske Kulisse Beilsteins.

Es kehrt ein Stück Normalität zurück

So lautet der Grundtenor vieler an diesem Wochenende: Letztlich ist es egal, ob von der Gemeinde oder den Beilsteiner Weinmachern organisiert, ob in oder vor den Weinbergen gefeiert wird. Hauptsache, es kehrt endlich ein Stück Normalität zurück. Es überwiegt die Freude, einen gelungenen, fröhlichen Abend mit Freunden und Bekannten bei einem guten Glas heimischen Weins zu verbringen.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Absage des Weinbergfests
Die Gemeinde hat bereits im Januar beraten und dann offiziell im Mai das weithin bekannte Weinbergfest endgültig für dieses Jahr abgesagt.

Die Beilsteiner Weinmacher
Bereits seit 2015 machen das Weingut Kircher, Gemmrich, Krohmer, Bottwartaler Winzer, Schlossgut Hohenbeilstein und Sankt Annagarten gemeinsame Sache. Und aus der Not durch die Absage des Weinbergfestes haben diese Macher eine Tugend gemacht und eine eigene Veranstaltung auf die Beine gestellt.

Unterstützung
Die Organisation der Veranstaltung liegt komplett in den Händen der Weinmacher. Die Gemeindeverwaltung hat bei der richtigen Auslegung und Umsetzung der sich laufend ändernden Verwaltungsvorschriften geholfen.

Sicherheit
Die Weinmacher setzen auf die Unterstützung einer Sicherheitsfirma, ähnlich wie beim Weinbergfest, damit alle Vorgaben um- und durchgesetzt werden können.