Wein Lese Tage in Marbach Wo Besucher Schlange stehen . . .

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Die Blindverkostungen der Bottwartaler Winzer waren ausnahmslos bis auf den letzten Platz ausgebucht. Foto: Werner Kuhnle

Fröschers Erlebnisstüble, das es erstmals gab, ist bei den verschiedenen Veranstaltungen mehrfach aus allen Nähten geplatzt. Gefragt waren vor allem die Dunkel-Weinproben sowie die Vorträge der Winzer.

Marbach - Es ist ein kleiner Raum, der ganz unscheinbar im hintersten Eck des Foyers der Stadthalle liegt, direkt neben der Garderobe. Und doch ist er am Wochenende Anziehungspunkt für viele Besucher der Wein Lese Tage gewesen. Mehrfach standen die Weinliebhaber sogar Schlange, um zu einem der begehrten Vorträge zu kommen. Das Bittere: Fröschers Erlebnisstüble fasste nur Platz für rund 25 Menschen – und selbst dann war es schon sehr „kuschelig“ –, sodass der ein oder andere wieder enttäuscht von dannen zog. „Dass der Raum so ein Erfolg wird, damit hätten wir nicht gerechnet“, resümierte Kai Keller, Geschäftsführer der Marbacher Zeitung, die die Wein Lese Tage veranstalten. Am Gefragtesten waren an beiden Tagen die Dunkel-Weinproben der Bottwartaler Winzer sowie die Vorträge einiger Winzer.

Weinprinzessinnen im Interview
Den Auftakt in Fröschers Erlebnisstüble machten am Samstagmittag die beiden Weinprinzessinnen aus Beilstein – Franziska Pfizenmayer (Württembergische) und Claudia Anacker (Beilsteiner). Beide standen Karin Götz, Leiterin der Lokalredaktion der Marbacher Zeitung, Rede und Antwort und verrieten dabei nicht nur, dass sie schon als Kinder gerne Krönchen trugen, sondern offenbarten auch unterschiedliche Vorlieben, was den Wein angeht. So bevorzugt Pfizenmayer roten, trockenen, am besten im Holzfass gereiften Bio-Wein, den sie zusammen mit Schokolade genießen würde, während Anacker eher auf weißen, halbtrockenen in Edelstahl gereiften Bio-Wein mit Käse steht. Beim Thema alkoholfreier Wein waren sich aber beide einig. „Ich finde es wichtig, in so eine Nische zu gehen. Gerade für Leute, die nicht so viel Alkohol trinken oder an einem Tag fahren müssen, ist das eine tolle Ergänzung“, sagte Pfizenmayer – und Anacker ergänzte: „Ich würde diesen Weg der Winzer auch unterstützen.“ Zumal es im Bier- oder Sektbereich ja auch schon zahlreiche Alternativen gebe.

Weine im Dunkeln
Mega gefragt sind am Samstag und am Sonntag die Weinproben im Dunkeln der Bottwartaler Winzer gewesen. Jeder Termin war bis auf den letzten Platz ausgebucht. „Das war eine tolle Idee“, meinte nicht nur ein Gast am Ende begeistert. Denn: Wann sonst testet man Weine, ohne sie zu sehen? „Der Mensch ist visuell eingestellt und lässt sich deshalb schnell von seinen Sinnen täuschen“, erklärte Melina Siegele den Besuchern. Zusammen mit Leon Stickel schenkte sie zwei Weine aus, gab Infos und klare Ansagen an die mit Schlafmasken ausgestatteten Besucher: „Nicht reden. Riechen und anschließend schmecken.“ Gesagt, getan. Die Antworten? Zum Teil kurios, aber stets unterhaltsam. „Kartoffelsalat“, „Leberwurst“, „Zitrus“, „Gras“ – selbst Melina Siegele und Leon Stickel mussten ab und an laut loslachen. Am Ende wurde aber dennoch eines klar: Ob rot oder weiß – die Richtung stimmte meist. Ebenso die Wahl, ob trocken oder lieblich. Was am Ende aber wirklich im Glas war? Darauf kamen nur die wenigsten: ein Kerner aus der Serie „Wir International“ sowie ein Trollesco aus der Trend-Weinserie der Bottwartaler Winzer.

Das Bio-Bottwartal
Unter dem Tema „Bio-Bottwartal: Die Ideen der Biowinzer“ stellten Reinhard Schäfer vom Weingut Schäfer, Joshua Dippon vom Schlossgut Hohenbeilstein, Andreas Roth vom Weingut Forsthof und Marcel Wiedenmann vom Weingut Sankt Annagarten zusammen ihre Arbeit sowie vier besondere Bio-Weine vor. Wie groß die Liebe zum Bio-Wein im Bottwartal ist, machte das Quartett gleich zu Beginn klar: 90 der 500 Hektar Rebfläche im Bottwartal werden biologisch bewirtschaftet. „Damit liegen wir deutlich über dem Bundesdurchschnitt“, sagte Schäfer, der die pilzwiderstandsfähige Sorte Johanniter – eine Kreuzung aus Grauburgunder, Gutedel, Riesling und Seyve – mitgebracht hatte. Joshua Dippon, der erstmals Wein in einer 500-Liter- Ton-Amphore anbaut, überraschte die Besucher mit einer Fassprobe des Jahrgangs 2019. „Mein Ziel ist es, Wein zu machen ohne Schwefel. Ich möchte sehr naturnah sein“, erklärte er. Andreas Roth schwärmte von seinem pilzwiderstandsfähigen Cabernet Blanc 2018, der nur drei oder viermal im Jahr gespritzt werden muss, anstatt wie andere Sorten zehn bis 14-mal. Das Besondere: Er mutet im Glas etwas grünlich an. „Ist aber absolut trinkbar, wie Sie merken“, schmunzelte er. Marcel Wiedenmann hatte einen Riesling vom Sandberg im Gepäck, berichtete jedoch von seinem Versuch, Riesling und Chardonnay in Höhenlage in Kaisersbach anzubauen. „Meine Frage ist: Wie kann ich Trauben möglichst lange gesund halten? Die Aufwinde dort sind super, die Abtrocknung enorm“, erklärte er und umrahmte den Vortrag mit einem Schiller-Zitat, das er auf dem Weg zu den Wein Lese Tagen passend an der Marbacher Stadtmauer entdeckt hatte: „Der intelligente Mensch macht sich die Natur zu seinem Freund. Das passt ja zu uns Bio-Winzern.“

Weinbau 2050
Marcel Wiedenmann hielt am Sonntagmittag einen Vortrag zum Thema „Weinbau 2050 – Lemberger oder Cinsault“ und stellte dabei den Klimawandel und seine Folgen in den Mittelpunkt. Anhand von Bildern machte er deutlich, wie sich der Weinbau bereits jetzt verändert hat und welche Sorten die aktuell bestehenden in den kommenden Jahren ablösen könnten – aufgrund des prognostizierten Temperaturanstiegs und geringeren Niederschlags. Bereits 2018 habe er Reben nicht mehr bewässern können, da ihm das Wasser abgestellt worden war. Diesen Umständen will er nun mit seinen Reben in Höhenlage in Kaisersbach trotzen. Ein Film – aufgenommen mit einer Drohne – seines neuen Anbaugebiets war der Abschluss des Vortrags und ließ die Besucher ob der schönen Landschaft in der Heimat staunend zurück.