Wahl bei Protestanten „Kirche für Morgen“ verdoppelt Sitze

Von
Der Diakon Reiner Klotz freut sich sehr auf die Arbeit in der Synode. Foto: Werner Kuhnle

Der Steinheimer Diakon Reiner Klotz hat es geschafft. Er ist künftig in der Landessynode der Evangelischen Kirche Württemberg aktiv. Seiner Ansicht nach ist es „Zeit für einen Aufbruch“

Marbach/Bottwartal - Reiner Klotz hat es geschafft. Der Steinheimer Diakon und Vorsitzende des CVJM ist für den Gesprächskreis „Kirche für Morgen“ in die Landessynode der Evangelischen Kirche Württemberg gewählt worden. Er hat sich mit Ines Göbbel vom Gesprächskreis Offene Kirche durchgesetzt. Göbbel erhielt 14 806 Stimmen, Reiner Klotz 10 960 Stimmen. Als Theologen waren im Wahlkreis 4 Ludwigsburg/Marbach Thomas Hörnig (Offene Kirche, 15 448 Stimmen) und Thomas Stuhrmann (Lebendige Gemeinde, 14 397 Stimmen) erfolgreich.

Der Steinheimer Familienvater Klotz, der sich als „Landeswahlkampfmanager“ bezeichnet, kann zufrieden sein. Sein Smartphone hat am Tag nach der Wahl viele Nachrichten für den 58-jährigen Diakon: Zahllose Glückwünsche zur Wahl gehen ein. „Wir sehen uns als Wahlgewinner“, sagt er mit Blick auf die zwölf Sitze, obschon die beiden großen Listen, die „Lebendige Gemeinde“ und die „Offene Kirche“, mit je 31 Sitzen dominieren. Sein Erfolg sei nicht zuletzt damit zu erklären, dass er seinen Wahlkampf verstärkt digital geführt hat: über WhatsApp und Facebook. Damit, so sagt er, habe er bewusst auch junge Leute angesprochen und solche, die sonst vielleicht nicht zur Wahl gegangen wären – und offenbar hat er sie für sich gewonnen. Inhaltlich, so glaubt Klotz, habe er mit Ehrlichkeit gepunktet. Er habe deutlich gemacht, dass es Zeit sei für einen Aufbruch. „Die Kirche hat sich von der Lebenswelt der Menschen entfernt“, sagt der Diakon. Es müsse deutlich werden, dass Kirche mehr sei als Taufe, Trauung und Beerdigung. Seiner Ansicht nach soll Kirche offene Türen und niedrige Schwellen haben. Und der Sehnsucht der Menschen nach Glaube und Spiritualität begegnen.

Als einen Erfolg wertet Klotz auch, dass sein Gesprächskreis nun drei Frauen und zwei Pfarrer in die 16. Synode entsendet – beide Gruppen waren bislang nicht in der Liste vertreten. Konkrete Änderungen, die er vorantreiben möchte: zum Beispiel die Bürokratie herabsetzen, das Pfarrerbild diskutieren, kirchliche Start-ups fördern wie etwa Café-Kirchen, christliche Blumenläden und Kino-Kirchen. Auch der Klimaschutz soll eine Rolle spielen.

Ganz neu ist Klotz in dem Gremium nicht. Bereits in die 14. Synode war er gewählt worden. Die Besetzung mit zwölf Personen scheint ihm komfortabel. Denn um einen Antrag einreichen zu können, benötigt ein Gesprächskreis zehn Unterschriften.

Nach 18-jähriger Zugehörigkeit ist Michael Fritz, der für die „Lebendige Gemeinde“ ins Rennen gegangen war, nicht mehr Mitglied der Synode. Dass er dem Steinheimer Klotz unterlegen ist, liegt seiner Meinung nach an der fehlenden Zeit. „Herr Klotz hat einen sehr engagierten Wahlkampf gemacht.“ Er selbst sei aber nicht bei der Kirche angestellt. Die Synode sei immer mehr eine Synode der kirchlich Angestellten, so Fritz.

Auch der Marbacher Dekan Ekkehard Graf schaut am Tag nach den Wahlen auf die Ergebnisse und sieht „eine tendenzielle Wanderbewegung von der „Lebendigen Gemeinde“ hin zur „Kirche für Morgen“. In vielen theologischen Anliegen seien die beiden sich ähnlich – so fänden beide Gruppierungen ihre Unterstützer in den Jugendwerken und CVJMs. „Während bei der letzten Wahl in manchen Bezirken die Entscheidung knapp zugunsten der Kandidaten der ,Lebendigen Gemeinde’ ausging, scheint es dieses Mal eher umgekehrt gewesen zu sein.“ Und weiter: „Ich selbst begrüße das gute Abschneiden von ,Kirche für Morgen’, weil diese Gruppierung gemeinsam mit der ,Lebendigen Gemeinde’ die systemkonservativen Kräfte der Synode überwinden könnte, wenn es darum geht, neue Gemeindekonzepte zu entwickeln und Kirche näher an die Menschen vor Ort zu bringen.“

Dass im hiesigen Wahlkreis Michael Fritz, der bisherige Vorsitzende des Finanzausschusses, nicht wiedergewählt wurde, sei bitter, so Graf. „Damit verlieren wir in der Landessynode nicht nur einen hervorragenden Kenner des Finanzwesens, sondern er war auch einer der wenigen Synodalen, die nicht ihr Gehalt von der Kirche erhalten.“ Somit verstärke sich der Trend, dass man bald nur noch „Kirchenfunktionäre“ in der Synode sitzen haben und kaum noch „echte Gemeindeglieder“, sagt der Marbacher Dekan weiter.