Verwaltungsausschuss stimmt zu Stadt will Kraftwerk ans Netz lassen

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Die Montage zeigt, dass die neue Anlage (unten links) im Anschluss an das bestehende Kraftwerk gebaut werden soll. Foto: EnBW

Räte erteilen Befreiungen für Bau der neuen Anlage. Der Spatenstich soll im Herbst sein.

Marbach - Die Zeit eilt. Das hob der Bürgermeister Jan Trost am Donnerstag im Verwaltungsausschuss hervor. Weil die Tage der Atommeiler in Deutschland schon bald gezählt sein werden, müsse die geplante neue Netzstabilitätsanlage der EnBW im Marbacher Energie- und Technologiepark bereits im Oktober 2022 startklar sein. Und der Spatenstich soll im dritten Quartal dieses Jahres erfolgen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Gemeinderat den Weg dafür freimacht und einige Befreiungen vom Bebauungsplan erteilt. Daran wird es aber aller Voraussicht nach nicht scheitern. Der Verwaltungsausschuss hat eine klare Steilvorlage geliefert und bei nur einer Gegenstimme von Puls-Mann Hendrik Lüdke mit deutlicher Mehrheit einen Empfehlungsbeschluss abgegeben.

Zu den Ausnahmen, die das Gremium goutierte, gehörte beispielsweise, dass die nördliche Baugrenze überschritten wird. Zwei Trafogebäude sollen in diesem Bereich hochgezogen werden. Das Ganze spielt sich aber auf einem Grundstück ab, das ohnehin der EnBW gehört. „Belange Dritter sind daher nicht betroffen“, konstatiert die Stadt in ihrer Stellungnahme. Außerdem darf eine Baumhecke mit einer Straße durchschnitten werden, die die anvisierte Anlage mit dem bestehenden Kraftwerksgelände verbindet. Da der Neubau dem Allgemeinwohl diene und das Vorhaben städtebaulich vertretbar sei, könne man auch hier seinen Segen geben, argumentierte die Verwaltung – und fand dafür im Ausschuss keinen Widerspruch.

Die Zustimmung zu dem Vorhaben ist jedoch auch mit der einen oder anderen Auflage verbunden. So müssen unter anderem Belange des Brandschutzes berücksichtigt werden. Im Verbund mit der Marbacher Feuerwehr und dem Kreisbrandmeister Andy Dorroch soll eine geeignete Stelle bestimmt werden, an der im Fall der Fälle Löschwasser entnommen werden kann. Vorgeschrieben ist ferner, die Mengen an Wasser zu erfassen, die der öffentlichen Kanalisation zugeführt werden – damit man angemessen abrechnen kann.

In Sachen Artenschutz gingen die Verantwortlichen bereits in Vorleistung. Fachleute hatten ermittelt, dass auf dem Gelände, auf dem die Anlage entstehen soll, Zauneidechsen und Wechselkröten unterwegs sind. EnBW und Stadt lassen deshalb neue Lebensräume für die Tiere schaffen. Mit im Boot sind überdies Experten vom Kampfmittelräumdienst, wie der stellvertretende Bauamtsleiter Ralf Lobert auf Nachfrage mitteilt. „Im Zweiten Weltkrieg soll dort eine Flakstellung gewesen sein“, berichtet er. Deshalb wurde das Areal als Kampfmittelverdachtsfläche eingestuft. Im Boden könnten also theoretisch kriegerische Gerätschaften schlummern, was über einem Kraftwerk besonders heikel wäre. Praktisch seien bei der Untersuchung aber lediglich Autowracks entdeckt worden, betont Lobert. Der negative Befund im Hinblick auf etwaige Blindgänger hat ihn aber nicht überrascht. Schließlich sei an dieser Stelle nach dem Krieg ein Baggersee gewesen – und schon damals keine Granaten oder Ähnliches zum Vorschein gekommen. Hochwasser kann der Anlage zur Netzstabilität, die westlich des bestehenden Reservekraftwerks 3 hochgezogen wird, auch nichts anhaben. Das Gelände liegt außerhalb einer Zone, in der es statistisch gesehen alle 100 Jahre zu einer Überschwemmung kommt. Trotzdem wird wegen der weiteren Risikominimierung das Geländeniveau künstlich angehoben. „Zielsetzung ist es, mit dem neuen Geländeniveau circa 15 Zentimeter, mit der Netzstabilitätsanlage selbst circa 30 Zentimeter über dem Extremhochwasserstand zu liegen und damit die Funktionsfähigkeit der Anlage selbst im Falle eines extremen Hochwassers zu gewährleisten“, heißt es in der Vorlage zur Sitzung.