Steinheim Wo das Herz fürs Handwerk noch zählt

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Bei Königherz in Steinheim ist Millimeterarbeit gefragt. Foto: Michael Raubold Photographie

Die Sattlerei und Polsterei Königherz ist eine Manufaktur, auf deren Dienste immer mehr Kenner schwören. Der Kundenstamm reicht mittlerweile vom Privatmann über den Hotelier bis hin zum Sternekoch.

Steinheim - Man muss nicht jeden Schritt bis ins kleinste Detail planen, um Erfolg zu haben. Manchmal genügt es auch, Wille, Talent und Leidenschaft für eine Sache in die Waagschale zu werfen – und einfach mal zu machen. So wie Anissa Wiener und Lorenzo Puglisi.

Als die beiden vor fünf Jahren ihre Firma Königherz ins Leben riefen, steckte dahinter kein ausgeklügelter Businessplan, sondern im Grunde nur ein simpler Wunsch: „Uns war beiden klar, dass wir selbstständig sein wollten. Nur wussten wir nicht so genau, womit“, erinnert sich Anissa Wiener schmunzelnd an die Anfangsjahre des Unternehmens zurück. Die Wahl fiel schließlich auf einen Handel mit Matratzen, Polsterbetten und Sofas. Komplettiert wurde das Angebot durch eine Mini-Werkstatt, um defekte Ware gleich vor Ort wieder instandsetzen zu können. Ein Baustein, der sich als Glücksfall entpuppen sollte. Denn dieser Geschäftszweig brummte und brummte, verdrängte den Rest mit der Zeit komplett. Mittlerweile ist Königherz eine Polsterei und Sattlerei mit eigener kleiner Entwicklungsabteilung und einem Kundenstamm, der vom Privatmann, über den Hotelier bis hin zum Sternekoch reicht, der gerade sein Restaurant neu einrichtet.

All das haben sich Anissa Wiener und Lorenzo Puglisi, die auch privat ein Paar sind, in Windeseile aufgebaut. Denn erst seit dem vergangenen Jahr können sie mit Königherz voll durchstarten. Davor arbeitete Lorenzo Puglisi mit einem Vollvertrag als Fahrzeugpolsterer in der Exklusivabteilung eines Automobilherstellers. Nach der Frühschicht ging es weiter zur eigenen Firma nach Steinheim. Abends büffelte der 30-Jährige für den Meister. Deshalb konnte man auch nur mittags öffnen, sagt Anissa Wiener, die sich als gelernte Finanzassistentin und ehemalige Studentin für Management und Vertrieb mit Lorenzo Puglisi ums Organisatorische kümmert. Zum elfköpfigen Team gehören auch Anissa Wieners beste Freundin Yasemin Özyildirim sowie Lorenzo Puglisis Vater Filippo.

Doch nicht nur deshalb ist der Ton am Firmensitz in der Industriestraße 30 familiär. „Mitarbeiter sind das Kapital eines Unternehmens. Wenn sie schlechte Laune haben, fallen die Produkte schlechter aus und die Kunden sind unzufrieden“, erklärt Anissa Wiener. Ungezwungen geht es folglich zu in der Werkstatt. Im Hintergrund läuft das Radio, den DJ darf heute der Azubi geben. Gefrühstückt wird zusammen. Mittags bekocht im Wechsel immer einer aus dem Team die anderen aus der Belegschaft. Alle wissen auf dem Weg beispielsweise, wer keine Erbsen mag oder bei Rührei die Nase rümpft. „So lernen sich alle viel besser kennen“, sagt Anissa Wiener. Zudem bekommt jeder eine Tasse, die er nach Gutdünken gestalten kann. Auf dem Küchentisch steht außerdem frisches Obst bereit. Jeder darf zugreifen. Die Produkte stammen von regionalen Erzeugern.

Wie auch die meisten Materialien, die bei Königherz zum Postern und Satteln verwendet werden. „Unser Leder beziehen wir ausschließlich von Gmelich aus Großbottwar. Das ist qualitativ sehr hochwertig“, sagt Anissa Wiener. Wobei es bei Stoffen schon schwieriger wird, dem Prinzip der Regionalität treu zu bleiben, wie Lorenzo Puglisi einräumt. In ganz Deutschland gebe es lediglich eine Handvoll Webereien. Bei Königherz vertraut man vornehmlich auf das Können und Geschick von Rohleder, ein Unternehmen aus dem bayerischen Konradsreuth.

Wo auch immer die Lieferanten sitzen: Lorenzo Puglisi und Co. sind darum bemüht, das Ausgangsmaterial in Perfektion weiterzuverarbeiten. „Das und Zuverlässigkeit steht für uns an oberster Stelle“, streicht Anissa Wiener heraus. Das geht so weit, dass jede Naht in der Flucht gerade verlaufen muss. „Dafür kriegt man schnell ein Auge“, sagt die 27-Jährige, die mit Lorenzo Puglisi in Kleinbottwar lebt. Es ist allerdings nicht immer das reinste Vergnügen, mit so einem Blick durch die Welt zu gehen. „Auf so etwas achte ich sogar beim Klamottenkaufen. Das ist echt schrecklich“, meint Anissa Wiener lachend.

Ernst wird sie, wenn man auf das Handwerk zu sprechen kommt, das bei Königherz gepflegt und hochgehalten wird: das Satteln und Polstern. „Das ist ein sehr abwechslungsreicher Beruf“, konstatiert Anissa Wiener. Jeder Stuhl, jedes Sofa und jedes Lenkrad habe seine Eigenart. Diese Sichtweise hat die Geschäftsfrau offensichtlich nicht exklusiv. Denn auf die erste Stelle als Azubi gingen eine Menge Bewerbungen ein. „Ich hätte 15 Leute einstellen können“, sagt sie. Auf einen Lehrling musste sie sich aber beschränken. Fürs nächste Jahr hat Königherz jedoch wieder eine junge Frau eingestellt, um ihr das Einmaleins der Fahrzeugsattlerei beibringen.

Auszubildende wie alte Hasen arbeiten eine große Bandbreite an Aufträgen ab. Ganz klassisch schauen beispielsweise Privatleute vorbei, die einen Stuhl oder ein Sofa neu beziehen lassen wollen. „Das lohnt sich eigentlich immer“, sagt Anissa Wiener – sofern das Sofa nicht aus dem Schnäppchenregal stammt. Doch auch Großkunden setzen auf das Knowhow aus Steinheim. „Da muss man dann auf die Schnelle 50 bis 150 Stühle produzieren oder 200 Deckenabsorber beziehen“, sagt die Kleinbottwarerin. Ganz exklusive Geschichten nehmen sie und Lorenzo Puglisi ebenfalls entgegen. Wie für den bekannten Koch, der seine Gaststube neu einrichten will, oder den betuchten Kunden aus der Schweiz, dessen Ankleideraum ummantelt werden soll. In Booten oder Autos kann es ebenfalls passieren, dass man über Sitzgelegenheiten streicht oder an Lederlenkräder fasst, die made by Königherz sind. All diese Jobs ergattert das Unternehmen ausschließlich über Mund-Propaganda.

Wahrscheinlich wird man in der Branche bald noch mehr über den Betrieb reden. Denn Königherz will expandieren. „Wir haben im Gewerbegebiet Kreuzwegäcker ein Grundstück gekauft und wollen dort 2018 eine doppelt so große Produktionshalle errichten“, kündigt Anissa Wiener an, die mit ihrem Team derzeit in einem eher schmucklosen Gebäude residiert. Angestrebt werde, im neuen Domizil innerhalb von zehn Jahren auf 35 Mitarbeiter zu wachsen. Klingt ehrgeizig. Aber mit Wille, Talent und Leidenschaft werden Wiener und Puglisi sicher auch das hinbekommen.