Steinheim/Tischtennis Das Wunderkind entwickelt sich zur gestandenen Spielerin

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Zeit für eine Bestandsaufnahme: Im Gespräch geht Wenna Tu auf ihre Erfolge und ihre Ziele ein. Foto: Sandra Brock

Steinheim - Wir haben Glück. Schon wenige Tage, nachdem wir bei Tischtennis-Nachwuchstalent Wenna Tu wegen eines Interviews angefragt haben, kommt das Treffen in der Marbacher Altstadt tatsächlich zustande. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Erst am Vortag war die 16-Jährige von den Polish Open in der polnischen Kleinstadt Wladyslawowo heimgekehrt. Und reist die Steinheimerin mal nicht für Turniere und Trainingslager in der Weltgeschichte herum, trainiert sie täglich mehrere Stunden lang. Doch zu unserem Glück hat Wenna Tu nach dem Turnier, das sie als Teil der deutschen Tischtennis-Jugendauswahl bestritten hat, zwei Tage Pause eingelegt.

So ist nun also Zeit, im Café bei Saft und Sprudel – für einen Kaffee ist es an diesem Mittag deutlich zu warm – auch all die Erfolge, die Wenna Tu zuletzt beim Tischtennis gefeiert hat, einmal Revue passieren zu lassen. Diese sind bemerkenswert: Die 16-Jährige hat gerade erst den Sprung von der U15- in die U18-Altersklasse hinter sich und ist dennoch bereits die beste U18-Tischtennisspielerin Baden-Württembergs. Deutschlandweit stehen nur fünf Spielerinnen vor ihr in der Rangliste. Ihren größten Erfolg feierte sie im vergangenen Sommer in Portugal, als sie U15-Vizeeuropameisterin wurde. Und vor wenigen Wochen stieg sie mit der Neckarsulmer Sport-Union in die 2. Damen-Bundesliga auf. Hier ist die Steinheimerin an Position zwei gesetzt.„Der Aufstieg war von Anfang an unser Ziel. Dass es tatsächlich geklappt hat, hat uns natürlich alle gefreut. Wirklich feiern werden wir das erst beim Saisonabschluss“, sagt Wenna Tu. Nach drei Jahren in der 3. Bundesliga Süd schlägt sie mit ihrem Team künftig also in der 2. Bundesliga auf. „Ich bin froh über diese neue Herausforderung. Und der DTTB freut sich natürlich, wenn seine Auswahlspielerinnen weiter oben spielen“, so die Steinheimerin. Wäre der Aufstieg nicht gelungen, hätte das möglicherweise einen Vereinswechsel zur Folge gehabt. So aber kann sie in Neckarulm bleiben. „Ich fühle mich auch sehr wohl dort“, sagt sie. In der kommenden Spielzeit werde es vor allem darum gehen, den Klassenerhalt zu erreichen. Auch in der zweiten Liga wird Wenna Tu auf Position zwei um Punkte spielen.

Bis dahin steht die 16-Jährige aber vor einer ganz anderen sportlichen Herausforderung: Mitte Juli finden im rumänischen Cluj die europäischen Jugend-Europameisterschaften statt. Für Wenna Tu wird es die erste bei den Mädchen, also in der U18-Altersklasse, sein. Da sie zu Saisonbeginn ein paar Wochen verletzungsbedingt pausieren musste und ihr so wichtige Punkte von Turnieren fehlen, hat sie im Einzelturnier keine allzu leichte Auslosung zu erwarten. „Ich möchte auf jeden Fall mein Bestes geben und in der U18 gut reinkommen. Und wenn sich eine Chance bietet, möchte ich diese nutzen. Die Gegnerinnen werden aber teils zwei Jahre älter sein als ich. Bei der EM letztes Jahr war ich ja noch die Älteste.“ Auch mit dem deutschen Team möchte sie „attackieren“. Hier hänge aber ebenso viel vom Gegner ab.

Zur Vorbereitung auf die EM dienten ihr nicht nur die Polish Open, auch drei Lehrgänge in Frankreich und Düsseldorf wird sie in den kommenden Wochen bestreiten. Über Ostern weilte sie zudem mit dem deutschen Verband drei Wochen lang in China, um dort zu trainieren. Im Hinterkopf hat Wenna Tu dabei stets auch ein weiteres Ziel: ihre erste WM-Teilnahme. Denn spielt sie eine erfolgreiche EM und schneidet sie auch bei den darauf folgenden Turnieren gut ab, kann sie das Ticket für die Weltmeisterschaft lösen. Diese findet im Winter in Australien statt. „Da wäre ich natürlich schon gerne dabei.“

China, Australien, Rumänien – wie schafft es die 16-Jährige nur, all diese Strapazen zu bewältigen? „Möglich ist das nur durch die Unterstützung meiner Familie, meines Schuldirektors, meiner Lehrer und Mitschüler“, ist sich das Mädchen bewusst. Am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach besucht sie die zehnte Klasse – und wegen der Turniere fehlt sie natürlich immer wieder im Unterricht. Dann gilt es, den Stoff, den ihr die Lehrer und Mitschüler nachreichen, eigenständig nachzuholen. Und das passiert zu einem großen Teil in der S-Bahn. Denn an zwei Tagen in der Woche – dienstags und mittwochs – fährt Wenna Tu mit der Bahn zum Stützpunkttraining in Böblingen. Anderthalb Stunden dauert die Fahrt hin und zurück. „In der Bahn kann ich gut lernen“, meint sie. Das zeigt auch, dass ihre Schulnoten stimmen.

Auch weiterhin möchte sie das Tischtennis und die Schule gerne verbinden. „Ab nächstem Jahr komme ich in die Kursstufe, da wird der Unterricht natürlich besonders wichtig.“ Hilfreich ist für sie auch, dass ihre ältere Schwester Wendy sie beim Lernen unterstützt. Die hat den Stoff schließlich schon gelernt. Mit zwei Trainingstagen in Böblingen, die jeweils drei bis viereinhalb Stunden dauern, ist es für die 16-Jährige übrigens lange nicht getan: Montags trainiert sie in Stuttgart mit den Regionalliga-Herren. „Das sind starke Gegner. Männer spielen härter, haben stärkere Aufschläge und haben insgesamt mehr Druck im Spiel.“ Donnerstags geht’s dann nach der Mittagsschule nach Heilbronn zum Training mit Rosalia Stähr, die für den SV Böblingen an Nummer zwei in der 1. Bundesliga spielt. Und freitags steht noch das Mannschaftstraining mit Neckarsulm an, um sich gemeinsam auf die Partien am Wochenende einzustimmen.

Fünf Wochentage – tägliches Training. Dazu kommen am Wochenende die Ligaspiele und Turniere. Klar, dass dieser Aufwand nur mit einer tiefen Leidenschaft für den Tischtennissport betrieben werden kann. Schließlich bleibt für weitere Hobbys keine Zeit. Und auch ihre Freunde sieht sie außerhalb der Schule nicht allzu oft. „Die freuen sich aber immer für mich, wenn ich gewinne“, sagt sie erfreut. So ist sie nach dem zweiten Platz bei der EM auch von einem stattlichen Komitee aus Familie, Mitspielern und Freunden am Bahnhof jubelnd empfangen worden.

„Tischtennis ist einfach sehr abwechslungsreich. Früher bin ich auch geschwommen, aber da ging es in den Bahnen immer nur hin und her. Beim Tischtennis kommt jeder Ball anders“, sagt Wenna Tu. Und: Bei diesem Sport spiele auch der Kopf, das Mentale, eine wichtige Rolle. Ein Aspekt, der sicherlich zu ihren Stärken zählt. So, wie sie in der S-Bahn die Umgebung beim Lernen ausblenden kann, so ist sie auch beim Tischtennis immer sehr fokussiert. Ein Lächeln? Das huscht ihr selten übers Gesicht. Wutanfälle? Fehlanzeige. Meist ist sie ruhiger als ihre Gegenspielerin. „Ich bin bei Spielen immer im Tunnel. Das finde ich auch gut, denn so kann der Gegner nicht einschätzen, ob ich noch kämpfe oder vielleicht schon aufgegeben habe.“ Seit der EM sei sie aber auch zumindest etwas lauter am Tisch geworden – sicherlich auch dank des dort gewonnenen Selbstvertrauens. Verbessern möchte sie sich noch in dem Punkt, dass sie mutiger spielt und die Angst vor Rückschlägen ablegt. „Und meine Trainer sagen, ich darf ruhig selbstbewusster spielen.“

Angefangen mit dem Tischtennis hat Wenna Tu, die in Japan geboren wurde und dann bis zum fünften Lebensjahr in China gelebt hat, mit sieben Jahren – und damit später als die meisten ihrer heutigen Mitstreiter. An der Steinheimer Grundschule nahm sie an einer Mini-Tischtennis-Meisterschaft des TSG Steinheim teil, bei dem sie anschließend trainierte. Ein Jahr später gewann sie den MZ-Cup – ihr erster Turniersieg. Nach mehreren Jahren beim TSG wechselte sie 2015 nach Wilferdingen. „Dort hatte unsere Mannschaft bei den Damen ein Durchschnittsalter von 13,75 Jahren“, erinnert sie sich lachend. „Das war eine gute Erfahrung mit Gleichaltrigen, und in der 3. Liga haben wir den Klassenerhalt geschafft.“ Weiter führte ihr Weg nach Neckarsulm, wo sie ab Herbst ihre dritte Spielzeit bestreiten wird.

Eine Entwicklung, die sie bald zu einer WM führen könnte und die nur mit ihrem Ehrgeiz und Fleiß sowie ihrer Disziplin zu schaffen war. „Im Training muss man immer motiviert sein“, ist sie sich bewusst. Und sie weiß eben auch, wofür sie all die Schweißtropfen investiert. „Ich bin fest davon überzeugt, dass sich Training auszahlt.“ Ihre Erfolge geben ihr da Recht.

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