Steinheim-Kleinbottwar Die Saftwaage ist gewünscht, der Idiotenknick nicht

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Die Teilnehmer teilen sich in drei Gruppen auf, damit jeder einen guten Blick aufs Geschehen hat. Foto: Michael Raubold Photographie

Steinheim-Kleinbottwar - Eisig kalt weht der Wind an diesem Samstag in Kleinbottwar. Auf den Wiesen und Feldern liegt ein Rest pappigen Schnees, dessen Nässe und Kälte durch die Sohlen dringt und die Füße in Eiszapfen verwandelt. Doch die etwa 40 Männer und Frauen, die sich auf einer Obstbaumwiese versammelt haben, haben wetterfeste Kleidung an. Gut zwei Stunden werden sie im Freien verbringen, kündigt Werner Reetz an, der den Baumschnittkurs der Arbeitsgemeinschaft Streuobstwiesen Steinheim organisiert. Nach einem Theorieteil am Vortag geht es nun an die Praxis.

Und die hat es in sich. Wer glaubt, man könne einen Obstbaum mehr oder weniger nach Gefühl stutzen, den Rest werde schon die Natur erledigen, der täuscht sich. Damit man im Spätsommer und Herbst Obst statt Frust erntet, muss einiges beachtet werden. Die Baumschnittexperten Jutta Ziegler, Steffen Seidel und Martin Schliereke haben ihre Ausrüstung mitgebracht, die aus verschiedenen Scheren, Sägen, Leitern und Seilen besteht, und zeigen, wie man den Winterschnitt richtig durchführt.

Steffen Seidel, genannt Moses, greift in einen vorbereiteten Haufen Äste: „Da hab ich euch einen bunten Blumenstrauß mitgebracht“, sagt er und hält zwei Äste hoch. Der eine ganz gerade, der andere sieht ziemlich stachelig aus. Und doch, sagt Moses, stammen beide von demselben Baum – nur einer allerdings vom veredelten Teil. Als nächstes folgt „das Prachtstück, der Idiotenknick“, wie er spöttelt. Oben wurde ein schlampiger Schnitt ausgeführt, der Leitast wollte aber partout nicht ums Eck wachsen und hat deshalb nach oben Triebe gebildet. „Guckt, dass ihr sowas vermeidet“, ermahnt der Fachmann.

Dann teilen sich die Teilnehmer in drei Gruppen auf, damit jeder einen guten Blick aufs Geschehen und auch ausreichend Gelegenheit zum Nachfragen hat. Eine angebotene Damengruppe wird nicht gewünscht, sodass sich bei jedem der Instruktoren ein bunt gemischter Haufen versammelt. Auch viele junge Männer sind darunter, so etwa Sven Thiemann. „Er möchte ja das Stückle später mal haben, dann muss er es auch pflegen“, meint der Vater Knut augenzwinkernd, und der Junior kontert: „Und hier wird das viel besser erklärt.“ Auch Martin Gellert ist einer der jüngeren Kursteilnehmer, und obwohl er Landschaftsgärtner ist, kann er dabei noch was lernen. „Wir räumen immer mehr Obstbaumwiesen auf“, erzählt er. Denn leider ist es so, dass viele der Bäume nicht mehr gepflegt werden – die Leute haben keine Zeit, keine Lust, oder ihnen fehlt schlicht die Fachkenntnis. Doch damit geht ein Stück Kulturlandschaft verloren. „Es ist einfach schön, wenn man im Sommer rausgeht und es zwitschert überall“, sagt Gellert. „Wenn Freunde aus Stuttgart kommen, staunen die immer.“

Und nun gibt es Infos Schlag auf Schlag. Jungbäume muss man nicht nur anbinden, damit sie gerade wachsen, sondern auch vor Wildverbiss schützen. Mit der „Drahthose“, die an einem stark zwei Meter hohen Bäumchen angebracht ist, ist Martin Schliereke zufrieden. „Die Krönung wäre jetzt noch, den Stamm zu weißeln, als Schutz vor Frost.“ „I han denkt, des macht mr bloß bei Mirabelle und Zwetschge“, wirft ein Mann ein, doch der Experte widerspricht. Wichtig sei auch, die Baumscheibe rund um den Stamm frei von Gras zu halten. „Sonst nimmt das die ganzen Nährstoffe und auch das Wasser weg, weil die Bäume noch nicht so tief wurzeln.“ In der Erziehungsphase sollte ein Baum auch noch keine Früchte tragen, deshalb solle man lieber eventuell vorhandene Blütenknospen ausknipsen. „Bei einem zehnjährigen Mädchen möchte man ja auch nicht, dass es ein Kind kriegt“, zieht er einen anschaulichen Vergleich. Dann werden die Äste noch ein wenig gespreizt, weil sie zu steil stehen, und weiter geht’s zum nächsten, bereits älteren Baum. Hier achtet der Fachmann vor allem auf die Saftwaage, das heißt darauf, dass die Äste nach dem Schnitt ungefähr gleich hoch sind. Bei einem dritten Baum greift Schliereke nach kurzem Zögern doch kräftig zur Säge und formt eine Oeschbergkrone. „Der Baum ist nicht alt, der ist noch so wüchsig, dass er das packt“, entgegnet er auf eine kritische Frage.

Zum Ende versammeln sich die Kursteilnehmer zum Aufwärmen bei heißem Glühmost und Würstchen und tauschen ihre Eindrücke aus. Und rund um Steinheim wird es bald ein paar mehr sachkundig gepflegte Streuobstwiesen geben.

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