Steinheim/Hundesport „Paji“ heißt „Geschenk“ – und macht dem Namen alle Ehre

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Locker über die Stange – einen Parcours mit rund 20 Hindernissen bewältigt Paji in 30 bis 40 Sekunden. Foto: avanti

Steinheim - Dass Melissa Hekel und ihre Schäferhündin eine ganz besondere Beziehung haben, dürfte wohl auch Hunde-Laien schnell auffallen. An diesem sonnigen Nachmittag auf dem Hundeplatz des Steinheimer Vereins für Deutsche Schäferhunde lässt das schwarz-braune Tier namens Paji („Peitschi“ gesprochen) ihr Frauchen nicht eine Sekunde aus den Augen. Eine kleine Handbewegung genügt, um Paji in Blitzgeschwindigkeit über die große Wippe, die in einem Meer bunter Blätter beinahe zu versinken droht, zu schicken. Viele Worte oder Kommandos sind nicht nötig, die beiden verstehen sich gewissermaßen blind. Und genau diese Tatsache war wohl nicht unerheblich daran schuld, dass das Mensch-Hunde-Team Anfang Oktober einen ganz besonderen Titel errungen hat. Von der Agility-Weltmeisterschaft im dänischen Randers sind Melissa Hekel und ihre Hündin mit einem Vize-Weltmeistertitel in der Leistungsklasse A2 (der dritthöchsten von vier Klassen)im Gepäck zurückgekehrt und „wurden hier im Verein entsprechend begrüßt und gefeiert“, so die 24-jährige Erzieherin, die in Remseck einen Waldkindergarten leitet. Und das will was heißen, denn die Steinheimer Vereins-Ortsgruppe ist mit rund 150 Mitglieder die größte Ortsgruppe in ganz Württemberg. „Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen blöd an, aber wir sind halt schon auch die coolste Gruppe“, erklärt sie lachend und wird dabei von ihrer besten Freundin und Trainerin, der 25-jährigen Lisa Bruder­miller bekräftigt: „Von Jung bis Alt, von Kind bis Rentner sind hier alle dabei. Der Zusammenhalt ist einfach toll und jeder freut sich für jeden“, findet auch Lisa.

Wirklich gerechnet hat Melissa Hekel mit der WM-Teilnahme überhaupt nicht. „Nur so zum Spaß und zur Übung“ ist sie mit Paji, die erst im vergangenen Jahr ­Welpen bekommen hat, bei der Deutschen Meisterschaft Ende September an den Start gegangen und ist prompt Fünfte von beachtlichen 88 Startern geworden. „Eine Woche später waren wir dann in Dänemark“, sagt sie.

Melissa Hekel selbst wurde das Hundesport-Gen mehr oder weniger in die Wiege gelegt. Mit fünfeinhalb Jahren hat sie mit einem „ausgeborgten“ Hund von Freunden ihre erste Begleithundeprüfung – die ­Voraussetzung für ­alle weiteren Hundesportarten – absolviert. Fast entschuldigend erzählt sie: „Meine Eltern haben sich auf dem Hundeplatz hier kennengelernt, mein Opa hat mich von klein auf animiert, im Verein sind wir mittlerweile in der vierten Gene­ration. Mir blieb auch irgendwie nichts ­anderes übrig.“ Titel sammelte sie seitdem fleißig. Mit 13 wurde sie mit Hund Nele Deutsche Agility-Junioren-Meisterin und bildete bereits selbstständig die Hunde von Vereinskollegen aus. Mit 15 folgte der erste eigene Vierbeiner, Anosch von der Feuergasse, der erst kürzlich „in Rente ging“ und mit dem sie wie mit Paji jetzt in der Agility-Bundesliga startete. „Mit ihm habe ich so ziemlich alles ausprobiert, was es in Sachen Hundesport so gibt. Vom Schutzhundesport über die Schau- und Schönheitswettbewerbe bis hin zu Agility“, erklärt sie.

Erfolgreich ist sie bis heute in allen ­Bereichen, für viele ist aber vor allem wohl Letzteres nicht nur im eigentlichen Sinn ein Fremdwort. „Hüpfen da nicht Hunde über eine Stange?“, bekommt man nicht selten zu hören. Wie diese Art des Hundesports aber genau funktioniert, ist oft nicht klar. Dabei beschreibt die einfachste Übersetzung „Agilität“ das Ganze schon ziemlich genau. Auf Deutsch bedeutet Agility genau genommen so viel wie Gelenkigkeit oder Wendigkeit. Melissa erklärt selbst: „Es geht im Prinzip um die Geschicklichkeit, mit der der Hund einen Parcours mit ­verschiedenen Hindernissen möglichst schnell bewältigen muss.“ Auf einer Parcours-Länge von etwa 80 bis 200 Metern gilt es dabei rund 20 Hindernisse zu durchlaufen. Paji und ihre tierischen Kollegen schaffen das im Durchschnitt in etwa 30 bis 40 Sekunden. Der Hundeführer begleitet seinen Vierbeiner dabei und zeigt ihm das nächste zu absolvierende Hindernis nur mit Stimme, Handbewegungen und Körpersprache an – das Tier zu berühren ist verboten. Wie konzentriert Hund und Mensch dabei sein müssen, zeigen die ­Genauigkeit, auf die Wert gelegt wird, und auch die Strenge, mit der kleinste Fehler bestraft werden.

Neben Tunnels, Weitsprung und ja, dem weithin bekannten Sprung über eine Stange, erwarten den Hund auch Sicherheitsreifen, die es zu durchspringen gilt, die bei der kleinsten Berührung aber auseinanderfallen. Beim Stangen-Slalom lauert die ­Gefahr im richtigen Einfädeln. „Sobald der Hund nicht mit der linken, sondern mit der rechten Schulter zuerst in die Stangen einfädelt, wird er disqualifiziert“, macht ­Melissa Hekel klar und fügt an: „Gleiches gilt auch, wenn er ausfädelt, also eine ­Stange auslässt.“ Dazu kommen die drei Kontaktzonen-Geräte Wippe, Laufsteg undA-Wand, deren farblich markierte Felder der Hund mit mindestens einer Pfote ­berühren muss.

Nachdem ein Richter einen Parcours bestehend aus diesen Elementen aufgestellt hat, haben die Hundeführer fünf ­Minuten Zeit, die festgelegte Strecke abzugehen und sich die Hindernisse einzuprägen – und das zusammen mit rund 25 bis 30 anderen Leuten. „Das erfordert auch vom Hundehalter eine ganze Menge Konzentration“, so die Vize-Weltmeisterin. In Dänemark Anfang Oktober musste sie mit Paji sechs Läufe an zwei Tagen absolvieren „und das ist schon eine echte Haus­nummer“. Doch Paji hat ihrem Namen, der Kisuaheli ist und so viel wie „Geschenk“ ­bedeutet, alle Ehre gemacht. Aber kein Wunder: Mit ihren drei Jahren ist sie ein echtes Ausnahmetalent. „Mit drei fangen viele erst an, einen Hund gezielt auszubilden. Aber Paji ist ein schlaues Köpfchen. Sie weiß, um was es geht und kann außer­ordentlich gut verknüpfen. Und ich schaffe es trotz Aufregung irgendwie, ihr das Ganze als Training zu verkaufen. Und nur, wenn Hund und Mensch ein gut aufeinander ­abgestimmtes Team sind und sich fast blind verstehen, kann es gut werden.“

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