Schwierige Situation in Marbach Musikschule gehen Unterrichtsräume aus

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Die Musikschule bringt viele Talente hervor. Doch mehr und mehr fehlen Räume für deren Unterricht. Foto: Archiv (avanti)

Fast wäre es zu einer Art Protest-Unterricht vor dem Marbacher Rathaus gekommen. Doch die Verwaltung fand doch noch einen Weg, 70 Schüler der Musikschule Marbach-Bottwartal in der Grundschule unterzubringen.

Marbach - Der Marbacher Bürgermeister Jan Trost ist soeben erst aus dem Urlaub an seinen Schreibtisch im Rathaus zurückgekehrt, da muss er sich schon mit einem Thema beschäftigen, das bereits in den vergangenen Wochen mächtig gärte und sich inzwischen zu einem veritablen Brandherd entwickelt hat: Der Musikschule Marbach-Bottwartal gehen die Räumlichkeiten in der Schillerstadt aus. Ihren Unmut darüber hat nun die Blockflötenlehrerin Melanie Bogisch in einem offenen Brief an Trost kundgetan. In ihrer Verzweiflung war sie sogar drauf und dran, zu einem ungewöhnlichen Mittel zu greifen und am Dienstag ihren Schülern vor dem Rathaus das Einmaleins des Musizierens beizubringen. „Stand jetzt habe ich keine Alternative. Ich muss auf der Straße unterrichten“, sagte die Marbacherin am Montag kurz vor 10 Uhr.

Es ist nicht unbedingt neu, dass die Einrichtung mit der räumlichen Situation in der Schillerstadt hadert. Die Leiterin Bärbel Häge-Nüssle hatte in den politischen Gremien der Stadt schon mehrfach betont, dass man sich ein festes Domizil wie in Steinheim sehr wünschen würde. Doch coronabedingt hat sich die Situation inzwischen erheblich verschärft. Denn die Marbacher Grundschule, in der bislang wie in der Stadthalle Klavier, Blockflöte und Co. gelehrt werden durften, sollte fortan für diesen Zweck nicht mehr zur Verfügung stehen. Das sei zwar schon seit März wegen der Pandemie samt entsprechender Verordnungen interimsweise der Fall gewesen, sagt Melanie Bogisch. Doch erst vor wenigen Tagen sei den Lehrern mitgeteilt worden, dass sich an diesem Zustand trotz der allgemeinen zwischenzeitlichen Lockerungen nach den großen Ferien nichts ändern werde.

Die Grundschule brauche die Räumlichkeiten fortan selbst, erläutert Bogisch. Sie kann das grundsätzlich sogar nachvollziehen und hat Verständnis dafür, dass sich die Bildungsstätte in einer absoluten Ausnahmesituation befindet. Zugleich fragt sie sich, warum dieses Verbot so absolut sein muss. „Der Ganztagesbetrieb endet um 15.05 Uhr. Danach kommt nur noch die Nachbetreuung, für die nicht alle Räume benötigt werden. Warum können wir also nicht wenigstens nach 15.05 Uhr in der Grundschule unterrichten?“, wundert sich die erfahrene Lehrerin, die darauf hinweist, dass nicht nur sie selbst, sondern auch andere Kollegen betroffen sind – und unterm Strich damit rund 70 Kinder, für die keine Lösung in Sicht sei.

Ärgerlich findet Melanie Bogisch vor allem, dass man schon seit Juni in der Sache mit Vertretern der Stadt und der Schule in verschiedenen Konstellationen nach einer Alternative sucht. „Bis zuletzt war ich mir sicher, dass die Stadt Marbach als Schulträger bestimmt eine Lösung findet, vor allem, da Sie, Herr Trost, als Marbacher Bürgermeister seit Juli der Erste Vorsitzende der Musikschule Marbach-Bottwartal sind“, schreibt Bogisch in ihrem offenen Brief. Doch leider sei sie eines Besseren belehrt worden. „Sollen wir solange wie möglich im Freien unterrichten, vielleicht, um in Marbach die Fußgängerzone zu beleben?“, fragt sie deshalb provokativ in Richtung Rathauschef, mit dem sie sich am Montagabend nochmals austauschen wollte, nachdem Trost bereits am Freitag mit ihr Kontakt aufgenommen hatte. In dem ersten Gespräch habe der Bürgermeister beteuert, alles unternommen, aber bislang keinen Durchbruch erzielt zu haben. Immerhin habe die Stadt aber zwei Räume im DRK-Heim anmieten können, die die Musikschule nun nutzen darf. Das Gebäude könne die Musikschule aber nur tageweise belegen, sodass zusätzliche Ausweichquartiere vonnöten seien, erläutert Melanie Bogisch, die die Musikschulchefin Bärbel Häge-Nüssle über ihren Vorstoß informiert, ihn jedoch nicht mit ihrer Vorgesetzten abgesprochen hat.

Bärbel Häge-Nüssle konstatiert ebenfalls, dass sie den Brief inhaltlich nicht kenne. Klar sei aber, dass die räumliche Lage der Musikschule mittlerweile prekärer ist, als sie es ohnehin schon war. Deshalb hat sie sich am Montagmorgen auch zu einem Krisengespräch mit Jan Trost, der Ersten Beigeordneten Franziska Wunschik und dem Hauptamtsleiter Jürgen Sack getroffen, der zugleich zu den Geschäftsführern der Einrichtung gehört. In der Runde seien mehrere Ideen und Lösungsvorschläge auf den Tisch gekommen. Sollten die einzelnen Punkte verwirklicht werden, könne der Unterricht wieder komplett über die Bühne gehen, sagt Bärbel Häge-Nüssle. „Aber in trockenen Tüchern ist das noch nicht. Zunächst muss alles umgesetzt werden“, betont sie.

Jan Trost versichert jedoch schon jetzt im Hinblick auf die von Melanie Bogisch erwogenen Aktion vor dem Rathaus, dass die Flötenlehrerin bereits in dieser Woche keinesfalls auf der Straße unterrichten müsse. Denn zum Maßnahmenpaket, das am Montag geschnürt wurde, zählt unter anderem, dass die Musikschule nach 15.05 Uhr unter entsprechenden Hygieneregeln doch in der Grundschule durchstarten darf. Zudem werde ein Raum in der Bildungsstätte so hergerichtet, dass er exklusiv für den Instrumentalunterricht genutzt werden kann, womit dort auch schwere Tonerzeuger wie ein Kontrabass dauerhaft abgestellt werden können. „Daran wird mit Hochdruck gearbeitet. Wir rechnen damit, dass der Raum in absehbarer Zeit zur Verfügung steht“, sagt der Bürgermeister. Überdies befinde man sich im Gespräch mit anderen Schulen, um zusätzliche Optionen zu ermöglichen.

„Damit sind die meisten Themen vom Tisch und 90 Prozent der Probleme gelöst. Die Musikschule liegt uns sehr am Herzen“, resümiert Trost. Benötigt werde nach wie vor ein Raum, in dem immobile Instrumente wie ein Klavier positioniert werden können. Bärbel Häge-Nüssle denkt ebenfalls, dass damit der Unterricht in seiner gewohnten Form fürs Erste garantiert wäre. Zugleich hebt sie hervor, dass eine stabile Lösung für die Zukunft anders aussehen sollte: in Form eines eigenen Domizils in Marbach, bei dem man nicht am Tropf von Dritten hängt.