Saskia Esken bewirbt sich für den SPD-Vorsitz Aus dem Nordschwarzwald auf die große Bühne

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Sie will mit an die Spitze der SPD: Saskia Esken und Norbert-Walter Borjans. Foto: AFP

Bis vor einigen Wochen war Saskia Esken eine einfache SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Calw/Freudenstadt. Am Samstag könnte die Groko-Kritikerin zur SPD-Vorsitzenden gewählt werden. Wie kam es dazu?

Berlin - Saskia Esken sitzt am Schreibtisch in ihrem Bundestagsbüro und tippt konzentriert auf dem Laptop. Das muss noch schnell fertig werden, es ist viel los. „Ich hatte heute schon vier Termine, und es ist gerade erst 12 Uhr. Um halb zehn war mein Handy schon leer“, sagt Esken. Für solche Fälle hat sie immer einen mobilen Akku dabei, das Ladekabel hängt aus ihrer Handtasche heraus. „Und so wie das Handy den Tag irgendwie durchhält, kann ich auch immer wieder Kräfte mobilisieren.“ Hinter Esken, 58 Jahre, gebürtige Stuttgarterin und verheiratete Mutter von drei erwachsenen Kindern, liegen drei verrückte Monate.

Bis Ende August war die auf Digitalpolitik spezialisierte SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Calw/Freudenstadt selbst vielen Beobachtern der politischen Szene in der Hauptstadt kein Begriff. Dann erklärten die Informatikerin und der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans überraschend, dass sie gemeinsam SPD-Vorsitzende werden wollen. Mit den anderen Bewerbern reisten sie daraufhin kreuz und quer durch die Republik, um sich den Mitgliedern auf 23 Regionalkonferenzen vorzustellen. „Manchmal bin ich in einem dieser Hotels aufgewacht und dachte erst mal: Wo bin ich und warum?“, erzählt Esken.

In einem Atemzug mit Willy Brandt?

Sollte sie ihr Ziel erreichen, könnte sie sich diese Frage noch öfter stellen. Am Samstagabend wird in der SPD-Zentrale bekannt gegeben, wer in die Chefbüros in der fünften Etage des Willy-Brandt-Hauses einzieht. In der ersten Runde der Mitgliederbefragung lagen Esken und Walter-Borjans nur knapp hinter Vizekanzler Olaf Scholz und der brandenburgischen Landespolitikerin Klara Geywitz. Der Ausgang der Stichwahl ist ungewiss.

Wie kam es dazu, dass die in der Spitzenpolitik unerfahrene Esken möglicherweise bald in einer Reihe mit Willy Brandt oder Franz Müntefering steht? Seit Jahresbeginn habe sie sich Gedanken gemacht, wie es mit ihrer Partei weitergehen solle, erinnert sich Esken. Nach dem Rücktritt von Parteichefin Andrea Nahles Anfang Juni veröffentlichte sie auf ihrer Internetseite einen Beitrag mit dem Titel „SPD am Abgrund?“, in dem sie eine „neue, unverbrauchte Führungsriege“ forderte. „Da gab es dann viele Aufforderungen an mich, mehr Verantwortung zu übernehmen.“

Der linke Parteiflügel unterstützt sie

Ein „entscheidender Impuls“ war für Esken jedoch die Kandidatur von Olaf Scholz. Der Vizekanzler und Finanzminister schloss eine Bewerbung um den SPD-Vorsitz zunächst aus. Als sich dann jedoch keiner der anderen Parteipromis vorwagte, änderte Scholz seine Meinung. Esken ärgerte dabei besonders, dass der 61-Jährige zwar eine Doppelkandidatur mit einer Frau ankündigte – sich seine Partnerin aber erst noch suchen musste.

Auch politisch trennen den seit Jahren zur SPD-Führungsriege gehörenden Scholz und die lange unbekannte Herausforderin viel. Esken und Walter-Borjans sind erklärte Groko-Gegner, Scholz und Geywitz wollen die Legislaturperiode gemeinsam mit der Union zu Ende bringen. Esken und Walter-Borjans sind für ein Ende der schwarzen Null und prangern die wachsende Ungleichheit in Deutschland an, besonders auf dem Arbeitsmarkt.

Esken erzählte zuletzt oft, dass sie mehrere Jahre selbst „mehr oder minder prekär“ in verschiedenen Jobs gearbeitet habe. Tagsüber als Schreibkraft oder Paketbotin, abends stand sie hinter der Theke und zapfte Bier, damit das Geld reicht. „Schon damals war Paketzustellerin ein schwerer Job. Die Treppen waren steil, und die Pakete waren schwer“, erinnert sich Esken. „Aber es war ein sicherer Job, ich hatte Arbeitnehmerrechte und Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich solidarisch zusammengearbeitet habe und nicht konkurrieren musste. Das ist heute komplett anders, und für diese Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt ist die SPD mitverantwortlich.“

Ein Ministerpräsident spritzt Gift

Die in den Kandidatenduellen bisweilen knorrig wirkende Baden-Württembergerin eckt mit ihrer heftigen Kritik an der SPD-Politik der vergangenen Jahre bei manchen in der Partei an. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil warf Esken „plumpe Schwarz-Weiß-Betrachtungen“ vor, bei denen sich ihm die Nackenhaare sträubten. Die Frau aus dem Nordschwarzwald spürt die Spannungen, die sich vor der Entscheidung am Samstag zwischen den Unterstützern beider Bewerberduos aufgebaut haben. Sie sei sich bewusst: „Die ganz große Aufgabe der ersten Wochen wird sein, die Partei zusammenzuführen.“