Revue in Marbach Ein launiger Blick in die Historie

Von Elke Rutschmann
Die literarisch-musikalische Revue bringt Liedgut, Gefühle und Befindlichkeiten aus 70 Jahren „The Länd“ auf die Bühne. Foto: Ralf Poller/Avant/i

Der Marbacher Literatursommer schlägt einen Bogen vom Besuch Thomas Manns auf der Schillerhöhe über Queen Elisabeth II. zu Gastarbeitern, Geflüchteten und Heimatvertriebenen.

Auf den ersten Blick haben Udo Jürgens, die Fantastischen Vier, Wolle Kriwanek und Walter Schultheiß nur wenig gemein. Doch ihr Liedgut ist bestens geeignet, um Gefühle und Befindlichkeiten in der 70-jährigen Geschichte Baden-Württembergs zu beschreiben. So geschehen beim Marbacher Literatursommer unter dem Titel „Wir alle – Eine literarisch-musikalische Revue“.

Die Marbacher Eigenproduktion erzählte am Sonntag in der Stadthalle Schillerhöhe mit Texten, historischen Einspielfilmchen und Bändern und der Begleitung der Combo Patibel mit Sängerin Claudia Keefer auf unterhaltsam-ironische Weise die Historie des Landes – stets im Kontext mit der Stadt. Birger Laing hat die Zeitreise mit seinen Texten auf den Punkt gebracht, die von Rudolf Guckelsberger, Sprecher und Moderator beim Südwestrundfunk (SWR) interpretiert wurden. Es wurde ein launiger Abend.

Nicht der Nabel der Welt, aber ein bisschen

Walter Schultheiß also, der beim Süddeutschen Rundfunk in den 50er-Jahren mit Werner Veidt 20 Jahre jeden Samstag die Radiohörer unterhielt: als Straßenkehrer-Duo Karle und Gottlob („Ich bin der Straßenkehrer Gottlob Friederich; ich kehr’ für Arm und Reich, für Hoch und Niederich“). Das passte zum Bau der Wohnsiedlung Hörnle, die Platz für 500 Familien geschaffen hatte.

Nein, Marbach ist nicht der Nabel der Welt. Aber die Welt war zu Gast in der Schillerstadt. Thomas Mann war hier im Mai 1955 zum 150. Geburtstag von Friedrich Schiller und man erfuhr, dass der Schriftsteller ein totaler Autofan war – allerdings ohne Führerschein und er sich deshalb von seiner Frau Katja und später von seinen Kindern in noblen Karossen chauffieren ließ. Auch Bundespräsident Theodor Heuss war da und bezeichnete die Schillerhöhe als das „Pantheon des schwäbischen Geistes“ und lud die Queen zu einem Besuch ein. Die gab sich dann 1965 die Ehre, da war Heuss schon tot. Angeführt von einer Motorradformation fuhr Elisabeth II. in einer offenen Edelkarosse durch die Stadt – gewandet in ein zitronengelbes Kostüm.

Das Auto ist das Symbol schlechthin für den Wohlstand

Überhaupt das Auto. Es wurde schnell zum Symbol von Wohlstand und einem neuen Selbstwertgefühl der Baden-Württemberger. Ihm widmete der viel zu früh verstorbene Wolle Kriwanek den Song „Ich fahr Daimler.“

Die Geschichte des Südweststaates ist auch eine Geschichte der Integration, von Heimatvertriebenen, Gastarbeitern und Geflüchteten. Und schnell wurde klar: Die Gefühle von Vertriebenen, die nach dem Krieg im Ländle gekommen sind, unterscheiden sich kaum von denen der Gastarbeiter, die in den 70er Jahren ins Wirtschaftswunderland Deutschland strömten und nicht willkommen waren: Sie lebten in diesem Land, aber das Land lebte lange nicht in ihnen. Udo Jürgens bringt es in seinem Griechischen Wein auf den Punkt. Eine weitere Botschaft des Abends war: Baden-Württemberg steht für Autos, für Genuss, für Rap à la Fanta 4 und von dort kommen auch die Fußballweltmeister Jürgen Klinsmann und Guido Buchwald.

Natürlich wurde das bis heute eher komplizierte Verhältnis von Badenern und Schwaben gestreift. Vor allem die Süd-Badener taten sich mit dem Konstrukt schwer, lehnten das neue Bundesland in der Abstimmung 1952 ab – unterlagen aber. Dabei kam auch zur Sprache, dass die Badener – anders als die Württemberger schon 1848/49 eine Demokratie zum Ziel hatten und viel später in den 1980er Jahren mit kreativem Protest den Bau des Kernkraftwerks in Wyhl verhindert hatten. Ein einmaliger Vorgang in der BRD.

Natürlich darf der Slogan „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ nicht fehlen, mit dem Baden-Württemberg Maßstäbe gesetzt: Der selbstironische und selbstbewusste Spruch hat es geschafft, die Schwaben in ein neues Licht zu rücken; plötzlich wurde ihnen Humor zugetraut. Nicht ganz so geglückt empfinden viele den neuen Slogan „Willkommen in The Länd“. Doch auch das hat Birger Laing ironisch-liebevoll interpretiert und die Revue schließt mit dem Song: „This Länd is my Länd, this Länd is your Länd.“