Reportage am Freitag Von Murr ans Meer zum Gedenken

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Die Radfahrer aus Murr sind am Ziel: Am Monument für die Opfer des Massakers von 1944 in Sant’Anna di Stazzema nehmen sie an einer Gedenkfeier teil. Foto: Ingo Nicolay/privat

Neun Rennradler der Murrer Radbande haben auf ihrer Fahrt zum Campo della Pace in der Toskana 850 Kilometer und fast 10 000 Höhenmeter bewältigt. In dem Friedenscamp nahmen sie an einer Feier für die Opfer eines SS-Massakers im Zweiten Weltkrieg teil.

Murr - Was sind das für Menschen, die mit dem Rad von Murr aus ans Meer zu einer Gedenkfeier fahren und dort die Opfer eines furchtbaren Massakers bei einem Friedenscamp ehren und gegen das Vergessen kämpfen? Und die dabei die Schwäbische Alb, die Alpen, ligurische und apuanische Berge überqueren?

Doch der Reihe nach: Zum Ende des Zweiten Weltkriegs verübten deutsche Truppen im Rückzug ein Massaker an der italienischen Bevölkerung. Krieg ist an sich schon brutal und lässt alle Beteiligten verrohen. Doch hier entlud sich auf dämonische Weise ein letzter, sinnloser und beispielloser Gewaltakt an den Bewohnern des kleinen toskanischen Bergdörfchens Sant’Anna di Stazzema. Färbte oben in den Bergen das Blut der 400 – und je nach Angabe bis zu 650 – Opfer die Erde rot, leuchtete unten der schneeweiße ligurische Marmor aus Carrara unschuldig ins azurblaue Meer hinaus.

Blamable Aufarbeitung des Massakers

Die juristische Aufarbeitung verlief – auf deutscher wie auf italienischer Seite – gleichermaßen beschämend. Zehn ehemalige SS-Männer sind in Italien erst rund 60 Jahre nach dem Massaker angeklagt und in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch die Beschuldigten wurden in Deutschland nicht belangt, es kam letztendlich zu keinem Prozess – es fehlten Belege für eine individuelle Schuld, so die formaljuristische Begründung.

So blieb das Massaker von Sant’Anna am Ende ungesühnt. Dass dennoch Versöhnung und Verständigung möglich wurden, ist vor allem auch Enio Mancini, einem der beiden einzigen damaligen Überlebenden, zu verdanken. Ein deutscher Soldat hatte ihn durchgewunken und ihm zur Flucht verholfen, anstelle ihn zu erschießen. Mancini wurde zum unermüdlichen Mahner gegen Gleichgültigkeit und Geschichtsklitterung – und für Vergebung. Dabei hatte der Italiener bei dem Verbrechen der Deutschen nicht nur Hab und Gut, sondern seine ganze Familie verloren.

Mit dem Stuttgarter Friedenspreis geehrt

Er und der ebenfalls überlebende Enrico Pieri erhielten für ihr Engagement im Jahr 2013 den Stuttgarter Friedenspreis. Doch bis wir Pieri persönlich treffen werden, liegt eine lange, beschwerliche Reise vor uns. Fritz Hirschmann aus Steinheim ist einer der Initiatoren dieser Reise für den Frieden und gegen das Vergessen. Dafür hat er acht weitere Mitradler aus der Murrer Radbande für die Mitfahrt begeistert. Seit 2017 organisiert die Naturfreundejugend, unterstützt von den „Anstiftern“, einer Stuttgarter Initiative gegen das Vergessen, und der Erinnerungsbewegung Hotel Silber das Friedensfest Campo della Pace und ermöglicht so eine jährliche Begegnung wider das Vergessen.

Gestartet wird die Radtour in Murr an der Murr. Mit dabei ist Hermann Katzenstein, Landtagsabgeordneter der Grünen, von Freunden kurz Hermino genannt. Er hat als einziger Politiker auf die Einladung zum Mitradeln reagiert. Hermino hatte schon ein parteipolitisch korrektes Radtrikot übergestreift, sonst hätte er von der Radbande glatt das grüne Trikot des besten Sprinters übergestülpt bekommen. Doch anders als für den Rest der Truppe ist für ihn am Abend bereits Schluss, während vor den übrigen Tourteilnehmern weitere Etappen liegen.

Gewitter, Krankheit und Hitze

Vor Sigmaringen werden wir die letzten 20 Kilometer vom Gewitterregen fast von der Straße gespült. Da ist der nächste Tag wie Erholung und führt über Oberschwaben an den Bodensee und weiter ins österreichische Lustenau. Das Essen dort und die Etappe am darauffolgenden Tag nach Zizers brennt sich ins Gedächtnis. Ob durch verdorbenes Essen oder ein eingeschlepptes Virus: Durchfall und Erbrechen legt die Gruppe schachmatt. Nur zwei können am nächsten Tag zur Königsetappe antreten, und nur einer kommt komplett die knapp 3000 Höhenmeter über Lenzerheide-, Albula- und Berninapass bis ans Ziel nach Poschiavo. Die Ausläufer der trentinischen Alpen bäumen sich am nächsten Tag vor uns auf, bevor wir am Abend am malerisch gelegenen Lago d’Iseo endgültig dem italienischen Flair erliegen.

Auf dem Weiterweg setzt die Hitze der Poebene zu. Wie gut, dass uns am Abend die kulinarischen Spezialitäten Parmas verwöhnen und Kraft geben für die letzte schwere Etappe über die Ligurischen Alpen bis zum Hafen der berühmten Steinbrüche in Carrara.

Plädoyer für Menschlichkeit, Toleranz und Versöhnung

Im Friedenscamp in Sant’Anna di Stazzema treffen wir auf die Teilnehmer der Naturfreundejugend und werden herzlich aufgenommen. Die Prozession von der Kirche zum Gedenkort hoch über dem ligurischen Meer ist beeindruckend. Die Reden der örtlichen Festredner sind zwar etwas langatmig und erschöpfend an diesem heißen Tag, doch als die Glocken in der Stunde des einstigen Grauens zu schlagen beginnen, haben viele Teilnehmer trotz der Hitze Gänsehaut.

Die kurze Ansprache Enio Mancinis an diesem Ort deutscher Schande ist ein ebenso berührendes wie leidenschaftliches Plädoyer für Menschlichkeit, Toleranz und Versöhnung, das angesichts zahlreicher militärischer Konflikte in einer vor immer größere Zerreißproben gestellten Welt von beklemmender Aktualität ist: „Krieg kann nie menschlich sein, sondern ist immer das Gegenteil. Nie mehr Hass, Zerstörung und Tod. Nie wieder Krieg!“