Reportage am Freitag Süßer die Lichter nie leuchten

Von Stephanie Wein
Das „Weihnachtshaus“ im Erdmannhäuser Lembergweg. Foto: KS-Images.de / /Karsten Schmalz

Darf es ein bisschen mehr sein? Sybille Niehues-Zimmermann und Andreas Niehues haben ihr Haus in eine weihnachtliche Lichterwelt verwandelt. Wie viele LED-Lämpchen sind wohl nötig, um 168 Acrylfiguren in Szene zu setzen?

Erdmannhausen - Ein wenig verrückt ist es schon, das „Weihnachtshaus“ im Erdmannhäuser Lembergweg. 168 große, kleine, bunte, beleuchtete Figuren aus Acryl. 279 Steckdosen rund ums Haus, 74 Lichterketten, 41 200 LED-Lämpchen und 3600 Watt Verbrauch in der Stunde. Das Ganze verteilt auf dem Dach des Hauses, im Garten, im Vorgarten, in der Einfahrt, im Gartenhäuschen, an jeder Ecke, in jedem Winkel.

Begonnen hat alles mit Rudolf im Jahr 2012. Das mannshohe Rentier aus weißem Acryl hat in diesem Jahr neue Augen bekommen – er hat schon einige Jahre auf seinem Rentierbuckel. Eingezogen ist Rudolf am 24. Dezember vor neun Jahren. Bis zu seinem Umzug nach Erdmannhausen war er Dekorationsartikel in einem Cannstatter „Picks raus“-Schnäppchenmarkt. Sybille Niehues-Zimmermann erinnert sich noch genau an den Anblick von Rudolf, als sie und die anderen Angestellten den Markt am 24. Dezember abschließen und heimgehen wollten, um Weihnachten zu feiern. „Da hat er mich so angeguckt“, sagt sie. Eine kurze Absprache mit dem Chef zwecks Preis, ein knapper Anruf beim Ehemann, der mit dem Anhänger nach Stuttgart kam und den treu dreinschauenden Rudolf auflud.

Mit einem einsamen Rentier fing alles an

„Ich bin ein emotionaler Mensch“, erklärt die 62-Jährige ihren Spontankauf von damals. Sie liebt all ihre Figuren. Wenig später gesellten sich zu dem einsamen Rudolf Igel, Pinguine und andere Kreaturen. Schnell haben sie und ihr Mann Andreas dann gemerkt, dass ihnen der Weihnachtsschmuck im Garten große Freude macht und das Dekorieren zur Weihnachtszeit zu ihrem Hobby werden würde. „Und so sieht es dann nach neun Jahren aus“, sagt Sybille Niehues-Zimmermann mit einem liebevollen und zugleich stolzen Blick über ihr Glitzerreich.

In diesem Jahr haben Sybille Niehues-Zimmermann und Andreas Niehues ihr Weihnachtsland kräftig ausgebaut. 40 Figuren sind seit dem Krippenfest 2020 dazugekommen. Einige davon kauften die beiden im Schnäppchen- oder Baumarkt, andere wurden von Bekannten aus den USA versandt. Auf die Überseefiguren sind die beiden sehr stolz. Und damit alles gut zur Geltung kommt, wird in diesem Jahr erstmals der komplette Garten dekoriert. So haben die beiden im Sommer auf einem Rasenstück hinterm Haus einen „Weihnachtsplatz“ mit Verbundsteinen angelegt. In der Mitte ein Fahnenmast mit Lichterketten, rund herum amerikanische Weihnachtsfiguren: Santa Claus, Mrs. Santa, zudem Winnie Puuh, Bambi, ein Gruppe Einhörner, daneben Mickey Mouse und Freunde, gesäumt von der grünen Disney-Kreatur Grinch.

„Felunas Welt“ zeigt Märchenfiguren

Sie alle und noch viel mehr gehören zum neuen Märchenland „Felunas Welt“ hinter dem Haus des Ehepaars, das am Wochenende für Besucher geöffnet ist. Hier finden sich auch neue Figuren aus dem Disney-Film „Frozen“, für den die Enkelinnen schwärmen. Aus deren Namen Felina (5) und Luana (3) setzt sich „Felunas Welt“ zusammen. Denn eine ganz besondere Freude sind für Sybille Niehues-Zimmermann die strahlenden Kinder, die rund ums Haus stehen, wenn um 17 Uhr an die Lichter angehen. Die Erdmannhäuserin liebt Märchen. Disney-Figuren sind heute genau das, was früher Märchen waren, sagt Sybille Niehues-Zimmermann. Die Menschen trügen Träume und Märchen in sich – „ und ich lebe die Fantasie aus“. Und weiter: „Realität haben wir genug“. Sie weiß, dass es im Ort auch Kritiker gibt, die ihre Kunst nicht schätzen. Sie verunglimpfe Weihnachten, heißt es da.

Aber diesen Schuh möchte sie sich nicht anziehen. Dass sie diese Form des Weihnachtsschmucks mag, heiße ja nicht, dass sie Weihnachten nicht respektiere. Sie mag es eben bunt und glitzernd, „warum sollte mich Jesus deshalb weniger lieben“, fragt sie.

Schöne Begegnungen in der Coronazeit

Von der Begeisterung der vielen Kinder, die das Weihnachtshaus in der Adventszeit besuchen, fühlt sich Sybille Niehues-Zimmermann bestärkt. Gerne tritt sie ans Fenster und schaut nach draußen in die freudigen Gesichter, wenn ihre Glitzerwelt bestaunt wird. So habe sie auch in der Coronazeit immer wieder schöne Begegnungen gehabt, sagt sie. Für solche Momente „mache ich das Ganze“, sagt sie.

Die neue Märchenwelt hinter dem Haus kann von Besuchern auf einem frisch angelegten Rundweg erkundet werden. Los geht die Tour am Törchen, vorbei am Wohn- und Esszimmer der Familie, sie endet am Gartenhäuschen. Wenn sich hier die Türen öffnen, kann der Besucher nach Disney und Co. in eine Krippenwelt eintauchen. Die heilige Familie aus Acryl – fast in klassischer Manier.

Ein Meer aus 1,2 Tonnen Glasbausteinen

Auch vor dem Haus findet sich eine zauberhafte Welt. Pinguine in verschiedenen Farben, Eisbären, Krabben und ein Walross. Einige der Tiere „schwimmen“ in klarem „Wasser“ aus 1,2 Tonnen türkisfarbenen Glasbausteinen. „Verschneite“ Bäumchen säumen die Szenen, ein kindshoher Nussknacker grüßt, es gibt Schneemänner, Pilze, eine spielende Hasenfamilie, Eichhörnchen mit Nüssen und eine an ein Hundehaus angeleinte Krokodildame, die viele grüne Krokodilkinder bekommen hat. Viele der Figuren haben Namen. Teilweise erinnern sie an Verstorbene, die dem Paar nahegestanden haben. Ein Pinguinmädchen hat seinen Namen „Mariechen“ von einem Kindergartenbesuch – die Kleinen hatten sich den Namen ausgedacht.

Auf dem Dach des Hauses fährt ein Nikolaus in einer Eisenbahn dem Himmel entgegen. Zudem gibt es dort einen Mond und Rentiere, die einen Schlitten ziehen – alles auch aus der Ferne gut sichtbar. Um die Figuren jedes Jahr aufs Neue aufs Dach montieren zu können, haben die Eheleute extra eine Treppe auf der Hinterseite des Daches montiert, gleich neben der Fotovoltaikanlage.

Das Paar arbeitet auch unter dem Jahr an der Ausstellung

Den Auftakt zum Weihnachtszauber im Lembergweg macht das Lichterfest, zu dem das Ehepaar Freunde und Nachbarn einlädt. Von da an ist das Haus jeden Abend bis nach Weihnachten von 17 bis 22 Uhr beleuchtet.

Verpacken und verstauen heißt es für das Ehepaar, wenn die Weihnachtszeit vorüber ist. „Wochenlang sind wir dann am Wegräumen.“ Die Garage und das Haus werden vollgestellt. Aber Ruhe bis zum nächsten Advent haben die beiden nicht. Das ganze Jahr über wird gebaut und gewerkelt. Damit auch die nächsten Ausstellung wieder Überraschungen birgt.