Prozess in Solingen Mutter wegen Mordes an fünf Kindern vor Gericht

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Eine Polizistin steht vor einem Hauseingang. Eine Mutter soll hier im Solinger Stadtteil Hasseldelle ihre fünf Kinder umgebracht haben. Nun steht sie als mutmaßliche fünffache Mörderin vor Gericht. Foto: dpa/Roberto Pfeil

Der Solinger Stadtteil Hasseldelle hat nicht den besten Leumund. In den Wohnblöcken lebten auch die Kinder von Christiane K. - bis sie im September 2020 getötet werden. Nun steht die Mutter als mutmaßliche fünffache Mörderin vor Gericht.

Solingen - Melina (1), Leonie (2), Sophie (3), Timo (6) und Luca (8): Die Solinger Kinder lagen in Decken und Handtücher gehüllt in ihren Betten - und alle fünf waren tot. Wenig später wirft sich ihre Mutter 25 Kilometer entfernt im Düsseldorfer Hauptbahnhof vor eine S-Bahn - sie überlebt.

Anfang September vergangenen Jahres sorgten diese Nachrichten für blankes Entsetzen. An diesem Montag wird die inzwischen 28-jährige Christiane K. in Wuppertal auf der Anklagebank des Schwurgerichtssaals Platz nehmen. Ihr wird vorgeworfen, fünf ihrer sechs Kinder ermordet zu haben.

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Nur ihr ältester Sohn M. lebt noch. Er war damals elf. Ihn hatte die Mutter laut Anklage gebeten, aus der Schule zu kommen - und zur Oma nach Mönchengladbach geschickt. Bislang hat die Solingerin mehrfach ihre Unschuld beteuert: Ein Maskierter sei in ihre Wohnung eingedrungen und habe die Kinder getötet.

Medikamenten-Mix im Frühstücksgetränk

Die Ermittler halten diese Version für eine Schutzbehauptung: „Wir sind dem natürlich nachgegangen, haben aber nichts gefunden, was dafür spricht, dass es so gewesen sein könnte“, sagt einer von ihnen.

Stattdessen sollen sich vor der Tat Dinge ereignet haben, die die 28-Jährige in Verdacht gebracht haben: Ihr Ehemann, der damals bereits von ihr getrennt lebte, soll ihr kurz zuvor deutlich gemacht haben, dass es für ihn kein Zurück gibt. Daraufhin soll sie ihm geschrieben haben, dass er seine Kinder nicht wiedersehen werde.

Mit einem Medikamenten-Mix, in die Frühstücksgetränke der Kinder gemischt, betäubte sie die Kinder laut Anklage und erstickte oder ertränkte dann eins nach dem anderen im Badezimmer. Schwache Spuren deuten darauf hin, dass sich nicht alle ihrem grausamen Schicksal fügten, sondern sich wehrten. Ihrem ältesten Sohn soll Christiane K. am Tattag erzählt haben, seine Geschwister seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Inzwischen hat auch der psychiatrische Gutachter, mit dem die Beschuldigte lange nicht sprechen wollte, eine erste Einschätzung abgegeben: Anhaltspunkte für eine längere psychiatrische Erkrankung, die für eine Schuldunfähigkeit sprechen könnte, habe er bei der Frau nicht feststellen können.

Tatmotiv bisher unklar

Verteidiger Felix Menke verweist darauf, dass seine Mandantin „de facto allein erziehend war“ und dabei „top organisiert“: „Den Haushalt mit sechs Kindern - sie hat alles alleine geschmissen“, sagt er. Währenddessen hätten die Väter der Kinder „keine rühmliche Rolle gespielt“.

Die Deutsche war schon mit 15 das erste Mal schwanger, wurde mit 16 Mutter und bekam mit drei Männern insgesamt sechs Kinder. Wie das Magazin „Stern“ berichtet, sei sie als Kind von einem Bekannten ihrer Großeltern sexuell missbraucht worden. „Das steht im Raum, dem wird nachgegangen“, sagt ihr Verteidiger Felix Menke dazu auf Anfrage. „Das spielt eine Rolle, ist aber noch unklar“, sagt Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt.

Das Tatmotiv sei unklar geblieben, sagt der Staatsanwalt. War die Angeklagte hoffnungslos überfordert? Wollte sie ihre Kinder nicht alleine zurücklassen? Oder war es Rache an ihrem damaligen Noch-Ehemann, mit dem sie vier Kinder hatte und der zu einer anderen Frau in ein Nachbarhaus gezogen sein soll? Für den Mordvorwurf führt die Anklage etwa anderes an: Heimtücke. Sie habe die Arg- und Wehrlosigkeit ihrer Kinder ausgenutzt, damit typisch heimtückisch gehandelt.

Familie war dem Jugendamt bekannt

Die Familie war dem städtischen Jugendamt bereits vor der Tat bekannt. Ihr sei auch Unterstützung gewährt worden, weitere Hilfsangebote habe die Mutter aber abgelehnt. Hinweise, dass die Kinder in Gefahr sein könnten, habe es nie gegeben.

Der Fall mache „traurig, wütend und fassungslos zugleich“, hatte die damalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bekundet. Die Tat übersteige „unsere Vorstellungskraft von dem, was Menschen imstande sind zu tun“. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte, der Fall lasse „einen im Tagesgeschäft innehalten“ und an die „wichtigen Dinge im Leben“ denken.

Nach der Tat hatten Menschen Kerzen vor dem Eingang des Mehrfamilienhauses angezündet, Blumen und Teddybären abgelegt. Ballons mit den Namen der getöteten Kinder ließ man in den Himmel steigen. Das Landgericht hat für den Fall elf Verhandlungstage angesetzt. Dann will die Strafkammer unter Vorsitz von Richter Jochen Kötter ihr Urteil verkünden.