Patrick Zieker und Fynn Nicolaus im Interview „Es ist gefühlt eine andere Sportart“

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Patrick Zieker (links) und Fynn Nicolaus spielen beide für den TVB Stuttgart. Foto: Archiv (Baumann/Alexander Keppler)

Patrick Zieker kommt aus Kleinbottwar, Fynn Nicolaus aus Großbottwar. Sie spielen gemeinsam bei Handball-Bundesligist TVB Stuttgart und stecken mitten in einer ungewöhnlichen Zeit, die für beide viele Veränderungen parat hält.

Großbottwar/Kleinbottwar - Aktuell befindet sich die Handball-Bundesliga in einer kurzen Länderspielpause. Für Patrick Zieker (27) aus Kleinbottwar und Fynn Nicolaus (17) aus Großbottwar Gelegenheit, uns von der aktuellen Lage während der Corona-Saison, aber auch von ihren Zukunftsplänen zu berichten.

Im letzten Spiel vor der aktuellen Länderspielpause habt ihr mit dem TVB das Derby gegen Göppingen gewonnen. Hättet ihr daher lieber direkt weitergespielt oder kommt die Pause doch mal ganz gelegen?

Zieker: Ich glaube, dass so eine Pause immer ganz gut tut, weil die Saison schon lange geht und die Belastung gerade auch eine andere ist. Ja, der Sieg war wichtig und gut, aber wir haben jetzt auch noch mal Zeit, um an den Sachen weiter zu arbeiten, die uns im Derby stark gemacht haben. Daher denke ich, dass die Pause weder Vor- noch Nachteile hat. Nicolaus: Die letzten Wochen war jetzt doch viel hintereinander, daher finde ich die Pause gar nicht so schlecht, zumal ich dadurch auch etwas mehr Zeit habe, um fürs Abi zu lernen.

Patrick, du hättest aber bestimmt auch nichts dagegen gehabt, bei der Nationalmannschaft dabei zu sein. Wie ist denn da der Stand der Dinge? Wann hattest du zuletzt Kontakt zum Bundestrainer?

Zieker: Den letzten Kontakt hatte ich Ende vergangenen Jahres vor der Nominierung zur Weltmeisterschaft. Da hat er mir seine Entscheidung erklärt. Ich hatte natürlich gehofft, dass ich eventuell durch meine Leistungen jetzt wieder eine Rolle spiele. Aber das war leider nicht der Fall, daher heißt es jetzt weitermachen. Und so gönne ich meinem Körper die ein oder andere Pause, was sicher auch nicht schlecht ist. Doch natürlich wäre ich gerne dabei gewesen.

Fynn, wie ist bei dir der Stand der Dinge in Sachen Jugend-Nationalmannschaft? Gibt es da momentan überhaupt Lehrgänge oder Spiele?

Nicolaus: Aktuell ist gar nichts, der letzte Lehrgang war im Herbst 2020. Aber im August soll jetzt die im vergangenen Jahr ausgefallene Jugend-EM in Kroatien nachgeholt werden. Doch so ganz in trockenen Tüchern ist das wohl noch nicht. Man weiß ja im Moment nie,was kommt.

Ihr kommt bekanntlich beide aus dem Bottwartal: Fynn aus Großbottwar, Patrick aus Kleinbottwar, wohnt aber jetzt in Murr – alles nur wenige Kilometer auseinander. Besteht da innerhalb der Mannschaft eine besondere Verbindung wie zwischen großem und kleinem Bruder?

Zieker: Wenn man es ganz sachlich betrachtet, sind wir nur zwei Teamkollegen. Aber natürlich ist da eine andere Verbindung. Wir sind nur ein paar Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen, ich nehme Fynn auch gerne mal nach dem Training oder nach einem Spiel mit nach Hause – also da ist schon eine andere Verbindung als zu einem Mitspieler, der zum Beispiel in Stuttgart wohnt. Aber in der Mannschaft sind wir letztlich ganz normale Kollegen.

Nun trennen euch vom Alter ziemlich genau zehn Jahre. Das heißt, die ganzen Dinge, die Fynn jetzt durchmacht, hat Patrick schon hinter sich. Fynn: Ist Patrick dadurch auch jemand, der dir mit seiner Erfahrung in manchen Dingen helfen kann?

Nicolaus: Es ist für mich auf jeden Fall eine große Hilfe, wenn neben mir gestandene Spieler sind, die mir Tipps geben, mich mal an die Hand nehmen und mir auch nicht böse sind, wenn mal was nicht klappt. Das trifft generell auf die ganze Mannschaft zu, aber auf Paddy noch mal ganz besonders.

Jetzt möchte ich euch bitten, jeweils die Stärken des anderen auf und neben dem Feld zu beschreiben.

Nicolaus: Paddy ist auf und neben dem Feld eine sehr große Persönlichkeit in unserer Mannschaft. Er motiviert die ganze Mannschaft und nimmt alle mit. Da hat er eine bestimmende Rolle als Führungsspieler. Und auf dem Feld gibt es fast nichts, was er nicht kann. Er spielt im Training auch mal im Rückraum, deckt auf der Halbposition. Und seine Explosivität und Energie sind sehr beeindruckend – das ist auch etwas, wo ich persönlich noch hinkommen möchte. Zieker: Jetzt habe ich ja fast Tränen in den Augen. Bei Fynn muss man auch immer wieder das Alter einsortieren. Man vergisst sehr oft, dass er immer noch 17 Jahre alt ist. Was er dafür mitbringt, das sieht man nicht so oft. Da ist zum einen ein unfassbarer Körper, aber es ist auch ein sehr großer Ehrgeiz und Trainingsfleiß dahinter. Das finde ich sehr beeindruckend, weil es das nicht mehr oft gibt, dass man mehr macht, als man muss. Und deswegen wird er auch belohnt und bekommt seine Spielanteile. Wenn man sieht, welche Spieler er zum Beispiel in der Abwehr schon gestellt hat – er ist da schon sehr weit. Klar ist aber auch, dass noch jede Menge Verbesserungspotenzial da ist, an dem er aber selbst am meisten arbeitet. Und außerhalb vom Handball ist er ein ganz netter und feiner Mann, der sehr gut sortiert ist. Er weiß genau, wo er hin will und trainiert entsprechend. Ich glaube, da ist er vielen in seinem Alter voraus. Da hat auch der ein oder andere in unserer Mannschaft schon mal große Augen gemacht, wenn ihm ein 17-Jähriger gezeigt hat, wie man in der Abwehr richtig zupackt.

Fynn, es wurde ziemlich groß thematisiert, als du deinen ersten Einsatz hattest und seither jüngster Bundesligaspieler aller Zeiten bist. Nun hast du kürzlich auch dein erstes Tor erzielt, auch das war zumindest in den sozialen Medien ein größeres Thema. Ist das auch für dich persönlich ein bedeutender Meilenstein?

Nicolaus: Das war in dem Moment schon eine Erleichterung, dass der Ball reingegangen ist, denn ich hatte davor ja den ein oder anderen Fehlversuch. Aber dadurch, dass es in einer recht engen Spielsituation war, habe ich mich sehr schnell wieder darauf konzentriert.

Aber wenn dich in zehn Jahren jemand fragt, wirst du dich dann noch an dein erstes Bundesliga-Tor erinnern?

Nicolaus: Ja, das auf jeden Fall.

Dann machen wir mal die Probe bei Patrick: Dein erstes Bundesliga-Tor?

Zieker: Das weiß ich noch. Das war mein erstes Spiel mit Lemgo, gleich zu Hause das Derby gegen Lübbecke. Bechtloff bekam nach etwa 20 Minuten direkt die Rote Karte, und ich musste dann 40 Minuten spielen, habe gleich zwei Fahrkarten geworfen, aber in der zweiten Halbzeit habe ich bei einem Gegenstoß dann das Tor getroffen.

In der aktuellen Saison hattet ihr einen ziemlich guten Start, seit der WM-Pause lief es dann aber eher holprig mit Niederlagen gegen die Abstiegskandidaten Coburg oder Ludwigshafen, dafür aber Siege in Leipzig oder Melsungen. Kann man so etwas erklären?

Zieker: Eine richtige Erklärung gibt es nicht immer. Wir sind sehr gut in die Saison reingekommen und auf einer kleinen Welle geritten. Da muss man auch ehrlich sagen, dass wir viele Spiele an unserem Limit gespielt haben. Wir haben uns über viele Dinge keine Gedanken gemacht, weil sie einfach funktioniert haben. Es war ein Selbstverständnis drin, es war aber auch klar, dass wieder andere Spiele kommen. Vielleicht war unsere Erwartungshaltung dann auch eine andere. Dann kamen diese Spiele, und auf einmal hat man dann doch drüber nachgedacht, warum manches nicht mehr funktioniert, das Selbstvertrauen ging runter. Wenn das mal passiert, kommt man in eine Spirale rein. Und dann passiert es eben, dass man in Spielen gegen Mannschaften wie Coburg oder Ludwigshafen eben nicht an seine Leistung herankommt, aber Partien gewinnt, in denen man eher Außenseiter ist. Man kann nur versuchen, sich an den guten Spielen zu orientieren, das ist uns gegen Göppingen ganz gut gelungen.

Nun ist diese Saison ja alles andere als normal, vor allem, weil sie ohne Zuschauer stattfindet. Wird einem das in jedem Spiel aufs Neue bewusst? Oder ist da mittlerweile so etwas wie ein Gewöhnungseffekt eingetreten?

Nicolaus: Inzwischen hat man sich schon etwas daran gewöhnt. Ich persönlich habe es ja auch noch nicht so oft erlebt, vor vollem Haus zu spielen. Da saß ich meist auf der Bank. Aber natürlich merkt man immer wieder, dass etwas fehlt. Zieker: Man merkt, dass es einem emotional schwerer fällt. Wir sind natürlich froh, dass wir unseren Beruf überhaupt ausüben können. Aber es ist einfacher, sich zu motivieren oder mal ein Spiel rumzureißen, wenn du eine volle Halle hinter dir hast. Die ganzen Emotionen müssen allein aus der Mannschaft kommen, und das macht einen auch müde. Eine kleine Gewohnheit ist sicher da, aber es wird Zeit, dass wieder was los ist in der Halle. Es ist gefühlt eine andere Sportart.

Nun kann ja die Mehrheit der Handballer seit Monaten nicht spielen. Patrick, für deine beiden Brüder ist die Württembergliga-Saison ausgefallen. Fynn, fast alle deine Ex-Kollegen aus der Jugend bei der HABO sind zur Untätigkeit verdammt. Fürchtet ihr, dass die Pandemie sich letztlich auch negativ auf den Sport insgesamt auswirken wird?

Nicolaus: Ich glaube weniger, dass die Begeisterung am Handball verloren geht. Die Leute werden sicher gerne wieder in die Halle kommen, auch in der Württembergliga oder bei der HABO. Ich habe allerdings mitbekommen, dass einige frühere Teamkollegen sich jetzt auf Beruf oder Studium konzentrieren und nicht wissen, ob sie nach der Pandemie wieder aktiv mit dem Handball anfangen.

Du selbst steckst gerade mitten im Abitur. Wirst du es hinbekommen?

Nicolaus: Ja, ich denke schon. Im Moment bin ich im Soll.

Patrick hat ja damals, als er nach Lemgo in die 1. Bundesliga gewechselt ist, nebenher eine Ausbildung gemacht. Ist das auch für dich eine Option? Oder gibt es erst mal nur Handball?

Nicolaus: Ich werde mich nach dem Abi ein Jahr erst mal nur auf den Handball konzentrieren. Denn die letzten drei Jahre war die Belastung schon recht hoch. Aber nach dem Jahr habe ich mir fest vorgenommen, zweigleisig zu fahren. Bei mir wird es wohl in Richtung Studium laufen.

Da steht also auf jeden Fall eine Veränderung im Leben an. Patrick, bei dir gab es in jüngerer Zeit schon reichlich Veränderung: Du bist inzwischen zweifacher Familienvater. Wie gravierend war diese Veränderung?

Zieker: Das war eine einschneidende Veränderung, aber auch die schönste. Das Leben hat sich komplett geändert, aber das wollten wir ja auch und wir genießen es. Jetzt mit dem zweiten Kind vor gut vier Monaten hat sich noch mal viel verändert, es ist noch mal mehr geworden. Aber wir genießen wirklich jede Sekunde.

Du bist mit 27 Jahren im allerbesten Handball-Alter und du hast hoffentlich noch viele Jahre. Machst du dir dennoch Gedanken, was mal nach der Karriere kommt?

Zieker: Die Gedanken gibt es tatsächlich schon immer, denn ich weiß, dass es mit dem Handball nicht ewig geht. Andererseits bin ich bislang zum Glück von schweren Verletzungen verschont geblieben und hoffe daher, dass ich noch viele Jahre vor mir habe. Daher weiß ich tatsächlich noch nicht, wie ich meinen Alltag nach der Karriere gestalten kann und möchte.

Dann blicken wir zum Abschluss mal nicht ganz so weit in die Zukunft: Was wäre euer größter – und auch realistischer – Wunsch für die nächste Saison?

Zieker: Dass die Hallen wieder voll werden und wir unseren Sport wieder so ausleben können, wie wir ihn lieben und wie wir es gewohnt sind. Nicolaus: Das sehe ich ganz genauso. Zumal es für mich ja dann die erste Saison wird, in der ich das so richtig miterlebe.

Das Gespräch führte Lars Laucke.