Patrick Holl verlässt das Beilsteiner Rathaus Ein Bürgermeister nimmt seinen Hut

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Patrick Holl wird nur noch wenige Monate im Beilsteiner Rathaus sein. Foto: Stadt Beilstein

Der Rathauschef Patrick Holl macht einen Schritt auf der Karriereleiter und wird Erster Beigeordneter des Gemeindetages von Baden-Württemberg. Mit seinem Wechsel aus heiterem Himmel überrascht er die Stadträte.

Beilstein - Eigentlich galt Patrick Holl als feste Größe in Beilstein. Der Bürgermeister war erst im Vorjahr nach seiner ersten Amtszeit wiedergewählt worden. Weitere sieben Jahre mit dem 38-Jährigen an der Spitze der Verwaltung in der malerisch gelegenen 6300-Einwohner-Kommune schienen abgemachte Sache. Doch die Uhren des Lebens ticken manchmal anders. Holl gab am Donnerstagabend in nicht-öffentlicher Video-Sitzung dem Gemeinderat bekannt, dass er im ersten Quartal 2021 als Erster Beigeordneter in den Gemeindetag von Baden-Württemberg wechselt.

Am Tag danach informierte Patrick Holl auch diese Zeitung. „Ich habe die Zusage selbst erst am Donnerstag bekommen“, erklärt er. Es sei keine Entscheidung gegen Beilstein oder das Amt gewesen, sondern für die neue Stelle. „Eine solche Chance bekommt man vielleicht nur einmal in seinem Berufsleben.“ Er habe es sich nicht leicht gemacht und sorgsam abgewägt. Als Erster Beigeordneter fungiert Holl zunächst acht Jahre lang als stellvertretender Geschäftsführer des kommunalen Landesverbandes.

Die Freude am Bürgermeisteramt habe er nicht verloren, betont Patrick Holl auf Nachfrage. Ihn fordere die neue Aufgabe heraus. „Die kommunale Selbstverwaltung ist ein stabiler Anker in unserem Gemeinwesen – dafür möchte ich mich einsetzen.“ Probleme im Amt in Beilstein habe es nicht über das normale Maß hinaus gegeben. Dass er nach nur einem Jahr nach seiner Wiederwahl gehe und dies negativ aufgefasst werden könnte, sei ihm bewusst. „Ich hoffe, dass dieses Gefühl vorübergeht, sollte es bei dem ein oder anderen aufkommen.“

In Beilstein hatte Patrick Holl im Jahr 2011 das Ruder übernommen, nachdem er zuvor als Kämmerer in Ingersheim tätig war. Er fand eine Kommune vor, in der es politisch tiefe Risse gab. Der Streit darüber, ob Aldi oder Edeka sich auf einem Grundstück in der Stadtmitte ansiedeln dürfte, hatte unter seinem Amtsvorgänger zu erbitterten Debatten und einem direkten Bürgervotum geführt. Tatsächlich gelang es Holl, Ruhe in das politische Alltagsgeschäft zu bringen. „Mir war wichtig, nicht unnötig zu polarisieren“, sagt der Verwaltungschef, der mit seiner Frau Désirée und seinen beiden Töchtern Laura (9) und Sophia (5) in der Langhansstadt auch nach seinem beruflichen Wechsel weiterleben möchte.

Wie es im Rathaus nach dem Weggang Holls Ende Januar oder Februar weitergeht, beschäftigt nun auch die Stadträte. Patrick Holl verlässt die Stadt ausgerechnet in einer Zeit, in der über wichtige Zukunftsprojekte entschieden werden muss. Holl sieht das Neubaugebiet Hartäcker und die Sanierung des Herzog-Christoph-Gymnasiums auf einem guten Gleis. „Nur beim Ahorn-Pflegeheim und dem Libanon-Areal muss der Knoten noch zum Platzen gebracht werden.“ Für den Neubau des Altenheims sucht die Stadt einen geeigneten Standort. Bei möglichen Kauf des Hauses Libanon könnte die Kommune dafür sorgen, dass mehr als 100  Angehörige der insolventen Spätregen-Mission weiterhin ein Obdach haben.

Überrascht zeigten sich die Sprecher der Fraktionen auf Nachfrage. „Ich gönne es ihm beruflich von Herzen, wir müssen jetzt viele dicke Bretter bohren und im Rathaus und im Rat noch enger zusammenrücken“, sagt Oliver Muth von den Freien Wählern. Als erster Bürgermeister-Stellvertreter wird er in der Übergangszeit bis zur Amtseinsetzung des Nachfolgers im neuen Jahr gemeinsam mit Kämmerer Werner Waldenberger Holl vertreten.

Viel Arbeit komme auf das Gremium zu, ist sich Oliver Kämpf von der Bürgerliste sicher: „Es ist die Stunde des Gemeinderats.“ Kämpf warnt davor, die Verwaltung mit zu vielen Aufgaben zu überlasten, die der Nachfolger ohne eigene Spielräume dann abarbeiten müsse.

Vertrauen in die Teamfähigkeit des Rathauses hat Thomas Bausch (Initiative). Patrick Holl solle nun für jedes Projekt einen Projektmanager ernennen. „Das Zentrieren auf eine Person allein fällt uns beim Weggang auf die Füße“, denkt er.

Wolfgang Behr von der FDP bescheinigt Patrick Holl, mit Herzblut im Amt tätig zu sein. Er könne seine Entscheidung verstehen. Die Beschlüsse zum Ahorn-Heim und zum Grundstück der Spätregen-Mission müssten zeitnah erfolgen.

Den Blick nach vorne richten will auch Bernd Kircher von der SPD. „Wir werden dem Nachfolger kein gemachtes Bett, aber ein gut gedüngtes Beet übergeben“, sagt er und hofft, mit den Kollegen schnell einen Fahrplan für die Wahl zu finden.