Pandemie behindert Austausch Schwere Zeit für die Städtepartner

Von Oliver von Schaewen
Freudig ist stets die Begrüßung, wenn die Freunde aus Frankreich nach langer Busfahrt in Marbach eintreffen. Foto: Schaewen

Die Verbindungen von Marbach zu den befreundeten Kommunen im Ausland leiden nach wie vor unter den politischen Vorgaben der Corona-Pandemie.

Marbach - Die Pandemie schwächt seit 22 Monaten das gesellschaftliche Leben – und das nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland. Die Lähmung erstreckt sich auch auf die Städtepartnerschaften. Und in der Schillerstadt Marbach, die sich aufgrund ihres literarischen Renommees gerne weltoffen zeigt, stehen die Uhren ebenfalls weitgehend still, wenn es um internationale Begegnungen in diesem Jahr geht.

Seit zwei Jahren gibt es schon keine Schüleraustausche mehr

Schüleraustausche finden schon seit zwei Jahren nicht mehr statt, berichtet Daniel Hofsäß, bei dem die Fäden der Marbacher Auslandsbeziehungen seit einem Jahr zusammenlaufen. Hofsäß löste die zurückgetretene SPD-Stadträtin Ute Rößner ab. Der bisherige zweite Vorsitzende des Partnerschaftskomitees sieht sich aber lediglich kommissarisch im Amt und würde es wegen starker beruflicher Verpflichtungen gerne in andere Hände legen. Gleichwohl habe er alles getan, um trotz der Corona-Pandemie die Verbindungen in die Partnerstädte L’Isle-Adam, Washington/Missouri und Tongling sowie mit dem befreundeten türkischen Tirebolu zu pflegen.

Der Besuch aus den USA wird zum dritten Mal abgesagt

Die wichtigste Nachricht dürfte die Absage des geplanten Besuchs aus Washington sein. „Es ist unsere größte Baustelle“, sagt Hofsäß, der nur allzu gerne eine Delegation aus der Stadt im US-Bundesstaat Missouri empfangen hätte – doch die für Mai geplante Begegnung anlässlich des 30-jährigen Städtebundes musste zum dritten Mal verschoben werden. Die Corona-Situation sei noch ernster als bei uns, habe Karen Straatmann, Präsidentin des Washingtoner Partnerschaftskomitees, erklärt. So habe es im 104 000 Einwohner zählenden Landkreis Franklin Count insgesamt rund 15 000 Covid-19-Fälle mit 232 Verstorbenen gegeben. Aktuell seien acht Corona-Patienten im Krankenhaus. An eine Reise nach Europa sei derzeit nicht zu denken. Im April finden Bürgermeisterwahlen statt. Die amtierende Sandy Lucy, die schon zweimal in Marbach war und sich stark für die Städtepartnerschaft interessierte, werde bei der Wahl nicht mehr antreten.

Die Hoffnungen in Frankreich ruhen auf dem September

Aufs Engste verbunden bleiben möchte die Schillerstadt auch mit den Freunden aus dem französischen Städtchen L’Isle-Adam. Zu der Kommune an der Oise nördlich von Paris unterhält Marbach seit 34 Jahren eine Partnerschaft. Nachdem eine Begegnung im Jahr 2020 coronabedingt ausgefallen war, klappte es im September 2021 wieder. „Unser Glück war, dass wir einfach weiter geplant hatten“, erzählt Daniel Hofsäß, denn von Mai an seien die Inzidenzen so niedrig gewesen, dass eine Marbacher Delegation vier Monate später anreisen und sich unter anderem am Anblick des nach Plänen des gestorbenen Künstlers Christo verhüllten Pariser Triumphbogens erfreuen konnte. Ute Rößner und Dieter Zagel verkauften auf dem Weihnachtsmarkt der französischen Stadt selbst gemachten Weihnachtsschmuck und übergaben literweise Glühwein zugunsten der Partner. Die Covid-Verhältnisse seien in L’Isle-Adam, so Hofsäß, in einem erträglichen Ausmaß. Im September hoffe man wieder auf einen Besuch der Freunde.

Der Bürgermeister in der Türkei würde sich über einen Besuch freuen

Auf einem guten Weg zu einer vertieften Freundschaft war Marbach noch 2018 mit der 20 000-Einwohner-Stadt Tirebolu an der türkischen Schwarzmeerküste. Damals kam eine Delegation an den Neckar, danach unterband die Pandemie den geplanten Gegenbesuch. „Der Besuch wird nachgeholt, wenn das Reisen wieder sicherer ist“, sagt Daniel Hofsäß. Tatsächlich schlugen die Wellen der Politik in der Stadt hoch, berichtet Jakub Elevli, Marbacher Bürger und Motor der Freundschaft. Im Fernsehen sei berichtet worden, dass der früher schon als Bürgermeister tätige Burhan Takir wieder ins Amt kam und einen Haushalt übernehmen musste, der einen Schuldenstand von umgerechnet 7 Millionen Euro aufwies. Takir selbst hatte dem Nachfolger laut Elevli rote Zahlen in Höhe von lediglich 350 000 Euro überlassen. „Inzwischen sind die Schulden aber wieder abgetragen.“ Der Bürgermeister lade die Marbacher nach wie vor herzlich ein – es müsse kein offizieller Besuch sein, es könnte auch einfach eine Gruppe mit Privatpersonen kommen. Der Landkreis Giresun weise eine hohe Impfquote (90  Prozent Erstimpfungen, 82 Prozent Zweitimpfungen und rund 40 Prozent Booster-Impfungen) auf, die Inzidenz sei weit niedriger als in Deutschland.

Der Austausch mit den Freunden aus China findet virtuell statt

Auf Eis liegt seit zwei Jahren die Feier zum 30. Jahrestag der Städtepartnerschaft zwischen Tongling und Marbach. „Da persönliche Treffen nicht möglich sind, sucht man nach neuen Wegen des Austauschs“, erzählt Hofsäß. Für 2022 plane Tongling gemeinsam mit anderen Städten am Yangtse eine virtuelle Veranstaltung mit Partnerstädten in aller Welt, zu der auch Marbach eingeladen wurde. Marbach eruiert derzeit die Möglichkeit, eine Ausstellung mit Werken Tonglinger Künstler im Rathaus zu organisieren. Als Antwort auf die virtuellen Weihnachtsgrüße aus Tongling planen Schüler des Friedrich-Schiller-Gymnasiums, für die Partnerschule Kurzvideos zum chinesischen Frühlingsfest am 1. Februar 2022 zu machen. An diesem Neujahrstag beginnt nach dem chinesischen Kalender das Jahr des Tigers.