Oldtimer in Oberstefeld Den ersten Oldtimer hat Merkels Chauffeur selbst hergefahren

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Die italienischen Autos mit Fahrern (von links) Lancia Delta Integrale HF (Josef Tudisco), Fiat 124 Spider Abarth (Julian Tudisco), Alfa Romeo Montreal (Luca Parrilla), Fiat 500 (Giacomo Parrila) . Foto: Avanti/Ralf Poller/Avanti

In einer kleinen Halle in Oberstenfeld wird grün-weiß-roten, italienischen Oldtimerträumen neues Leben eingehaucht. In dieser Welt aus italienischer Leidenschaft und schwäbischer Präzision fühlt man sich in ein Italien der 1970er-Jahre versetzt.

Oberstenfeld - Von außen leuchtet die kleine Halle in Oberstenfeld in den Farben der berühmten Silberpfeile. Guiseppe Tudisco, den alle nur Josef nennen, begrüßt mit dem Charme eines patrone di casa vor seinem Gebäude. Der 56-jährige Hausherr führt in das Reich seiner automobilen Träume.

Nur einen Schritt durch das Hallentor hindurch, ist man gefühlt ins Italien der 1970er-Jahre zurückversetzt und in einer grün-weiß-roten Welt. Das Auge weiß nicht, auf welchem automobilen Leckerbissen es zuerst verweilen soll. In sanftem Hellblau leuchtet der Fiat 124 Spider Abarth. In liebevoller 500-stündiger Arbeit über ein Jahr verteilt, wurde die automobile Rarität wieder zu Hochglanz aufbereitet.

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Als verstaubtes Stück Blech hat es Tudisco in Italien gefunden. In liebevoller harter Arbeit haben sie das historische Kleinod in ein Stück italienischer Fahr- und Lebensfreude verwandelt. 1970 gebaut, hat es der Autoliebhaber 2003 gekauft. Daneben steht ein sehr seltener Lancia Delta Integrale HF im Martini-Design aus dem Jahr 1989. Von dieser über 200 PS-starken Rarität wurden nur wenige Exemplare weltweit für Rallyes gebaut. „Das ist meine Sparbüchse auf vier schwarzen Gummis“, sagt Tudisco. Keine Frage, hier huldigt jemand mit seiner Leidenschaft seiner italienischen Wurzeln. Mit ausgesprochenen Sammlertrieb findet Tudisco ein Exemplar seines ersten eigenen Autos: ein Fiat Uno Turbo. In Berlin hat er ihn entdeckt.

Angela Merkels Chauffeur bringt einen Oldtimer persönlich

Der Kauf muss schnell gehen. Das Geschäft kann er nicht persönlich, sondern nur über Freunde abwickeln. Über Zufälle, wie sie nur das Leben schreibt, bringt ihn der Chauffeur von Bundeskanzlerin Angela Merkel ins Bottwartal. „Jedes Auto hat seine eigene Geschichte“ und die weiß Tudisco wahrlich meisterhaft zu erzählen. Währenddessen brennt in seinen Augen eine automobile Leidenschaft – für italienische Marken. Keine Frage, er findet deutsche Autos gut, sehr gut sogar. Doch sein Herz gehört den Italienern, Fiat allen voran. Seine Frau hat längst schmunzelnd akzeptiert, dass sie ihren Josef mit seinen automobilen Geliebten teilen muss. Oben in der Halle hängen viele Erinnerungsstücke, die ein kleines Fiat-und Spider-Museum bestens ausstatten würden. Und hier oben steht auch seine erste Liebe. Oder ist es nach seiner Frau die zweite große Liebe? Pardon, so genau weiß man das bei Josef nicht. Und das ist keineswegs abschätzig gemeint. Hier steht der Kristallisationspunkt seiner jugendlichen Sehnsüchte: ein Fiat Volumex Spider als Cabrio, der nur 500 Mal gebaut wurde. Mit ihm fährt die junge Familie in den Urlaub an den Gardasee. Und wer glaubt, sein Sohn hätte dadurch ein Trauma erlitten, der irrt. Sohn Julian hat das nicht davon abgehalten, viel von seiner Leidenschaft zu teilen. In seiner automobilen Jugendliebe geht er mit seinem Sohn mit Skiern hinten aufgeschnallt zum Sommerskilauf hoch oben am Stilfser Joch. Und wenn es geregnet hat, dann wird es eben nass. Denn das Verdeck kann ja wegen der Skier nicht geschlossen werden.

Tudisco läuft auch Marathon

Das ist dann wahrlich eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Doch Tudisco senior kümmert so etwas nicht. Der Mann ist hart im Nehmen. Über zehn Jahre hat er seine Laufleistungen vom Beginner zum Ausdauertalent gesteigert. Berlin, Stockholm, New York – er kennt die Marathons dieser Welt. Erst die kaputten Knochen bremsen ihn ein. So wendet er sich wieder seinen automobilen Lieblingen zu. Keine Frage: was Tudisco macht, macht er mit Leidenschaft. Für die Gesundheit radelt er jetzt wegen der Gelenke. Doch viel zu wenig, wie er findet. Doch einmal im Jahr die Via Claudia Augusta, die alte Römerstraße über die Alpen, das muss sein. Von den – natürlich italienischen Rennradklassikern von Bianchi bis Gios Torino an den Wänden, ist er zwischenzeitlich der Knochen wegen auf ein E-Bike umgestiegen. Und ein Muss ist die Station in Sirmione, kurz vorm Gardasee. Das ist wie heimkommen oder ankommen, meint er.

Hobby und Beruf verschmelzen

Beruflich ist er KfZ-Meister in einem – wen wundert’s – Autohaus italienischer Marke, das sich auch auf die Restauration von alten Fahrzeugen spezialisiert hat. Und so verschmelzen bei Tudisco Beruf und Hobby. Was andere als Last empfänden: Tudisco genießt es. Seine Kunden werden von ihm regelmäßig über den Stand ihrer zu restaurierenden Lieblingsfahrzeuge informiert. Und seine Begeisterung springt auf die Kunden wie ein loderndes Buschfeuer über.

Ihr neuestes privates Projekt ist ein himmelblauer Fiat 500 aus dem Jahr 1971. Die liebevoll restaurierte Knutschkugel gehört Freund Giaccomo, von allen kurz Giacco genannt. Das kleine Wägelchen lässt jedes Frauenherz höher schlagen und manchen steroiden Besitzer von teuren PS-Boliden vor Neid verblassen. Bei der Restauration ist italienische Leidenschaft mit schwäbischer Präzision symbiotisch verschmolzen.

Was kommt für jemanden, der sich schon so viele automobilen Träume erfüllt hat? „Ich habe ja jetzt schon viel zu wenig Zeit für meine Schätze“, sagt Tudisco. Meist fahre er sie ein paar Jahre, verkaufe sie dann an einen Liebhaber weiter – verliebt sich neu in etwas, was für Nicht-Fachleute wie ein Häufchen Schrott aussieht. Und dann stürzt er sich ins nächste Restaurationsabenteuer einer italienischen Schönheit. Für Giaccomo dagegen ist klar: Seine „reizende Fiat-500-Schönheit gibt er nicht mehr her“.