Oberstenfeld Werzalit-Gelände könnte Wohndruck mindern

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Das Werzalit-Areal soll neu bebaut werden. Foto: Archiv (Werner Kuhnle)

Oberstenfeld - Es gab Zeiten, in denen die Gemeinde Oberstenfeld ein Neubaugebiet nach dem anderen entwickelte. Den Nutzen davon hatten die nachfolgenden Generationen – junge Familien aus dem Ort konnten sich ansiedeln. Vorteile zog aber auch die Gemeinde. Sie kassierte hohe Anteile an der bundesweit erhobenen Einkommensteuer. Jetzt jedoch droht das Erfolgsmodell ins Schlingern zu geraten. Das frisch entwickelte Neubaugebiet Dürren IV am Fuße des Lichtenbergs verzögert sich wegen der Vergrämung von Eidechsen. So kann erst im Oktober 2020 mit der Erschließung des 2,3 Hektar großen Neubaugebiets begonnen werden, in dem etwa 100  Wohneinheiten entstehen sollen.

Hoher Wohndruck im Bottwartal

Geduld ist also gefragt, dabei ist der Wohndruck im oberen Bottwartal hoch. Da sich immer weniger Menschen teure Einfamilienhäuser leisten können, rücken Mehrfamilienhäuser mit Geschossbau in den Fokus. Solche Gebäude könnten auf dem Gelände von Werzalit entstehen. Das Industrieunternehmen ist nach einer Insolvenz verkauft worden. Auf dem etwa 10,6 Hektar großen Areal könnten Wohnbauunternehmen die hohe Nachfrage bedienen. Die Gemeinde hatte mit einer Veränderungssperre zuvor die Weichen dafür gestellt, dass sie bei der Gestaltung des Bebauungsplans mitreden kann.

Welche Gebäude unweit der Ortsmitte entstehen, wird auch davon abhängen, welches Bauunternehmen den Zuschlag erhält. Dass es bei solchen Projekten mitunter nicht geräuschlos zugeht, macht das Beispiel Marbach deutlich. Dort stemmte sich die Gemeinde dagegen, dass Bauunternehmen maximalen Profit erzielen und so hohe Preise vorgeben, dass weite Teile der Bevölkerung vom möglichen Kauf eines Objekts ausgeschlossen bleiben. Inwieweit sich der Gemeinderat für erschwinglichen Wohnraum einsetzen kann, bleibt abzuwarten. Der Bürgermeister Markus Kleemann sieht „gewisse Einflussmöglichkeiten“ in Form eines städtebaulichen Vertrages mit einem Investor. „Wir können Baurecht schaffen und wirken mit, welche Art von Gebäuden entsteht“, sagt er, räumt aber auch ein, dass ein Bauunternehmen erst investieren müsse und natürlich nicht draufzahlen wolle. Aufgrund der hohen Nachfrage junger Familien nach Wohnungen werde man sich auch für Mehrfamilienhäuser einsetzen, die in einem attraktiven Mix mit Gewerbe entstehen.

Hohe Personalkosten durch Kindergärten

Die Finanzen der Gemeinde haben sich nach dem Amtsantritt Kleemanns im Jahr 2015 merklich stabilisiert. „Es sieht deutlich besser aus, unsere Sparmaßnahmen und die Steuer- und Gebührenerhöhungen haben sich ausgezahlt“, sagt der Bürgermeister. Die Schließung der Gronauer Grundschulfiliale war umstritten, inzwischen gelten die Kinder aus den Teilorten als sehr gut integriert. Sie können an der Lichtenbergschule im Kernort länger und besser betreut werden als in dem alten Schulgebäude, das inzwischen an einen Gronauer Unternehmer verkauft wurde. Die Kinderbetreuung ist in Oberstenfeld schon immer besonders gefördert worden. Da die Gemeinde selbst sechs Kindergärten betreibt, hat sie hohe Personalkosten. Trotzdem sieht sie die Kinderbetreuung als wesentlichen Bestandteil ihrer Infrastruktur an. „Wir müssen für junge Familien attraktiv bleiben“, sagt Markus Kleemann, der unter anderem mit Prämien versucht, den Personalstamm an den Kindergärten zu halten und den Schichtdienst der Ganztagsbetreuung besser bezahlen lässt. Der neu errichtete Naturkindergarten in Prevorst und die umgebaute Hausmeisterwohnung des Bürgerhauses tragen dazu bei, dass die hohe Nachfrage in Zeiten des Babybooms gedeckt werden kann.

Chance Bottwartalbahn

Bessere ÖPNV-Angebote wünscht sich die Gemeinde schon länger. Der Anschluss des entlegenen Prevorst ans Busnetz ist verbessert worden. Allerdings ist das notorisch verstopfte Nadelöhr an der L1100 zwischen Murr und Marbach ein Problem. Im Gemeinderat ist deshalb schon öfter der Wunsch geäußert worden, die Busverbindung nach Backnang zu stärken, um dort in die S-Bahn einzusteigen. Vermutlich müssen die Oberstenfelder dicke Bretter bohren, um weiterzukommen. Noch mehr Geduld dürfte gefragt sein, bis Schwung in das Projekt Stadtbahn von Marbach nach Heilbronn kommt. Nachdem Oberstenfeld vor Jahren noch wegen möglicher hoher Kosten als Bremser galt, zeigt sich die Kommune inzwischen interessiert und wartet gespannt auf die Ergebnisse der Untersuchung. Fördergelder des Bundes könnten den Betrieb langfristig ermöglichen.

Die Sanierung des Stiftsgebäudes für rund drei Millionen Euro hat Kapital gebunden, war aber angesichts des Stellenwerts als eines der Wahrzeichen unumgänglich. Dabei wird auch Raum für Betreutes Wohnen generiert. Die Gemeinde stellt sich damit der Aufgabe, auch für Ältere lebenswert zu bleiben.

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