Oberstenfeld/Tennis „Mein Traum wäre es, umsonst arbeiten zu können“

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Zeljko Alviz auf der Terrasse des TCO – häufiger steht er allerdings auf einem der acht Plätze des Vereins. Foto: avanti

Oberstenfeld - Bei strahlend blauem Himmel und mit einer Tasse Cappuccino vor sich sitzt Zeljko Alviz auf der Clubhaus-Terrasse des TC Oberstenfeld. Hier hat der Tennistrainer seit 2009 seine berufliche Heimat – und ist aus dem Club kaum noch wegzudenken. Es ist bereits das zweite Mal, das der 54-Jährige beim TCO arbeitet. „Angefangen hat alles im Herbst 2002. Der damalige Vorstand Walter Gundermann und Dieter Haid, der heute den Verein führt, haben mich angesprochen. Ich habe damals hier in der Halle für den TC Aspach Training gegeben. Sie haben mich gefragt, ob ich ab dem Frühjahr 2003 für den TCO arbeiten möchte“, erinnert sich Alviz. Doch bis der Kroate im Bottwartal startete, hatte er bereits einen langen Weg hinter sich – einen, der auch vor Krieg und Krankheit nicht halt machte.

„Aufgewachsen bin ich in Sibenik, das ist eine kleine Stadt in Dalmatien, etwa so groß wie Backnang, wo ich heute wohne.“ Mit dem Tennis kam er als Kind erstmals in Berührung – und zwar durch das Fernsehen. „Ich habe ein Match zwischen Ilie Nastase und Zeljko Franulovic gesehen, und ich war begeistert von der Eleganz dieses Spiels. Mir war auch früh klar, dass ich eine Einzelsportart machen will. Die Fehler anderer auszubügeln, das war nichts für mich.“ Der TC Subicevac war sein erster Club. „Der Verein hatte nicht einmal eigene Plätze, die gab es damals nur in Hotelanlagen“, blickt er zurück.

Sportlich gesehen war Zeljko Alviz recht gut, „ein- oder zweimal Bezirksmeister“. Doch seine wirkliche Tennislaufbahn begann erst, als er nach der Militärzeit die Trainerausbildung absolvierte. „Die macht man bei uns in der Universität. Ich würde sagen, dass die mit dem B-Trainer hier vergleichbar ist. Als ich später in Deutschland die C-Lizenz gemacht habe, war da jedenfalls für mich nichts Neues dabei.“ Am Ende von Trainerausbildung und Prüfungen bekam man das Diplom mit insgesamt 27 Teilnoten. Zeljko Alviz hatte 25 Einsen, „aber ich habe nur die beiden Zweien gesehen und mich darüber wahnsinnig geärgert. Ich hatte auch ein Ingenieurstudium begonnen, meiner Mutter zuliebe. Da habe ich die Prüfungen nur gemacht, um zu bestehen. Im Tennis aber war ich nur mit dem Besten zufrieden. Das hat mir gezeigt, dass hier meine berufliche Zukunft liegen muss.“

Zunächst arbeitete er in Zagreb, bis dann sein Heimatverein 1990 eine Anlage mit zehn Plätzen baute. Dort wurde Zeljko Alviz einer der fünf Trainer. „Wir hatten 200 Kinder, jeder bekam 40 zugeteilt. Vor den Ferien gab es dann ein großes Turnier: Jungen und Mädchen jeweils U12 und U14 – und in allen vier Kategorien gewann ein Kind aus meiner Gruppe. Die Vereinsbosse dachten dann, das könne kein Zufall sein, und ich wurde Cheftrainer.“ Diese Zeit wurde jedoch durch den Krieg beendet. Zeljko Alviz meldete sich als Freiwilliger. „Ich hatte das Gefühl, dass der Angriff kommt. Am 15. September 1991 habe ich mich gemeldet, einen Tag später ging es los.“ Er überstand diese Zeit unbeschadet, es kam zu einem Waffenstillstand. „Man wusste damals ja nicht, wie lange der halten würde – letztlich waren es drei Jahre. Aber es hatte natürlich niemand mehr Interesse an Tennisunterricht. Mir war klar, dass ich weg musste“, erzählt Zeljko Alviz.

Über seinen damals besten Freund und späteren Trauzeugen Josko Skugor kam er in einem Tenniscamp in Österreich unter – als Platzwart. „Joskos Sohn Franko ist heute Tennisprofi. Er hat gerade erst beim Turnier in Monte Carlo den Doppel-Titel gewonnen“, sagt Alviz. Der Kontakt zu Josko Skugor ist seit ein paar Jahren allerdings abgebrochen, die Freundschaft ging im Streit auseinander. Über das Camp in Österreich kam Zeljko Alviz dann als Trainer in eine andere Anlage am Gardasee, alles lief damals über eine Tennisschule in Stuttgart. „Zunächst war das immer nur ein Engagement für ein paar Wochen. Auch meine erste Fahrt von Villach zum Gardasee mit der Bahn war echt abenteuerlich“, erinnert sich der 54-Jährige.

Am Ende bleib Zeljko Alviz insgesamt vier Jahre am Gardasee – und lernte dort im August 1994 seine heutige Frau Anke kennen. „Sie kommt aus Degerloch und hatte bei mir einen Tenniskurs. Kurz vor Saisonende im Oktober habe ich dann meine Eltern zum Gardasee eingeladen und ihnen Anke vorgestellt. Meiner Mutter war sofort klar, dass das etwas Ernstes ist.“ Als er davon erzählt, merkt man dem sonst so besonnen wirkenden Kroaten an, wie er mit den Emotionen kämpft. Eigentlich ist Zeljko Alviz ja das genaue Gegenteil des Klischees, kein bisschen impulsiv und temperamentvoll, wie man es den Menschen vom Balkan gerne nachsagt. „Ich bin ein Kopfmensch“, sagt er. „Aber die wichtigsten Entscheidungen meines Lebens habe ich mit dem Herzen getroffen. Wenn ich mich frage, was die schwierigste Aufgabe im Leben ist, dann sicherlich eine Frau zu finden, eine Familie zu gründen und diese zu erhalten. Denn für diese Dinge gibt es keine Ausbildung.“

1997 zieht Alviz nach Deutschland, heiratet, und bald darauf kommt seine Tochter Laura zur Welt. Sie ist heute 21 Jahre alt. Natürlich stand sie auch mal auf dem Tennisplatz. „Aber ihre Talente liegen woanders“, erklärt der Vater. „Sie war in der Nationalmannschaft im Debating, also dem sportlichen Wettstreit im Debattieren. Das wird alles auf Englisch gemacht – und sie war dort die einzige, bei der nicht mindestens ein Elternteil Englisch als Muttersprache hatte. Sie hat das also alles geschafft, ohne dass wir ihr helfen konnten.“ Man merkt Zeljko Alviz an, wie stolz er auf seine Tochter ist. „Sie studiert Politik, macht derzeit ein Auslandssemester und hat schon ein Praktikum bei der deutschen Botschaft in London sicher. Sie ist extrem ehrgeizig und hat da viel von mir: Sie ist nur mit dem Besten zufrieden.“ Das klingt allesziemlich nach „deutschen Tugenden“, und Alviz verrät: „Ich mag die deutsche Mentalität: Disziplin, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, dass man zu seinem Wort steht. Ich habe zum Beispiel bis heute keinen Vertrag mit dem TC Oberstenfeld.“

Seine ersten beruflichen Stationen in Deutschland waren der TC Aspach und der TC Gaildorf – bis dann das bereits erwähnte erste Engagement in Oberstenfeld folgte. Parallel begann auch die Zusammenarbeit mit dem damaligen Jungprofi Sebastian Fitz. „Er war etwa auf Platz 750 der Weltrangliste, als ich ihn das erste Mal sah. Ich war begeistert und habe zu ihm gesagt: ,Du arbeitest mit den falschen Leuten.’ Ich habe ihn dann eine Weile gratis trainiert, und wir haben vereinbart, dass er erst dann dafür bezahlt, wenn er ein gewisses Ranking erreicht hat. Er gewann dann gleich das erste Turnier nach ein paar Wochen unserer Zusammenarbeit“, erinnert sich Alviz.

Anfangs lief die Arbeit mit Sebastian Fitz parallel zum Training beim TC Oberstenfeld. Doch schließlich vermittelte er dem Verein einen anderen Trainer und konzentrierte sich dann ganz auf seionen Schützling. Bis auf Platz 257 der Welt schaffte der es. „Für den letzten Schritt noch weiter nach oben fehlte ihm in den entscheidenden Momenten aber der Mut. Ich habe irgendwann gemerkt, dass es nicht mehr weitergeht“, sagt Alviz, der zudem noch ein ganz anderes Problem bekam: Bei einer Turnierreise in Usbekistan erkrankte er schwer. Die Diagnose lautete „Guillain-Barré-Syndrom“, eine Autoimmunerkrankung mit Lähmungserscheinungen, mit der er lange zu kämpfen hatte.

Ab 2009 arbeitete Alviz dann wieder für den TC Oberstenfeld. „Steffen Gundermann hat da eine ganz wichtige Rolle gespielt. Sie hatten zwischenzeitlich verschiedene andere Trainer, und er hat sich dafür stark gemacht, dass ich zurückkomme. Heute ist er quasi meine rechte Hand – und ich könnte mir da niemand besseren vorstellen.“ Als Alviz das erste Mal beim TCO war, war Gundermann ein talentierter Teenager. „Er und Guido Tröster waren die besten Jungs des Vereins – und beide spielten für Backnang. Ich habe dann zum Vorstand gesagt, sie sollten die beiden zurückholen, etwas Geld auftreiben, und wir bauen eine starke Mannschaft auf. So hat das begonnen.“ Mittlerweile spielt der TCO seit Jahren in der Württemberg- oder Oberliga, Gundermann ist inzwischen der „Oldie“ des Teams. „Sein Potenzial habe ich anfangs wegen seiner individuellen Technik unterschätzt, das gebe ich zu. Aber er hat einen überragenden Killerinstinkt“, sagt Alviz, der in Sachen Tennis von sich behauptet: „Ich sehe Dinge, die andere nicht sehen.“

Womit er zum Teil auch aneckt. So präsentierte er bei seiner B-Trainer-Prüfung eine Theorie zu verschiedenen Aufschlagtechniken und einigen sich daraus ergebenden Folgen. „Das basiert rein auf Physik und ist mir schon vor Jahrzehnten klar geworden. Aber man findet es bis heute in keinem Lehrbuch.“ Dass der damalige württembergische Cheftrainer – und nicht nur er – das Ganze mehr oder weniger abbügelte, ärgert Zeljko Alviz bis heute. „Mich stört die Einstellung, dass das eigene System das richtige ist. Es gibt kein richtiges System, alles hat seine Vor- und Nachteile.“

Und so verwundert es auch nicht, dass Alviz sagt, man dürfe als Trainer „nie zufrieden sein. Das Streben nach Entwicklung muss immer da sein.“ Das gilt auch für den TC Oberstenfeld. Die aktuelle Konstellation mit ihm als Cheftrainer und mehreren weiteren Trainern für verschiedene Bereiche funktioniere derzeit gut. „Aber man kann sich immer verbessern. Wir haben zum Beispiel das Problem, dass die meisten sportlich talentierten Jungen vorrangig zum Fußball gehen.“ Bei der Frage, ob er denn hier beim TCO dennoch seinen Traumjob gefunden hat, muss Zeljko Alviz etwas nachdenken. So gerne er Trainer in Oberstenfeld ist, „mein Traum wäre es, umsonst arbeiten zu können. Wenn ich irgendwo eine Geldquelle hätte, die mir nur das bringt, was ich monatlich zum Leben brauche, dann würde ich mir drei, vier Spieler aussuchen, mit denen ich arbeite – und das würde ich dann gratis machen.“