Oberstenfeld Kwa heri Kenia

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Hannah Melcher kommt nach dem Jahr in Kenia bald zurück. Foto: privat

Oberstenfeld - Kaum zu glauben, dass mein Freiwilligendienst in Kenia nun vorbei ist. Die elf Monate vergingen wie im Flug. Ich habe es immer noch genau vor Augen, wie ich im September 2018 in Nairobi gelandet bin. Der Flug hatte Verspätung und wir kamen an, als es schon dunkel war. In dem Bus, der vom Flugzeug bis zum Gebäude des Flughafens fuhr, schwebten die Moskitos oben an der Decke und ich hatte echt Angst, gleich am ersten Abend Malaria zu kriegen, da sich mein Mückenspray noch in der großen Gepäcktasche befand. Schon am selben Abend gab es Entwarnung, Nairobi ist kein Risikogebiet. Es gab einfach so viele Dinge, die neu waren und an die man sich mit der Zeit einfach gewöhnt hat. Zum Beispiel, als ich das ersten Mal meine Wäsche von Hand gewaschen habe. Der Berg von Klamotten wollte einfach nicht kleiner werden. Das ist inzwischen überhaupt kein Problem, da waren sich eigentlich alle meine Mitfreiwilligen einig. Man plant einen Tag in der Woche zum Waschen ein, dann werden die Kopfhörer in die Ohren gesteckt und man sitzt für ein paar Stunden draußen und schrubbt. Das wurde bei mir schnell zur Routine, aus der sich dann ein Alltag ergab. Der erste Meilenstein für mich war, als ich einkaufen ging und alles auf Kiswahili bestellt habe. Das erste Mal Ugali essen hingegen, eine Art Brot aus Maismehl und Wasser, war eine Katastrophe. Heute ist es mit Spinat eine meiner Lieblingsspeisen.

Über all diese Dinge kann ich im Nachhinein nur schmunzeln, weil sie normal für mich geworden sind. So langsam entwickelte ich ein Gespür für viele Dinge. Ich kann ungefähr abschätzen, welche Begrüßungen angemessen sind, denn die sind je nach Alter anders. Small-Talk auf Swahili ist inzwischen kein Problem mehr, auch das Verhandeln auf dem Markt ist einfacher. Den Kohl kann ich in der Hand schneiden und der Kohlekocher geht auch immer leichter an. Das sind alles Kleinigkeiten, aber durch sie fühlt man sich der Kultur und der Gesellschaft mehr zugehörig. Ich glaube, mein Höhepunkt der Anpassung war, als ich bei 20 Grad im Pullover mit meiner Gastfamilie im Wohnzimmer saß und wir alle gefroren haben.

Aber dieses Jahr bestand für mich noch aus mehr wie diesen kleinen Anekdoten. Ich bin sehr dankbar darüber, dass ich von Anfang an mit offenen Armen empfangen wurde. Ich hatte wirklich Glück und eine super Gastfamilie. Anfangs hatte ich großen Respekt davor, das Jahr über bei einer kenianischen Familie zu wohnen. Denn das ist schon eine Umstellung. Für mich bedeutete es weniger Privatsphäre, jeden Abend sehr lange zu kochen, immer Kleidung ohne Ausschnitt und die über das Knie reicht zu tragen und jeden Abend vor der Dunkelheit zu Hause zu sein. Aber ohne meine Gastfamilie hätte ein Teil gefehlt und ich werde die Zeit sehr vermissen.

Ebenso als nicht verständlich nehme ich den Freiwilligendienst nun wahr. Nicht jeder Staat fördert in diesem Ausmaß junge Menschen, das ist schon ein Privileg. Aber ich finde auch, dass die Kritik an Freiwilligendiensten im Ausland nicht unbegründet ist. Es ist naiv zu denken, dass man damit die Welt verbessern würde. Wie auch? So gut wie alle Freiwilligen kommen ohne Berufserfahrung. Ich wollte mir es in dieser Position nicht anmaßen, etwas besser zu wissen als eine gelernte Fachkraft. Vor meinem Freiwilligendienst wurde mir einmal gesagt: „Einen Freiwilligendienst macht man paradoxer Weise in erster Linie für sich selbst und nicht für andere.“ Nach diesem Jahr kann ich sagen, dass diese Aussage nicht unberechtigt ist. Es heißt zwar Freiwilligendienst, aber in erster Linie habe ich selbst gelernt und nicht anderen etwas beigebracht. Für mich ist es ein kultureller Austausch und das Erleben anderer Perspektiven. Ich finde, das ist sehr wertvoll. Damit das alles nicht so abstrakt klingt, möchte ich gerne ein Beispiel bringen. In meiner Gastfamilie gibt es einige Familienmitglieder, die in meinem Alter sind. Ich fand es super spannend zu hören, wie sie die Welt sehen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, als was sie später einmal arbeiten wollen, was sie über die Politik in Kenia denken, aber auch alltägliche Dinge, wie zusammen kenianische Musik zu hören oder Filme zu schauen.

Wenn wir schon bei den Medien sind, ich bin auch so dankbar dafür, dass mir die Möglichkeit gegeben wurde, über meinen Freiwilligendienst zu schreiben. Mir hat es viel Freude bereitet und ich hoffe, ich konnte den Lesern „mein Kenia“ etwas näher bringen. Und falls das jemand liest, der sich überlegt, einen Freiwilligendienst im Ausland zu machen, kann ich nur sagen: Für mich war es auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Denn diese Zeit, ob gut oder schlecht, ist einmalig, so eine Gelegenheit bekommt man kein zweites Mal.

Nun bleibt mir nur noch zu sagen: Kwa heri – auf Wiedersehen.